Wer erziehen will, muss selber erzogen sein. Wer auf die Jugend wirken will, muss selber jung bleiben und unablässig an sich selber arbeiten.

 

Simon Gfeller, Schweizer Pädagoge und Mundartschriftsteller (1868 - 1943)

Unterricht
Eigenbewegungssinn, Spiegelneurone, Leib, Tiefensensibilität, propriozeptive Wahrnehmung, Embryonalzeit, Kleinkindzeit, Schulreife, Rubikon, Pubertät
Von: Dr. Elisabeth Frank, März 2019, In: Idler, Gerlinde/ Gerding, Lutz (Hrsg.): "Der Sportunterricht an der Waldorfschule", Verlag Freies Geistesleben 2018

Bewegung im Kindesalter


Bewegung ist ein Urphänomen des Lebendigen. Wahrscheinlich assoziieren wir Leben und Bewegung nie so sehr miteinander wie dann, wenn wir Kinder in ihrer Bewegung erleben. Steht man am Rand des Pausenhofes einer Schule oder bei einem Spielplatz und beobachtet die Kinder, bietet sich einem ein buntes Bild der Bewegung: Die Kinder laufen von der einen zur anderen Seite, sie klettern, springen, werfen ihre Arme hoch oder wirbeln sie im Kreis; sie treten in Beziehung zueinander, berühren oder rempeln sich auch gegenseitig, fallen hin, stehen wieder auf, laufen weiter. Schon im sehr frühen Alter möchte das Kind die Welt durch seine Bewegung nicht nur erfahren; es möchte die Welt auch gestalten, was man im Spiel mit Sand und Wasser gut beobachten kann. Elisabeth Frank führt in ihrem Artikel in das Thema Bewegung ein, ein Ausschnitt aus dem Buch „Der Sportunterricht an der Waldorfschule“ vom Verlag Freies Geistesleben 2018.

Was ist Bewegung?

Wir Erwachsenen sprechen von einem „Bewegungsdrang“ der Kinder. Wonach aber drängen sie? In der Bewegung ist das Kind ganz in seinem Eigenen, gleichzeitig aber auch ganz in der Außenwelt. Dies scheint ein Widerspruch zu sein, der sich bei Betrachtung der beiden Phänomene aber gut auflösen lässt. Insofern der Mensch in seinem Eigenen ist, verwirklicht und offenbart er sich beim Bewegen in seiner individuellen Entwicklung. Diese Entwicklung lässt sich beim Kind gut erkennen, am deutlichsten im ersten Lebensjahr, da in dieser Zeit die Entwicklungsschritte besonders rasch verlaufen. Neben den Reifungsstufen der kindlichen Gestalt ist es die ganz persönliche Motorik des Kindes, bei der wir beobachten können, wie die geistige Individualität den Vererbungsleib ergreift und gestaltet. Störungen des kindlichen Inkarnationsprozesses können nirgendwo besser abgelesen werden als an der Störung der Bewegungsentwicklung.

 

Gleichzeitig aber wird durch die Bewegung die Außenwelt erlebt. Rudolf Steiner hat in seiner auf zwölf Sinne erweiterten Sinneslehre darauf aufmerksam gemacht, wie wir durch die Sinne die Außenwelt als real erleben können. Eine besondere Rolle spielt dabei der Bewegungssinn, der insbesondere das, was man mit „Nahraum“ bezeichnen kann, für uns real erfahrbar macht. Er ist für die Bewegungsentwicklung besonders wichtig.

 

Der Verbindungsraum zwischen unserem eigenen Inneren und dem Außenraum ist unser Leib. Er ist nicht nur Grenze und Begegnungszone, sondern in seiner Physis ist er selbst Teil der Außenwelt. Der Außenraum umfasst die dingliche und belebte Außenwelt, aber auch die anderen Menschen. Der Mensch geht mit seinen Bewegungen ganz in diesen Außenraum, der Außenraum seinerseits tritt in sein Inneres ein; und sogar die Außenraumbewegungen des anderen Menschen spiegeln sich in unserem eigenen Leib wider. Dies konnte spätestens mit der Entdeckung der Spiegelneurone bestätigt werden. Spiegelneurone sind Nervenzellen im Gehirn, die beim Betrachten einer Aktivität an einem anderen Menschen im Betrachter dasselbe Aktivitätsmuster zeigen, als würde dieser die Aktivität selbst ausüben und nicht nur betrachten.

