Wer erziehen will, muss selber erzogen sein. Wer auf die Jugend wirken will, muss selber jung bleiben und unablässig an sich selber arbeiten.

 

Simon Gfeller, Schweizer Pädagoge und Mundartschriftsteller (1868 - 1943)

Unterricht > Methodik und Didaktik
Gehirnforschung, Methodik, Didaktik, Gedächtnis, Schluss, Urteil, Begriff, Schlaf, Ultrakurzzeitgedächtnis, deklaratives Gedächtnis, prozedurales Gedächtnis, Lernatmosphäre, Verstehen der Welt, Epochenunterricht, Lehrmethoden, Lernmethoden
Von: Reinhard Wallmann, Mai 2019,

Der «Dreischritt» als methodisch-didaktische Grundlage


Ein grundlegendes Vorgehen beim Lernen und Verstehen in der Waldorfpädagogik wurde von Rudolf Steiner durch Bezug auf die logischen Schritte Begriff, Urteil und Schluss als methodisches Grundprinzip für ein ganzheitliches Verbinden mit Weltinhalten entwickelt. Dabei spielt eine ganz besondere Rolle das Einbeziehen der Wirksamkeit der Nacht. Nun konnten über lange Zeit diese Ausführungen von Steiner vor allem durch wachsende Erfahrungen der Lehrer im Umgang mit dem daraus folgenden methodischen Vorgehen im Unterricht ihre Legitimation erhalten. Es ist aber durch die seither durchgeführten Forschungen möglich, einen auch wissenschaftlich legitimierten Zugang zu diesem Vorgehen zu erhalten. Deshalb werden zunächst die Ergebnisse der Schlafforschung erläutert, um anschließend den methodischen Dreischritt, wie ihn Steiner beschreibt, zu verdeutlichen. Dieser Artikel ist entnommen aus dem Buch „Aufbruch in die Welt, Waldorfpädagogische Grundlagen der Oberstufe mit Unterrichtsbeispielen“, Verlag am Goetheanum 2018.

Der Schlaf ist die Nabelschnur, durch die das Individuum mit dem Weltall zusammenhängt. Friedrich Hebbel

 

Die Bedeutung des Schlafs für die Gedächtnisbildung und Innovationsfähigkeit

Im Folgenden wird deshalb versucht, eine Brücke zu bauen von Rudolf Steiners Anregungen zur Gliederung des Unterrichts unter Einbeziehung der Nacht und der daraus folgenden methodischen Konsequenzen hin zu einigen Forschungsergebnissen bezüglich der Befestigung des Lernens in der Nacht. 

 

Bei aufmerksamer Beobachtung ist zu bemerken, dass sich Wahrgenommenes, Fragestellungen oder Probleme, die wir intensiv bewegt haben, nach dem Schlafen verändert haben; sie sind am nächsten Morgen beantwortet oder haben eine neue Qualität bekommen. Noch immer ist sehr rätselhaft, was ausgerechnet in dem unbewussten Zustand des Schlafens vor sich geht. Revolutionär für die damaligen pädagogischen Vorstellungen war die Idee von Rudolf Steiner, diese Erfahrung für ein vertiefendes Lernen zu nutzen, galt der Schlaf doch eher als passive Erholungsphase. So stellt er in einem Vortrag dar, dass sich nach ein bis drei Tagen das in der Welt Erlebte in unserem Gedächtnis befestigt habe, allerdings nicht ohne dass wir darüber geschlafen haben. (1)

 

Auch aus der Gehirn- und Schlafforschung zeichnet sich heute mehr und mehr ab, wie wichtig der Schlaf für das Verarbeiten von Tageserlebnissen und das Lernen sein kann, und es gibt Hinweise, dies für das Lernen zu nutzen. (2) Für den Unterricht folgt daraus, von dieser «Verwandlungskraft des Schlafes» nicht nur zu wissen, sondern für das «Was» (Didaktik) und das «Wie» (Methodik) des Unterrichtens die Fruchtbarkeit des Schlafes für das Lernen in der Unterrichtsgestaltung mit einzubeziehen. 

