Wer erziehen will, muss selber erzogen sein. Wer auf die Jugend wirken will, muss selber jung bleiben und unablässig an sich selber arbeiten.

 

Simon Gfeller, Schweizer Pädagoge und Mundartschriftsteller (1868 - 1943)

Schulungsweg
Autorität, Objektivität, Beständigkeit, Konsitenz, Gewohnheit, Aufmerksamkeit
Von: Dorit Winter, Februar 2018,

Von äußerer Autorität zu innerer Moral


Dorit Winter fordert uns auf, unsere Autorität zu hinterfragen, stattdessen Objektivität anzustreben, konsequent zu bleiben und dadurch gute Gewohnheiten zu pflegen. Wenn wir dieses Ziel erreichen, dann werde die Jugend gut vorbereitet für diese Welt, die klares und unabhängiges Denken, Kreativität und einen inneren Kompass verlangt. Dieser Artikel vermisst das Gelände, das Dorit Winter mit ihrem Buch “Train a Dog, but Raise the Child; a practical primer” (1) („Trainiere einen Hund, aber erziehe ein Kind; ein praktischer Leitfaden“) abschreitet. In ihrem Buch ist ihr Hund Scamp der unterhaltsame Bote für die pädagogischen Einsichten, die sie aus ihren 43 Jahren als Waldorflehrerin und Lehrerausbilderin gewonnen hat. Für diesen Artikel aber hat sie "Scamp zu Hause gelassen". Das Buch, das Eltern, Nachbarn und Freunden empfohlen werden kann, ist sowohl für die Öffentlichkeit als auch für den professionellen Insider geschrieben.

Illustration von Margrit Häberlin

I. Autorität

Warum können Lehrer ihre Autorität oft nicht durchsetzen? Warum haben Eltern oft Angst davor?

 

Für das Neugeborene, ein Baby, ein Kleinkind und Kinder bis etwa neun Jahren ist der Erwachsene die äußere Autorität, über die das Kind noch nicht verfügt. Der Erwachsene kann reflektieren, beurteilen und entscheiden, was das Beste für das Kind ist. Das bedeutet nicht, dass Kinder keinen eigenen Kopf haben. Ein Zweijähriger kann sehr hartnäckig sein. Aber bis zum Alter von neun Jahren, das Rudolf Steiner als das Alter bezeichnet, in der "die Kraft der Ich-Natur sich erstmals zu regen beginnt" (2) , sehnt sich das Kind nach Autorität. Doch die Erwachsenen zögern, Grenzen zu ziehen. Verständlicherweise. Wir Erwachsenen wollen uns nicht gegen den Willen des Kindes stellen, wollen die Zielstrebigkeit des Kindes nicht untergraben. Und welch eine machtvolle Willenskraft dieser kindliche Wille zeigt!

 

Der weinende Säugling, das schreiende Kleinkind, der mürrische Viertklässler, der schlechtgelaunte Jugendliche, sie testen uns. Sie wollen wissen, ob es einen Kapitän gibt, der ihnen hilft zu steuern. Ihr eigener Kapitän, ihr eigenes erwachsenes Selbst, ist immer noch im Entstehen ... (3)

 

Selbst das eigenwilligste Kind sucht ernsthaft nach einem starken Erwachsenen, an den es sich anlehnen kann. Man könnte sogar sagen, je eigenwilliger das Kind, desto ausgeprägter ist das Verlangen des Kindes nach Unterstützung in Form von klarer, liebevoller Autorität. Das ist der Schlüssel: klar und liebevoll. Wir Erwachsenen neigen dazu, zu denken, dass wir nicht klar und liebevoll sein können. Aber für ein Kind führt das eine ohne das andere zu Unsicherheit. Strenge an sich kann schnell zur despotischen Autorität werden. Dies ist die Strenge der Militärschule. Diese Art der Autorität ist wenig flexibel. Sie ist autoritär. Wenn dagegen nur Sympathie herrscht, dann wird die Objektivität und vor allem die Konsequenz, die das Kind so dringend braucht, verloren gehen, weil das Kind sich dann nur vom gerade wünschenswerten und nicht vom sinnvollen leiten lässt. 