 

Rudolf Steiner hat die Tatsache, dass wir einerseits ganz im Umraum sind und andererseits der Umraum sich in uns spiegelt, mehrmals erwähnt: „… der Mensch ist mit dem Teil, der erkennt, immer außerhalb seines Leibes und seiner Leibesfunktionen: Er lebt in den Dingen. Und dass er etwas erkennt, das beruht darauf, dass sich sein Erleben in den Dingen an seinem Leibe spiegelt.“ (1) Und an anderer Stelle: „So ist der Mensch in der Tat mit dem seelisch­geistigen Wesen in dem Teil der Welt, den er überschaut, und er sieht ihn dadurch bewusst, dass ihn sein Organismus spiegelt.“ (2)

 

Indem das Kind sich bewegt, trägt es seine eigene Existenz in den Bewegungsraum hinein und macht sich ihn dadurch zu seiner Heimat. Es erlebt sich in den Dingen und Menschen und lernt sie und sich selbst zu begreifen: „begreifen“ durch Eigenbewegung. Gleichzeitig spiegeln sich die Bewegungen und Handlungen der anderen Menschen im Leib des Kindes wider. Bindung und Liebe zur Welt und zu den Mitmenschen entstehen. Mit der Bewegung entwickelt das Kind nicht nur leibliche, sondern auch soziale Kompetenzen.

 

Bewegungssinn
Der Bewegungssinn wird auch „Eigenbewegungssinn“ genannt, weil er die eigene Bewegung – nicht die eines anderen Menschen – erfasst. Dieses Wahrnehmen erfolgt immer im Zusammenspiel mit anderen Sinnen, z. B. dem Sehsinn, Tastsinn oder Gleichgewichtssinn. Die Aufgabe des Bewegungssinnes ist es, wahrzunehmen, welche Lage der eigene Körper im Raum einnimmt und wie die Stellung der einzelnen Körperglieder zueinander ist. Wo ist oben und unten in Bezug auf meinen Leib, wie wirkt die Schwerkraft auf mich? Welche Lage haben mein Kopf, mein Rumpf, meine Arme und Beine? Stehe ich? Sitze ich? Liege ich? Wo sind meine Gliedmaßen? Wo befinden sie sich im Raum und wie zueinander? Wo stoße ich an? Welchen Spannungszustand haben meine Muskeln? In welche Richtung muss sich mein Körper bewegen, wenn er einen auf sich zukommenden Ball fangen will, und mit welcher Kraft müssen meine Hände zugreifen?

 

Mithilfe des Eigenbewegungssinnes nehme ich jederzeit wahr, wo z. B. meine Hand im Raum ist, wie sie liegt oder sich bewegt, unabhängig davon, ob ich sie jetzt sehe oder nicht. Wie muss ich sie bewegen, damit ich ein Glas mit Wasser an meinen Mund führe? Ohne diese Wahrnehmung wäre eine zielgerichtete Bewegung nicht möglich, obwohl sie mir fast nie bewusst wird. In der Schulmedizin wird diese Wahrnehmung als „Tiefensensibilität“, auch „propriozeptive Wahrnehmung“ bezeichnet. Sie liefert die Informationen über die Position des Körpers im Raum, über den Spannungszustand von Muskeln und Sehnen und über ihre Bewegung. Letzteres wird auch „Kinästhesie“ genannt – vom Griechischen kinein = sich bewegen und aísthe sis = Wahrnehmung, Erfahrung.

 

Eine sinnvolle Bewegung kann sich nur vollziehen, wenn der Eigenbewegungssinn intakt ist. Ohne diese Wahrnehmung würde eine Bewegung entweder im Bewegungsversuch steckenbleiben oder in einzelne unkoordinierte Teilbewegungen zerfallen. Dass es diese Störungen gibt, kennen wir aus der Heilpädagogik.