 

Schlaf ist nicht nur allgemein als Erholung wichtig, sondern fördert viele wichtige Körperfunktionen wie z. B. eine Stärkung des Immunsystems. Seit einer Reihe von Jahren verdichten sich die Hinweise darauf, wie in den verschiedenen Schlafphasen Erlebtes als Gedächtnis befestigt wird. Bei den Schlafphasen wird vor allem zwischen den Tiefschlaf- und den REM-Phasen (von rapid eye movement) unterschieden, die sich zyklisch 5 – 6-mal während des Nachtschlafs abwechseln. Träumen findet vorwiegend in den Phasen des REM-Schlafs statt. Tagsüber kann die Zeit für das Merken von Informationen sehr kurz – im Bereich von Millisekunden – sein (Ultrakurzzeitgedächtnis), davon wird dann das Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis unterschieden. Für Letzteres schaut man entweder mehr auf gelernte Fakten, Ereignisse, Kenntnisse usw. (deklaratives Gedächtnis) oder auf erworbene Fertigkeiten wie motorische Abläufe, also Tanzen, Fahrrad fahren usw. (prozedurales Gedächtnis). Für diese beiden verschiedenen Gedächtnisarten sind auch unterschiedliche Gehirnareale aktiv und die Muster der Gehirnaktivität während des Lernens ähneln denen im Schlaf. (3)

 

Entgegen früheren Annahmen, Lernen finde vor allem in den REM-Phasen statt, konnte Jan Born durch umfangreiche Versuche zeigen, dass das deklarative Gedächtnis sich im Tiefschlaf festigt und das prozedurale in den REM-Phasen. (4) Umgekehrt lässt sich auch untersuchen, wie Schlafentzug auf den Menschen wirkt. Dazu wurde in einer psychologischen Studie nachgewiesen, dass unsere Fähigkeiten zu innovativem Denken und zum Fällen von Entscheidungen schon nach einer einzigen schlaflosen Nacht beeinträchtigt werden. (5)

 

Nun geht es beim Lernen aber nicht nur um das Bearbeiten der Tageserlebnisse, deren Speicherung und das Sortieren nach «wichtig» und «unwichtig». Offenbar gibt es eine interessante qualitative Veränderung, die sich ja auch in den erwähnten Alltagserfahrungen ausdrückt, wenn intensiv erfragte Antworten nach dem Schlafen eine neue Sichtweise oder gar Beantwortung erfahren haben. Auch diese neuen Gesichtspunkte konnten nachgewiesen werden. In einer Studie sollten die Regeln für Zahlenreihen und deren letzte Zahl gefunden werden. Fast doppelt so vielen Teilnehmern wurden diese Regeln schlagartig klar, nachdem sie geschlafen hatten: Dies im Vergleich zu anderen Wachgruppen am Tag (8 Std. wach) oder einer durchwachten Nacht. (6) Die vielfältigen zu dem Themenkomplex durchgeführten Untersuchungen zeigen vor allem eines: Wir bedienen uns auch im Schlaf unseres Gehirns, vertiefen, festigen und interpretieren Erinnerungen und Erfahrungen. Aus wissenschaftlicher Sicht bleibt allerdings rätselhaft, wodurch das Neubewerten und das Innovative kommt.

 

Das Anwenden der Erkenntnisse über das Lernen im Schlaf

Neben unseren eigenen Erfahrungen über Veränderungen im Schlaf steht heute eine ganze Reihe von bildgebenden Verfahren zur Untersuchung des Gehirns zur Verfügung. Damit wird es möglich, die Tätigkeitsbereiche (den Stoffwechsel) des Gehirns zu visualisieren (EEG, PET, MRT, fMRT, 3-Tesla MRT u. a.). Gemessen werden z. B. der Sauerstoffverbrauch, der Glucoseverbrauch, der Blutdurchfluss oder elektrische Phänomene – also keine Gedanken, kein Lernen und keine Träume. Daher muss bei der Deutung von gemessenen Phänomenen besondere Sorgfalt in der Begrifflichkeit walten, lässt doch die Frage, was eigentlich beim Schlafen passiert, vieles noch offen. Für die Art und Weise der Gedächtnisspeicherung gibt es erst anfängliche Erklärungen.