 

Dies bringt uns zum zweiten Schlüsselelement:

 

II. Objektivität

Was bedeuten "Objektivität" oder "Subjektivität"? Ein Objekt ist etwas, das außerhalb meines Selbst liegt. Ich identifiziere mich nicht unbedingt damit. Aber "Ich" bin immer mein eigenes Subjekt. Ich sehe die Welt aus meiner Perspektive, von innen heraus. Wenn ich gesund bin, identifiziere ich mich vollkommen mit mir selbst. Das ist es, was "ich" bedeutet. Wie Rudolf Steiner immer wieder erinnert, bin ich der einzige, der "ich" sagen kann. Ich bin der Einzige, der meine eigene Perspektive hat. Wenn wir also eine subjektive Beziehung zu etwas außerhalb unseres Selbst haben, verschmelzen wir unser Selbst mit diesem Anderen. Dies ist die natürliche Neigung, die jeder Elternteil gegenüber seinem eigenen Kind hat. Eltern sehen Kinder natürlich als Erweiterung ihrer selbst. Schließlich wird das Kind ein Teenager und rebelliert gegen die Bindung der Eltern, eine Phase der Befreiung, die von vielen Eltern als schwierig erfahren wird. Wenn jedoch der Elternteil, dessen Aufgabe es ist, dem Kind vollständig gerecht zu werden,  zu sehr mit diesem Kind verwoben ist, ist es schwer, die elterliche Autorität aufrechtzuerhalten. Jede Autorität aber, einschließlich der elterlichen, erfordert Objektivität.

 

Autorität, die rein objektiv ist, ist, wie wir gesehen haben, schädlich. Sie bestraft ohne Rücksicht auf die Umstände. Sie ist absolut. Eine solche Autorität will das Kind brechen, nicht unterstützen. Aber ohne ein Element der Objektivität ist die Schwierigkeit, Autorität gegen den kindlichen Willen des Kindes zu erheben, unüberwindbar. Das Kind wird zur Autorität, wenn wir zu subjektiv sind, wenn wir von Mitgefühl für das Kind überwältigt werden. Aber das Kind hat noch nicht die Urteilsfähigkeit, Entscheidungen zu treffen und seine eigene Autorität zu sein. Welches Kind würde nicht den zusätzlichen Keks nehmen oder zu spät aufstehen oder einem neugierigen jüngeren Geschwisters das Lieblingsspielzeug wegnehmen?

 

Während sowohl Lehrer als auch Eltern gleichermaßen nach klarer und liebevoller Autorität gegenüber den ihnen anvertrauten Kinder streben können, gibt es einen fundamentalen und inhärenten Unterschied, wenn es um Objektivität geht.

 

Von Natur aus sind Eltern ihren Nachkommen gegenüber nicht völlig gelassen. Blut ist eben dicker als Wasser. Eltern sind nicht cool gegenüber ihren Kindern, noch sollten sie es sein. (4)

 

Die Aufgabe der Eltern ist es, ihre Kinder zu lieben, egal was passiert. Deshalb ist es viel einfacher, die Söhne und Töchter anderer zu disziplinieren, als die eigenen. Andererseits: Ein Lehrer, der die Kinder liebt, wird scheitern. (5)

 

Oder anders ausgedrückt: Nicht einmal ihre pickligen Teenager sollen Eltern weniger anziehend finden als die kuscheligen Säuglinge, die ihre Babys einst waren. Auf der anderen Seite sollten Lehrer niemals dem Charme ihrer hübschesten Schüler verfallen. Die Attraktivität einzelner Schüler darf niemals die Gleichbehandlung durch den Lehrer verhindern. 

 

Dagegen kommt es für Lehrer unbedingt auf die lange Sicht an. Diese lange Sicht erfordert ein hohes Maß an Objektivität, damit das Kind niemals in den persönlichen Bereich des Lehrers gezogen wird. Die Beziehung des Elternteils zum Kind ist per definitionem persönlich und subjektiv, das Kind ist also immer Teil der Identität der Eltern. Die Lehrer aber dürfen ihre persönliche Zufriedenheit niemals aus ihrer Beziehung zu den Kindern ableiten. Das erfordert die Professionalität. (6)

 

Während Eltern naturgemäß subjektiv sind und nach Objektivität streben müssen, sind die Lehrer frei von dieser inhärenten Subjektivität und haben es im Allgemeinen leichter, objektiv zu sein. So wird Autorität von Lehrern im Klassenzimmer leichter erreicht als von Eltern im Elternhaus, wie es ja in vielen Berichten über Kindern zu hören ist, deren Verhalten zu Hause und in der Schule so unterschiedlich ist.