 

Die Umgebung gibt durch sehr verschiedene Verhältnisse (weicher oder harter Boden, fester Untergrund oder Wasser) sehr unterschiedliche Voraussetzungen für unseren Körper und unsere Bewegungen vor. Diese Unterschiede müssen wahrgenommen werden. Der Eigenbewegungssinn ermöglicht es, den eigenen Leib zu diesen unterschiedlichen Verhältnissen in eine sinnvolle Beziehung zu setzen und anzupassen.

Rudolf Steiner bemerkt dazu: „Durch die unteren Sinne (zu denen der Bewegungssinn gehört, Anm. E.F.) taucht der Mensch in die eigene Leiblichkeit unter und empfindet sich als ein Wesen der Außenwelt.“ (3)

 

Der Bewegungssinn ist das Werkzeug, mit dem das Ich ein Leben lang seine Bewegungen ausübt, neue erlernt und gewohnte korrigiert. Dadurch sind die motorischen Entwicklungsschritte beim Kind erst möglich.

 

Bewegungsentwicklung
Embryonalzeit

Bewegung ist schon beim Neugeborenen ein unmittelbarer Lebensinhalt und eine Lebensäußerung, sie beginnt allerdings viel früher: Schon im Mutterleib kann sie von der Mutter gespürt werden, etwa ab der 18. Schwangerschaftswoche. Dank der heute möglichen Ultraschalluntersuchungen können wir aber fast von Beginn der Schwangerschaft an Bewegungsäußerungen des Kindes beobachten und schon mit sieben bis acht Lebenswochen komplexe motorische Spontanbewegungen des Embryos erkennen. Wir können also davon ausgehen, dass jede lebendige Struktur, die sich während der Embryonalzeit entwickelt, mit der Ausbildung ihrer Leiblichkeit auch die Bewegung gleichzeitig mitausbildet. Schon von Beginn an gibt es dabei ein inniges Wechselspiel zwischen Wahrnehmen des Lebensraumes und der Bewegung. Diesem Wechselspiel werden wir im Laufe der Entwicklung des Kindes immer wieder in unterschiedlicher Weise begegnen.

 

Säuglings- und Kleinkindzeit

Nach der Geburt ist das Kind durch die auf es einwirkende Schwerkraft, den Wechsel vom flüssigen in den gasförmigen Umraum, den erweiterten Bewegungsraum und die neuen Sinneseindrücke (wechselnde Wärmeverhältnisse, Licht usw.) völlig anderen Bedingungen ausgesetzt als vorher. Anfangs können wir noch Bewegungen bei ihm sehen, die auch schon im Mutterleib zu beobachten waren: Die Saugbewegungen – jetzt an der Brust – werden von rhythmischen Ganzkörperbewegungen begleitet, Arme und Beine vollführen ungezielte Einzelbewegungen (Strampeln), und die frühkindlichen Reflexe sind auslösbar oder lösen sich infolge einer Eigenbewegung des Kindes selbst aus. Das Kind ist – am meisten in dieser Neugeborenenzeit – ganz Sinnesorgan und nimmt die oben genannten Veränderungen seines Umfeldes mit seinen Sinnen wahr. Dadurch kann die Gesamtbewegung der veränderten Umgebung angepasst werden.

 

Im Alter von vier bis sechs Wochen sehen wir bereits ein deutlich verändertes Bewegungsmuster. Nun ist ein Aufrichteprozess entgegen der Schwerkraft zu beobachten; vor allem in der Bauchlage fängt das Kind an, den Kopf zu heben und auch zu halten. Und die Augen beginnen, den erweiterten Umraum zu erforschen, Dinge zu fixieren und Kontakt mit den Augen der Bezugspersonen zu halten. Ein erstes Lächeln erscheint. In den weiteren Wochen und Monaten werden die einzelnen Bewegungen unabhängiger und gezielter, die Körperhaltung strebt immer mehr in die Aufrichte (Abstützen), und die Fähigkeit der Fortbewegung wird angestrebt. 