 

Methodische Gliederung des Unterrichts unter Einbeziehung der Nacht: Schluss, Urteil und Begriff

Auffallend bei allen Vorschlägen zur Verbesserung der Lernleistung ist die Fokussierung auf den Lernerfolg unter Aussparung der Frage, was Lernen zu tun hat mit Bildung und damit im Kontext anderer menschlicher Fähigkeiten. Dies wird schon deutlicher, wenn man auf die Bedingungen einer guten Lernatmosphäre schaut. Interesse, Motivation und Aufmerksamkeit gilt es zu wecken, auch die Wichtigkeit, eine emotionale Verbindung mit Lerninhalten aufbauen zu können, ist bekannt. Außerdem geht es beim Lernen nicht nur um das Speichern und die Wiedergabe des Gelernten. Es geht auch um ein Verstehen der Welt, um das Bilden von Fähigkeiten und Fertigkeiten, kurz um Menschenbildung und Welterkenntnis. Für diesen Ansatz beim Lernen hat Steiner schon 1921 methodische Hinweise gegeben. (7) Dafür kann insbesondere der Epochenunterricht eine sinnvolle Gliederung erfahren, die sich in drei Schritten zwischen Lehrenden und Lernenden vollzieht. 

 

Unabhängig von der fachdidaktischen Perspektive charakterisiert Wilfried Sommer diese drei Phasen folgendermaßen: «Während in der ersten Phase die Weltbegegnung und der Blick nach außen im Vordergrund stehen und in der zweiten Phase der Schwerpunkt auf der persönlichen Auseinandersetzung mit dieser Weltbegegnung liegt, ist die dritte Phase so konzipiert, dass daraus nun gesetzliche bzw. begriffliche Zusammenhänge, allgemeine Bezüge, auswertende Analysen usw. abgeleitet werden.» (8)

 

Rudolf Steiner geht für die Urteilsbildung einen ungewohnten Weg, indem er vom Schließen ausgeht, dann die Urteilsbildung folgen lässt, und als höchste Qualität sieht er den Begriff. (9) Durch diesen Vorgang spricht der Unterrichtende den ganzen Menschen als denkendes, empfindendes und willensaktives Wesen mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten an.

 

Schema 1: Die drei Phasen des Unterrichts unter Einbeziehung der Nacht

 

Nach dem Dreischritt von Schluss, Urteil und Begriff schließt sich oft eine Phase des Übens, der Stillarbeit oder der Entwicklung neuer Fragestellungen an, «in welcher das Erarbeitete individuell gefestigt» wird. (10)

 

Wie Angelika Wiehl (11) den Blick auf die Lehr- und Lernmethoden für diese Phasenschritte zusammengefasst und gegenübergestellt hat, ist Schema 2 zu entnehmen.

 

Schema 2: Phasen des Erkennens 

 

Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

Hier sind Bedingungen und Methoden mit dem Schwerpunkt auf das vertiefende Lernen in der Nacht dargestellt worden. Sie werden in der Waldorfpädagogik von Anfang an aufgrund von Rudolf Steiners Anregungen angewendet und erfahren nach und nach auch von wissenschaftlicher Seite eine Bestätigung. Inwieweit hiermit umfassendere Lern- und Bildungsergebnisse erzielt werden, ist noch nicht beforscht; obwohl konkrete positive Unterrichtserfahrungen (im Sinne einer «Erfahrungspädagogik») durchaus dafür sprechen würden. Es handelt sich bei den dargestellten Zusammenhängen nicht um einen von alleine ablaufenden Mechanismus, der unabhängig von der Qualität des Lernvorgangs am Tage und der Art des Einschlafens funktioniert. Die alte Regel, das Vokabelheft am Abend vor einem Test unter das Kopfkissen zu legen, ist an sich noch keine Garantie für das nächtliche Aktivieren des deklarativen Gedächtnisses. Jedoch die bereits gelernten Vokabeln vor dem Einschlafen nochmals ins Gedächtnis zu rufen und ein gesunder Schlaf haben schon oft geholfen. Ein schlechter Schlaf, je nachdem, was vor dem Einschlafen passiert ist, wird dagegen weniger förderlich sein. Ähnlich verhält es sich mit der Lernsituation am Tage. Später erinnern wir uns oft an Situationen, bei denen wir besonders aufmerksam waren, z. B. durch einschneidende, mit Emotionen begleitete Erlebnisse, durch besondere Begegnungen oder durch einen Unglücksfall. Für erfolgreiches Lernen im Unterricht folgt daraus, dass positive Emotionen, Aufmerksamkeit und das Wecken von Eigenaktivität gute Bedingungen dafür sind, sich mit Inhalten mehr als nur oberflächlich zu verbinden. Hier trifft sich dieses Ziel auch mit den als «goetheanistisch» charakterisierten phänomenologischen Unterrichtsansätzen.