 

Als Autoritätspersonen müssen sich Erwachsene gegenüber den eigenen Kindern oder Enkeln also eher um objektive Distanz bemühen; während Außenstehende wie der Arzt, der Lehrer, der Polizist versuchen sollten, ihre institutionelle Autorität mit individueller Wärme zu verbinden.

 

Sobald ein ausgewogenes Verhältnis von Objektivität und Subjektivität durch den Erwachsenen erreicht ist, wird der Erwachsene weniger wahrscheinlich unter den Einfluss des erratischen Willens des Kindes geraten, wird eher gesunde Entscheidungen für das Kind treffen, und kann der beständige Erwachsene werden, dem das Kind vertrauen kann. Beständigkeit oder Konsistenz ist entscheidend.

 

III. Beständigkeit/ Konsistenz

Erwachsene, die insgesamt im Hinblick auf ihr Verhalten, ihre Erwartungen und ihre Reaktionen beständig sind, geben dem Kind Sicherheit. Spontanität hat ihren Platz, ebenso Ausnahmen von der Regel, aber eben nur, wenn sie Ausnahmen bleiben.

 

Kinder mögen Routine. Sie sind konservativ. Es sind nur die Erwachsenen, die mit Spontaneität die Routine auffrischen wollen. Kinder lieben das regelmäßige. Regelmäßige Essenszeiten, regelmäßige Schlafzeiten, regelmäßige Ausflüge... all dies ist Teil des nächsten Kapitels über Gewohnheiten. Hier soll es um die Konsistenz gehen, die die objektive Autorität fördert. Mit anderen Worten, die Beständigkeit des Erwachsenen in seiner Reaktion auf das Kind ist hier unser Anliegen.

 

Konsequenzen aus unserem Handeln sind ein Konzept für Erwachsene. Rudolf Steiner sagt, dass das Kind die Idee von Ursache und Wirkung erst im Alter von 12 Jahren zu begreifen beginnt. (7) Wir sollten nicht erwarten, dass jüngere Kinder aus sich selbst heraus konsequent sind. Es bedarf eines reifen Urteils, um konsequent zu sein, um Konsequenzen fair und konsistent zuzumessen. Despoten, Tyrannen, Diktatoren und Autokraten interessieren sich nicht für Fairness oder Konsistenz. Aber Kinder reagieren sehr empfindlich auf die Konsistenz von Konsequenzen; sie ist enorm wichtig. Kinder wissen, was fair ist. "Das ist unfair!" Ist ein Schrei, den die meisten Lehrer gut kennen. Oft ist es jedoch der Schrei unfair.

 

Mein Buch: “Train a Dog, but Raise the Child; a practical primer” wurde durch die Erkenntnis inspiriert, dass die Konsistenz, die erforderlich ist, um einen Hund zu trainieren, auf Kindererziehung und Pädagogik anwendbar ist. Ich muss aber schnell hinzufügen, dass hier die Ähnlichkeit zwischen Hund und Kind auch schon endet. Die drei "R" von Regelmäßigkeit, Routine und Repetition (Wiederholung) sind für alle Arten von Training notwendig. Also, ob wir dem Hund beibringen, den Ball zu holen, oder dem Kind, 7 x 8 zu multiplizieren, einmal ist nicht genug. Wir müssen üben, üben, üben...

 

Die Vertrautheit eines vorhersehbaren Rhythmus, wie die Säulen eines griechischen Tempels, macht viel aus. Kinder verlangen nach Regelmäßigkeit, Struktur, Wiederholung und Form. Je jünger sie sind, desto mehr erwarten sie von den Erwachsenen, den Tag zu gliedern, Mahlzeiten und das zu Bett gehen zu ritualisieren. Vorhersehbare Alltagsroutinen, erkennbare wöchentliche Veranstaltungen, die Feiertage im Jahresverlauf und festliche Jubiläen tragen zur tiefen Sicherheit eines Kindes bei. Die Zeit im Blick zu behalten, indem man ihren Verlauf deutlich werden lässt, statt wie ein führerloses Boot durch Strömungen und Gegenströmungen hin und her geworfen zu werden, wird immer schwieriger. [...] Flexibilität ist wunderbar, solange der Grundimpuls erhalten bleibt. Wenn dieser Grundimpuls sichtbar bleibt, macht die unerwartete Ausnahme niemandem etwas aus, weder dem Kind noch dem Erwachsenen. (8)