 

Vom dritten Lebensmonat an hat das Kind außerdem seine Hände entdeckt, die es erst interessiert betrachtet, berührt, deren Bewegungsmöglichkeiten erkundet, um dann gezielt auch fremde Gegenstände begreifen und bewegen zu können. Ab dem sechsten Lebensmonat bricht der Wille zur Fortbewegung durch. Das Kind möchte sich den von ihm wahrgenommenen Dingen nähern, sei es mit den Händen oder dem ganzen Körper. Nun wird die Fähigkeit, das Gleichgewicht bei Lageveränderung aktiv halten zu können, bei jeder Bewegung geübt. Vom neunten Monat an ist die aufrechte Haltung des Kindes zu seiner bevorzugten Haltung geworden, aus ihr heraus möchte es jetzt die Welt betrachten, daher zieht es sich hoch, wo immer es möglich ist. Bei der aktiven Fortbewegung ist es vorerst noch auf die Hilfe der Hände angewiesen, um das Gleichgewicht halten zu können (Krabbeln, Vierfüßlerstand). Das Krabbeln ist zwar die häufigste Vorstufe des Gehens, aber nicht die einzig physiologisch mögliche. Die Variabilität ist individuell unterschiedlich und auch transkulturell beeinflusst.

 

Mit etwa zwölf Monaten sind der Aufrichtevorgang, das Halten des Gleichgewichtes in dieser Position und der Bewegungsapparat (besonders das Becken und die Wirbelsäule) so weit entwickelt, dass das Kind seine ersten freien Schritte gehen kann. Und nun ist es nicht mehr in der Ruheposition zu halten, es läuft im Raum von einem Gegenstand zum nächsten. Jeder, der das schon beobachtet hat, weiß, mit welchem Strahlen und welchem Triumph das Kind diese Entwicklungsstufe genießt und präsentiert.

Im zweiten Lebensjahr wird die Laufentwicklung gefestigt und ausgebaut. Durch die zunehmende Sicherheit der unteren Extremitäten werden nun die Arme und Hände frei für Tätigkeiten und zum Spielen. 

 

Bis zum dritten Lebensjahr werden die Fähigkeit, das Gleichgewicht zu halten, und die Festigkeit beim Laufen weiter gestärkt. Die Beinbewegungen haben erst noch den Oberschenkel als führendes Glied, später das Knie und den Unterschenkel, mit drei Jahren erreicht die Bewegungsführung auch den Fuß. Nun können hüpfende, tänzelnde Bewegungen ausgeführt werden. Das einzelne Bein bekommt mehr Standfestigkeit, es entwickeln sich Spiel- und Standbein. Die Beine können nun schon gut der Fortbewegung dienen, auch wenn dabei Hindernisse, wie zum Beispiel ein Baumstamm, zu überwinden sind. Die Hände ihrerseits sind ein Werkzeug für die vielen Tätigkeiten geworden, die das Kind ausführen möchte. In seinem harmonischen rundlichen Kleinkindkörper werden diese Fähigkeiten immer mehr verbessert und in seine Leiborganisation integriert.

 

Schulreife

Der ersten Füllung der Gestalt im Kleinkindalter folgt im Alter von fünfeinhalb bis sieben Jahren die erste Streckung. Im Gegensatz zur Pubertät, wo Arme und Beine von der Peripherie her wachsen und so eine vorübergehende Disproportion ergeben, zeigt sich diese erste Streckung kontinuierlich und harmonisch. Auf einmal sehen wir: Das Kind ist gewachsen, seine Arme und Beine sind schlanker und länger geworden, der Rumpf schmäler, der Kopf in der Proportion kleiner, die Gesichtszüge ausgeprägter und individueller. Das Kleinkindgesicht ist verschwunden. Damit gehen auch eine ausgeprägtere S-Krümmung der Wirbelsäule einher, eine sichtbare Taille und deutlich sichtbare Gelenke an Armen und Beinen statt Grübchen. Aus dem runden Kleinkind ist ein schlankes Schulkind geworden. Der Zahnwechsel zeigt an, dass die Kleinkindzeit abgeschlossen ist und das Kind seinen Leib nun selbst ergriffen hat. Die «Milchzähne» werden abgegeben zugunsten selbst gestalteter Zähne.