 

 

Reinhard Wallmann hat 1975 sein 1. Staatsexamen in Biologie absolviert und anschließend beim Aufbau einer Waldorfschule und eines Sozialtherapeutischen Instituts in Delsbo/Schweden mitgeholfen. 1980 absolvierte er sein 2. Staatsexamen für Gymnasien. Von 1980 bis 2012 war er an der Rudolf-Steiner-Schule Dortmund in Biologie und weiteren Fächern tätig. Derzeit ist er in der Waldorflehrerausbildung an verschiedenen Instituten im In- und Ausland aktiv.

 

Literatur

(1) Z. B. in: Rudolf Steiner, Natur und Moral, Rudolf Steiner Ausgaben, Bad Liebenzell 2016, S. 25.

(2) Jan Born, renommierter Schlafforscher im Interview: Wie man Schlaf gezielt einsetzen kann, Spiegel-Online, 8. 5. 2010.

(3) S.-J. Blakemore, U. Frith, Wie wir lernen. Was die Hirnforschung darüber weiß, München 2006.

(4) Z. B. S. Diekelmann, J. Born, The memory function of sleep. Nat. Rev. Neuroscience, 2010 Feb; 11(2): 114-26. Doi; 10.1038/nm 2762. Epub 2010 Jan 4.

(5) Y. Harrison, J. A. Horne, The impact of sleep deprivation on decision making: a review, Journal of Experimental Psychology, Applied 6 (3): 236, 2000.

(6) Wagner u. a., Sleep inspires insight, Nature 2004; Jan. 22; 427 (6072): S. 352-5.

(7) Rudolf Steiner, Menschenerkenntnis und Unterrichtsgestaltung, GA 302, 14. 6. 1921.

(8) Wilfried Sommer, Zur Rolle der allgemeinen Didaktik in der Waldorfpädagogik, in: Jost Schieren, Handbuch Waldorfpädagogik und Erziehungswissenschaft, Weinheim 2016, S. 495.

(9)  Ausführliche Begründung: Jost Schieren, Schluss, Urteil, Begriff – Die Qualität des Verstehens, in: Jost Schieren, Was ist und wie entsteht: Unterrichtsqualität an der Waldorfschule? München 2002, S. 11 – 31.

(10) Siehe Wilfried Sommer, Didaktik, Einleitung, in: Jost Schieren, Handbuch Waldorfpädagogik und Erziehungswissenschaft, Weinheim 2016, S. 502.

(11) Angelika Wiehl, Das propädeutische Methodenkonzept der Waldorfpädagogik, in: Jost Schieren, Handbuch Waldorfpädagogik und Erziehungswissenschaft, Weinheim 2016, S. 561.

 

Mit freundlicher Genehmigung vom Verlag am Goetheanum.

 

Mehr zum Thema Oberstufe finden Sie in: Landl, Richard (Hg.), Aufbruch in die Welt, Waldorfpädagogische Grundlagen der Oberstufe mit Unterrichtsbeispielen, Verlag am Goetheanum, Dornach 2018. https://www.goetheanum-verlag.ch/nc/einzelansicht/artikel/aufbruch-in-die-welt/shop/5987/

 

 



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