 

Ebenso wenig aber darf es an Konsistenz mangeln, wenn es um Konsequenzen bei unerwünschtem Verhalten oder die Korrektur von gewohnheitsmäßigen Fehlern geht. Die einzige wirkliche Frage bleibt dann, was wir ignorieren können. Und diese Konsistenz der Konsistenz kann gelegentlich sehr anstrengend sein. (9) Mit anderen Worten, wir müssen unsere Kämpfe gut wählen. Es ist meine Erfahrung, mit Hunden wie mit Kindern, mit der Kunst wie im Leben, dass die Arbeit an einem oder zwei Verhaltensmustern gleichzeitig genügt. Sobald diese gemeistert sind, können wir zum nächsten übergehen.

 

Wenn wir wollen, dass das Kind die Hand hebt, bevor es im Unterricht spricht, müssen wir diese Regel konsequent einhalten. Keine Ausnahmen. Jede Ausnahme wird den mühsamen Prozess des Lernens einer Regel verlängern. Also auch für Konsequenzen bei ungezogenem Verhalten. In meinen mehr als 40 Jahren Unterricht habe ich festgestellt, dass selbst die unartigsten Kinder klare Konsequenzen respektieren. Hier kommt die oben erwähnte Objektivität ins Spiel. Unsere Rabauken, zu Hause wie in der Schule, verstehen angemessene Konsequenzen. Ohne sie fehlt ihnen etwas. Manchmal sind die Konsequenzen für uns Erwachsene schmerzhafter als für die Kinder, wenn wir darauf bestehen, dass es eine angemessene Konsequenz für unangemessenes Verhalten gibt. Dies führt uns zur Berücksichtigung von Regeln, sei es in der Schule oder zu Hause.

 

Der Frage ist, wie man die Regeln am Leben hält, wie man sie nützlich, praktisch, organisch und flexibel hält. Eine organische Regel ist eine aus den Bedürfnissen der Situation gewachsene, im Gegensatz zu einer willkürlichen Regel, die unlogisch, pedantisch, überfrachtet und damit kontraproduktiv ist. Eine organische Regel sollte flexibel genug sein, um sich an eine veränderte Situation anzupassen nach Art eines Baumes im Wald, der sich an seine Umgebung anpasst. Militärische Regeln sind nicht organisch. Sie sind bekanntlich starr. Sie formalisieren die Hierarchie und erreichen so Kontrolle. Sie sind willkürlich. Willkürliche Regeln antagonisieren und behindern; organische Regeln beschleunigen und fordern zum Handeln auf. (10)

 

Klugheit und Urteilsvermögen sind die Voraussetzung für die Etablierung von "organischen Regeln". Objektive Wärme hilft. Aber es gibt etwas, das Kinder, vor allem nach dem neunten Lebensjahr, wirklich abstößt: Widersprüchlichkeit in der Anwendung von Konsequenzen für Übertretungen. Sie erleben diese Art von Inkonsistenz als Versagen des Erwachsenen. Das ist ein Grund, warum Kinder so anstrengend sind: Sie lassen keine Ausnahmen zu. Rudolf Steiner nennt bekanntlich Beispiele für entsprechende Konsequenzen. Er spricht von "erfinderischem Talent" (11) und von der "Selbsterkenntnis", die der Lehrer haben muss, um ein schlechtes Beispiel zu vermeiden. Dies ist das sogenannte "Pädagogische Gesetz".

 

Unabhängig vom Alter des Kindes, vor allem aber, wenn das Kind zum Jugendlichen wird, ist der Sinn für Humor eines Erwachsenen wichtig, wenn es um Fehlverhalten der Jugendlichen geht. Aber der Humor, um den es hier geht, ist der Humor, der über den Dingen steht, der die Komödie im Fehler erkennt, die Teil einer höheren Weisheit ist und eine objektive Perspektive behält, wie es in Rudolf Steiners großer Skulptur „Die Gruppe“/ „Der Menschheitsrepräsentant“ der Fall ist.