 

Die motorischen Fähigkeiten des Kindes haben deutlich sichtbare Entwicklungsschritte durchgemacht: Nun können die einzelnen Körperteile getrennt voneinander geführt werden. Zum Hüpfen braucht das Kind nicht mehr das Schwungholen durch die Arme, beim Ball werfen oder fangen können die Arme entfernt vom Rumpf gebraucht werden. Mitbewegungen und -reflexe sind abgebaut. Das linke und das rechte Bein können allein bewegt werden, das Kind kann auf einer Linie balancieren oder auf einem Bein hüpfen. Die einzelnen Finger können selbstständig geführt werden, eine differenzierte Feinmotorik ermöglicht dem Kind, gezielte, differenzierte Bewegungen auszuführen. Die Bewegungen sind bereits deutlich zielgerichtet (Werfen eines Balles, Balancieren auf einem Baumstamm, Hüpfen …). Meist wirken sie freudig und leicht. Das Kind hat sich die Raumesrichtungen erobert, es kann seine Bewegungen auch nach hinten und zur Seite hin ausführen. In diesem Alter lieben Kinder alle Bewegungen, die rhythmisch wiederholt werden können.

 

Das neunte Lebensjahr

Das neunte und das zehnte Lebensjahr bilden die Phase der zweiten Füllung der Gestalt. Die anfangs oft noch zarte Schulkindgestalt wird reifer und voller, der Rumpf wächst in diesen Jahren längenmäßig stärker als vorher und wird fülliger. Die Geh- und Laufentwicklung erreicht eine höchste Bewegungsharmonie durch die rhythmische Koordination von Armen, Rumpf und Beinen. Allerdings fehlt es noch an Kraft, die Muskeln sind noch weich und fließend. In dieser Zeit lieben Kinder alle Bewegungen, die Geschicklichkeit erfordern oder diese ausbilden.

 

Pubertät und Jugendalter

Ab dem zwölften bis dreizehnten Lebensjahr folgt die zweite Phase der Streckung. Die Gliedmaßen wachsen nicht harmonisch, das Wachstum beginnt in der Peripherie. Erst wachsen Hände und Füße, dann Unterarme und Unterschenkel, zuletzt Oberarme und Oberschenkel. Die Bewegungen wirken in dieser Zeit des Wachsens manchmal ungelenk, als wären die Glieder nicht ganz ergriffen. Obwohl durch die schlankere Gestalt das Muskelrelief an den Extremitäten gut sichtbar wird, ist ihre Kraft noch nicht voll entwickelt.

 

Erst nach Abschluss des pubertären Wachstumsschubes werden die Bewegungen der Jugendlichen wieder harmonischer. In dieser Zeit sind Freude an Bewegung oder Bewegungsdrang bei den einzelnen Jugendlichen oft unterschiedlich ausgeprägt. Das Unverwechselbare der Individualmotorik kündigt sich bereits an; sie erreicht mit dem 21. Lebensjahr einen physiologischen Höhepunkt.

 

Ärztliche und pädagogische Aufgaben

Die Ausbildung der Motorik erfolgt nach altersgemäßen Gesetzmäßigkeiten, die dem Kinderarzt ermöglichen festzustellen, ob sich ein Kind motorisch gesund entwickelt oder ob Verzögerungen oder Einseitigkeiten entstanden sind. Auch die frühkindlichen Reflexe bauen sich nach einer Gesetzmäßigkeit ab; persistieren sie über ihre Zeit hinaus, gibt das dem Arzt wichtige Hinweise auf Entwicklungsanomalien. Diese zu erkennen ist Aufgabe des Arztes in den vorgegebenen Untersuchungen.

 

Neben dieser Regularität ist es wichtig, bei der Entwicklungsbeurteilung eines Kindes den individuellen Spielraum zu berücksichtigen. Er betrifft sowohl die Geschwindigkeit der Bewegungsentwicklung als auch die Art, wie das Kind eine Bewegung erlernt und wie sich sein Bewegungsverhalten und sein Körperbewusstsein entwickeln. Jedes Kind inkarniert sich ganz individuell in seinen Leib. Ein sorgsames Unterscheiden zwischen individuellem und pathologischem Abweichen ist notwendig. Nur bei Letzterem ist eine entsprechende therapeutische Unterstützung angezeigt.