 

IV. Gewohnheit

Obwohl wir das Thema Gewohnheit bei unseren Überlegungen zur Konsistenz bereits angesprochen haben, sollten wir dieses Thema, das ja die Arbeit von Lehrern und Eltern in vielerlei Hinsicht betrifft doch einer genaueren Betrachtung unterziehen. So vieles in unserer Arbeit als Eltern und Lehrer betrifft Gewohnheiten; und hier müssen wir wirklich konsistent sein. 

 

Aber: Vorsicht mit der Gewohnheit, sie darf nicht zur Sucht werden. Gewohnheiten können zum Problem werden, sowohl wenn wir sie annehmen als auch mehr noch, wenn wir sie wieder loswerden wollen. Obwohl ein Leben ohne Gewohnheiten genauso verwirrend wäre wie ein Leben ohne Erinnerung, führt ein von Gewohnheiten beherrschte Leben zu obsessiven Extremen. Die Frage ist: beherrschen wir unsere Gewohnheiten, oder beherrschen sie uns,  nutzen wir sie, um unsere Ziele zu erreichen oder sind sie Selbstzweck. Das Problem lässt uns nicht los, weil Gewohnheiten hinterhältig sind; unmerklich verhärten sie sich. [...] Das Training von Gewohnheiten braucht daher umsichtige Anleitung. (12)

 

In der englischen Sprache schließt das Wort "Gewohnheit" - habit -  Drogen, Alkohol, Koffein, Opiate ... alles bekannte zur Gewöhnung führende Substanzen, ein. Wie wir im nächsten Abschnitt über die Aufmerksamkeit sehen werden, wird Technologie nun in diese Kategorie der "hedonischen Substanzen" aufgenommen.

 

Gute Gewohnheiten sind solche, die wir kontrollieren, nicht umgekehrt. Manchmal ist es schwer, sich eine gute Gewohnheit zuzulegen – man muss sie erlernen. Gewohnheiten müssen trainiert werden, wie man eine Rebstock erziehen muss. Weder der Rebstock noch das Kind werden gedeihen, wenn sie ohne Schranken ausschlagen und ihre Ranken sich selbst überlassen sind. (13)

 

Gewohnheiten, sowohl die Guten wie die Schlechten, begleiten uns jeden Tag. Kinder werden ohne Gewohnheiten geboren, und eine der ersten Aufgaben, die die Eltern übernehmen, besteht darin, das Kind in irgendeinen Rhythmus zu bringen. Später wird das Leben des Schulkindes durch Gewohnheiten geregelt. Ohne sie wäre das Leben chaotisch. Aber abgesehen davon, dass sie ein gewisses Maß an Ordnung in das Leben des Kindes und der erwachsenen Bezugspersonen bringen, dienen gute Gewohnheiten einem größeren Zweck. Gewohnheiten bilden die Grundlage für Takt, Empathie und letztlich für Mitgefühl und damit Moral. (14)

 

Wir können uns gute Manieren angewöhnen, aus Gewohnheit in beide Richtungen schauen, bevor wir die Straße überqueren, viele Aspekte der sozialen Interaktion sind Gewohnheit. Solch gute Gewohnheiten können eine praktische Zeitersparnis sein. Aber es gibt noch einen anderen Aspekt: gute soziale Gewohnheiten können uns helfen, uns bewusst zu machen, dass wir nicht das Zentrum des Universums sind. Das zu begreifen ist eine furchtbar schwierige Sache für ein Kind von, sagen wir, zwei Jahren. In einem liebevollen Zuhause waren er oder sie bis jetzt der Mittelpunkt des Universums. Wie sollen sie dann erkennen, dass sie ihre Mama nicht unterbrechen dürfen, wenn sie mit einer Freundin spricht. Wie können sie dann lernen, dass auch ihre kleine Schwester mit ihrem Spielzeug spielen darf?

 

Darum sollte es bei der Erziehung gehen. Was nützt das ganze Wissen der Welt, wenn es zum Bösen führt? Der Baum des Wissens, den auch Wikipedia nicht erklären kann, brachte uns nicht nur einen unwiderstehlichen Apfel, sondern auch die Fähigkeit, Gut und Böse, richtig und falsch, zu unterscheiden. Die latente Fähigkeit zum selbstbestimmten Urteil wurden zugleich unsere Aufgabe und unser Schicksal. (15)

 

Selbstbestimmtes Urteilsvermögen ist ein Fähigkeit und ein Privileg des Erwachsenen und sollte von einem Kind nicht erwartet werden. Aber wenn wir über unsere Autorität als Erwachsene sprechen, wenn wir diese Autorität mit dem richtigen Gleichgewicht von Objektivität und Subjektivität zu verbessern und konsequent anzuwenden suchen, helfen wir dem Kind, gute Lebensgewohnheiten zu entwickeln, die letztendlich zu Mitgefühl und Moral führen.

 

V. Aufmerksamkeit

Verschiedene neuere Publikationen machen die Verbindung zwischen Gewohnheiten und Technologie deutlich. In "Hooked, How to Build Habit-Forming Produkts", sagt der Autor: „Unternehmen stellen zunehmend fest, dass ihr wirtschaftlicher Wert von der Stärke der Gewohnheitsbildung abhängt, die sie schaffen.“ (16)

 

Und in "The Hacking of the American Mind" (17) lesen wir, 

„unsere Sucht nach Smartphones und sozialen Medien wird hauptsächlich durch Unternehmensgewinne bestimmt. [...] Moderne Technologie soll die gleichen Reaktionen auslösen wie ein Droge“. (18)

 

Mit anderen Worten: je mehr die Anwendung technologischer Geräte zur Gewohnheit wird, desto Größer ist der Gewinn ihrer Produzenten. Oder: In dem Maße, in dem wir abhängig werden von den Gewohnheiten, die von unseren Apps auf unseren Smartphones geformt werden, sind wir umso profitabler für die großen Konzerne, die diese Industrie fördern.

 

Während sich die betroffenen Erwachsenen bemühen, ihre elterliche und pädagogische Autorität durchzusetzen, um die Jugendlichen beim Erlernen guter Gewohnheiten zu anzuleiten, unternimmt ein weltweites Konsortium von Herstellern technologischer Innovationen alles, um den beeinflussbaren Jugendmarkt an seine Produkte zu gewöhnen. Wie beide Bücher zeigen, gehen großer Aufwand an Forschung und Geld in dieses Ziel ein.

 

Unsere Sucht nach dem momentanen Dopamin Ausstoß, den wir in der bloßen Erwartung einer gewünschten E-Mail, eines Textes, eines Snapchat-Bildes usw. erfahren, ist nicht zufällig: Moderne Werbetreibende mischen alte Marketingtricks mit frischen Neurowissenschaften, um ihre Produkte unwiderstehlich zu machen. [...] Sie vermarkten lustauslösende Substanzen, Produkte und Verhaltensweisen als völlig unbedenklich und nutzen die Neurowissenschaften, für etwas, das sie Neuromarketing nennen. (19)

 

Das ist eine ernste Angelegenheit. Weltweit werden Kinder gezielt ins Visier genommen. So ungeheuerlich ist dieser Angriff, dass die Auswirkungen immer stärker sichtbar werden und nicht nur in der Waldorfwelt. So untergräbt offensichtlich die Gewöhnung an eine überflüssige Technologie die Aufmerksamkeitskapazität eines Individuums, mit der Folge, dass es jetzt eine neue "Wissenschaft der Aufmerksamkeit" entstanden ist.

 

Die Wissenschaft der Aufmerksamkeit hat die technologische Gegenkultur ins Leben gerufen, die das einzigartig Menschliche fördert: Individualität. Trotz der gewaltigen Macht der Herrscher des Silicon Valley ist der innere Kern, mit dem jeder Mensch geboren wird, den durch Datenmanagement perfektionierten pandemischen Manipulationen noch nicht zugänglich. (20) Wenn man "Science of Attention" googelt, erhält man 40.800.000 Ergebnisse. Dort findet man weitere Vorschläge zum Thema:

 

• Aufmerksamkeitsrelevante Hirnareale

• Definition der kognitiven Aufmerksamkeit

• die Wissenschaft hinter der Konzentration

• welcher Teil des Gehirns steuert die Aufmerksamkeitsspanne

• welcher Teil des Gehirns steuert Aufmerksamkeit und Konzentration

• wie das Gehirn aufpasst

• Aufmerksamkeit und Psychologie

 

Das letzte Kapitel meines Buches, “Train a Dog, but Raise the Child; a practical primer” fasst einige der Forschungsergebnisse zusammen, die sich mit der Frage der Aufmerksamkeit beschäftigen. Das Kapitel trägt den Titel: "Die Gewohnheit der Ablenkung, der Verlust der Achtsamkeit und die Auswirkungen auf unsere Kinder".