 

Auch für die Pädagogen und Eltern ist es wichtig, sowohl die altersgemäßen Bewegungsmöglichkeiten zu kennen als auch die individuelle Entwicklung und die individuelle Bewegungsäußerung zu (be-)achten. Die Bewegungsentwicklung, die das Kind aus eigenem Antrieb und nach eigenem Rhythmus macht, soll nicht durch lenkende oder beschleunigende Einflüsse des Erwachsenen gestört werden. „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Die ungarische Kinderärztin Emmi Pikler wies bereits in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts auf die Wichtigkeit hin, für das Kind freie Bewegungs- und Spielmöglichkeiten in einer geschützten, altersgemäßen Umgebung zu schaffen, damit es seine ureigenen Fähigkeiten und Kräfte erhalten kann. In Waldorfkindergärten ist das freie Bewegen und Spielen Teil des rhythmischen Tagesablaufes, und im Lehrplan der Waldorfschule werden Bewegung, Spiel und Sport altersgemäß angeboten und individuelle Bedürfnisse beachtet.

 

 

Dr. Elisabeth Frank geboren in Wien, ist Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde und Psychotherapeutin. Sie war 24 Jahre lang Schulärztin an einer Waldorfschule in Wien und tätig in einer Kinderarztpraxis. Sie ist verheiratet, Mutter zweier erwachsener Söhne und seit kurzem Großmutter.

 

Literatur

(1)  Rudolf Steiner, Zufall, Notwendigkeit und Vorsehung, GA 163, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 21986, S. 74.

(2)  Rudolf Steiner, Okkultes Lesen und okkultes Hören, GA 156, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 32003, S. 23.

(3)  Rudolf Steiner, Anthroposophie – ein Fragment, GA 45, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 2002, S. 32.

 

Weiterführende Literatur

Karl-Reinhard Kummer, Zur Bewegungsentwicklung des Kindes, in: Merkurstab, Zeitschrift für Anthroposophische Medizin, 6/1989 und 1/1990.

Karl König, Die ersten drei Jahre des Kindes, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart  2017.

Bernard Lievegoed, Entwicklungsphasen des Kindes, J. Ch. Mellinger Verlag, Stuttgart 1995.

Gerhard Neuhäuser et al., Praktische Entwicklungsneurologie, Hans Marseille Verlag, München 1994.

Emmi Pikler, Lasst mir Zeit. Die selbstständige Bewegungsentwicklung des Kindes bis zum freien Gehen, Richard Pflaum Verlag, München 2001.

Giacomo Rizzolatti, Corrado Sinigaglia, Empathie und Spiegelneurone: Die biologische Basis des Mitgefühls, Edition Unseld, Verlag Suhrkamp 2008.

Michael Steinke, Bewegungssinn und Gleichgewichtssinn. Anthropologische Grundlagen, Manuskript der Arbeitsgemeinschaft Heilpädagogischer Schulen auf anthroposophischer Grundlage, 1993.

Rudolf Steiner, Anthroposophie – ein Fragment aus dem Jahr 1910, GA 45, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 52009.

–, Okkultes Lesen und okkultes Hören, GA 156 (1914), Rudolf Steiner Verlag, Dornach 32003.

–, Zufall, Notwendigkeit und Vorsehung, GA 163 (1915), Rudolf Steiner Verlag, Dornach 21986.

–, Von Seelenrätseln, GA 21 (1917), Rudolf Steiner Verlag, Dornach 51983.

–, Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik, GA 293 (1919), Rudolf Steiner Verlag, Dornach 91992.

–, Heilpädagogischer Kurs, GA 317 (1924), Rudolf Steiner Verlag, Dornach 81985.

Rudolf Steiner und Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen, GA 27 (1925), Rudolf Steiner Verlag, Dornach 82014.

Georg von Arnim, Die Bedeutung der Bewegung in der Heilpädagogik; in: Die Doppelnatur des Menschen, hrsg. von Wolfgang Schad, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart

 

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Pädagogische Forschungsstelle Stuttgart 

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Referenz: Übersetzung Sportbuch

 

 



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