 

Um die erdrückende Popularität der zu Gewöhnung führenden Aktivitäten, die Technologie hervorbringt, auszugleichen, müssen Waldorfpädagogen Verbündete finden. Die stärksten Stimmen, die vor den Auswirkungen der unausgegorenen Technologie auf die Jugend warnen, sind nicht mit Waldorf verbunden; ihre beeindruckenden Referenzen liegen woanders. Ihre Argumente beinhalten nicht die dreigliedrigen und viergliedrigen Prinzipien der Waldorfpädagogik. Dennoch sprechen sie über die Gefahren für das sich entwickelnde Individuums, und die sich entwickelnde Individualität ist der heilige Kern jedes Kindes, das wir unterrichten. Unsere Schüler verlassen spätestens nach dem Abitur unsere Schulen, während ihr werdendes Ego noch Gestalt annimmt. Es liegt an uns Erwachsenen, den aufkeimenden Kern des Kindes zu schützen.

 

Wenn unsere Ich - Kräfte als Erwachsene ausreichen, um Autorität aufzubringen, nach Objektivität zu streben, Konsistenz zu erreichen, gute Gewohnheiten und mitfühlendes soziales Bewusstsein hervorzubringen, dann haben wir eine gute Chance, die süchtig machenden Gewohnheiten zu vermeiden, die unsere Jugend der Aufmerksamkeit, berauben, ohne die kein eigenständiges klares Denken, keine Kreativität oder der innere Kompass individueller Moral erreicht werden kann.

 

 

Dorit Winter: Auf vier Kontinenten aufgewachsen, entwickelt Dorit alle ihre Unternehmungen vor einem kosmopolitischen Hintergrund. Sie wurde in Jerusalem geboren, besuchte den Kindergarten in Zürich, die Grundschule in Johannesburg und Kapstadt sowie die weiterführenden Schulen in New York City. Sie hat einen BA in Secondary Education in Englisch und Deutsch für Minderjährige vom Oberlin College und der American University und einen Master in Vergleichender Literaturwissenschaft von der Binghamton State University NY. Dorit begann ihre Lehrerkarriere im Jahr 1969. Sie hat die 5. bis 12. Klasse sowie Erwachsene unterrichtet. Sie verbrachte 25 Jahre als Gründungsdirektorin und Leiterin von Waldorflehrer Ausbildungsprogrammen in der San Francisco Bay Area. Dorit, die nicht länger an eine bestimmte Institution gebunden ist, ist weiterhin als Lehrerin, Mentorin und Beraterin tätig; sie hält Vorträge und bietet Workshops an.

 

Übersetzt von Gerd Stemann

 

Literatur

(1) Winter, Dorit: Train a Dog, but Raise the Child; a practical primer, Dandelion Publications, 2017.

(2) Rudolf Steiner: Pädagogischer Jugendkurs, GA 217, 10. Vortrag, 12. Oktober 1922

(3) Train a Dog, but Raise the Child, S. 83

(4) Ibid, S. 116

(5) Ibid

(6) Train a Dog, but Raise the Child, S. 119

(7) Rudolf Steiner: Die Kunst des Erziehens aus dem Erfassen der Menschenwesenheit, GA 311, 11. Vortrag; 19. August 1924

(8) Train a Dog, but Raise the Child, S. 142

(9) Ibid, S. 55

(10) Ibid, S. 49

(11) Rudolf Steiner: Die Kunst des Erziehens aus dem Erfassen der Menschenwesenheit, GA 311, 3. Vortrag; 14. August 1924

(12) Train a Dog, but Raise the Child, S. 21

(13) Ibid, S. 50

(14) Ibid, S. 14

(15) Ibid

(16) Nir Eyal, Hooked: How to Build Habit-Forming Products, Penguin, New York, NY, 2014, S. 2

(17) Robert Lustig: The Hacking of the American Mind: The Science Behind the Corporate Takeover of Our Bodies and Brains, Penguin Random House, New York, NY, 2017

(18) ppab.player.fm/series/kqeds-forum/dr-robert-lustig-on-the-hacking-of-the-american-mind

(19) www.fatherly.com/health-science/hacking-of-the-american-mind-robert-lustig-neuromarketing-kids/

(20) Train a Dog, but Raise the Child, S. 195



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