Wer erziehen will, muss selber erzogen sein. Wer auf die Jugend wirken will, muss selber jung bleiben und unablässig an sich selber arbeiten.

 

Simon Gfeller, Schweizer Pädagoge und Mundartschriftsteller (1868 - 1943)

Frühe Kindheit
Waldorfpuppe, Original, Fantasie, Vorstellungskraft, multikulturell, selbstgemacht, Handarbeit, Vielfalt, Dynamik, innere Stärke
Von: Philipp Reubke, Juli 2017, IASWECE Rundbrief 12/2016

Mehr Radieschen als Barbie


Der Boom der „Waldorfpuppe“ wirft Fragen nach dem eigentlichen Sinn solcher Puppen auf. Was ist eine Waldorfpuppe, fragt sich daher Philipp Reubke, erfahrener Waldorfkindergärtner und Mitglied des Internationalen Waldorfkindergartenverbandes (IASWECE). Gibt es die eine, „echte“ Waldorfpuppe?

Wer eine Waldorfpuppe sucht, kann in vielen Waldorfschulen, in ausgewählten Spielzeugläden oder einfach über das Internet eine solche Puppe kaufen. Es gibt sogar Hersteller, die „Waldorfpuppe“ als Handelsmarke haben eintragen lassen. Ist das, was man da kaufen kann aber die echte, die Original Waldorfpuppe?

 

Keine Anleitungen

In den pädagogischen Vorträgen Steiners ist oft von den besonderen Eigenschaften und Bedürfnissen des kleinen Kindes die Rede. Häufig werden auch die innere Haltung und die seelischen Qualitäten beschrieben, die der Erwachsene erwerben muss, um die Entwicklung des Kindes besonders gut zu fördern. Eine detaillierte Beschreibung, wie es in einem Waldorfkindergarten aussehen und was dort ganz konkret gemacht werden soll, sucht man aber im Werk Steiners vergebens; er gibt weder ein Programm noch Anleitungen

 

Es gibt aber einige wenige Ausnahmen, ein paar Einzelheiten, zu denen Steiner sich ganz konkret äußert. Und dazu gehört  auch die Puppe. Man kann also ganz einfach nachlesen, wie sie sein soll, die Original Waldorfpuppe.

 

Schon in Steiners ersten Veröffentlichung zur Pädagogik (1907) heißt es:

„Man kann einem Kinde eine Puppe machen, indem man eine alte Serviette zusammen windet, aus zwei Zipfeln Beine, aus zwei Zipfeln Arme fabriziert, aus einem Knoten den Kopf und dann mit Tintenkleksen Auge, Nase und Mund malt.“ (1)

 

Auch viele Jahre später (1923) heißt es ganz ähnlich:

„Geben Sie dem Kind ein Taschentuch oder einen Lappen, und knüpfen Sie diesen so, dass er oben einen Kopf hat, unten ein paar Beine. Sie können dann noch mit Tintenkleksen Augen und Nase und Mund dranmachen oder besser das Kind selber machen lassen“. (2)

 

Und in einem seiner letzten pädagogischen Vorträge noch einmal:

„Dagegen macht man selbst eine Puppe aus einer Serviette oder einem Taschentuch, mit zwei Tintenklecksen die Augen, mit einem Tintenklecks einen Mund, man kann auch irgendwie Arme formen, dann kann das Kind mit der Phantasie sehr viel dazusetzen“. (3)

 

Mit dem, was man als Waldorfpuppe heute kaufen kann, hat dies also nicht viel zu tun. Ja noch radikaler: Die Waldorfpuppe kann es gar nicht geben!

 

Mobil, anpassungsfähig, multikulturell

Die alte Serviette wird immer wieder anders aussehen. Es kann einfach ein Taschentuch sein. Durch die Art der Beschreibung wird deutlich, dass die Art des Tuches und der Klekse nicht zwingend vorgeschrieben ist. Wer sich eine gewisse Freiheit nehmen will, fühlt sich ermutigt, auch zu anderen Materialien zu greifen, zum Beispiel zu Nussbaumstücken, zu Kork oder zu dem, was gerade zur Hand ist. Die Waldorfpuppe wird jedes Mal anders aussehen. Sie kann sich den Lebensumständen des jeweiligen Kindergartens anpassen, den Fähigkeiten der Erzieherin oder des Erziehers, den Wünschen und der Phantasie der Kinder, der Kultur und den wirtschaftlich sozialen Verhältnissen. Sie ist mobil, anpassungsfähig und multikulturell.

 

Allerdings hat sie in der heutigen Zeit ein paar gravierende Nachteile: man kann sie nicht kaufen, man kann mit ihr kein Geld verdienen, sie ist unscheinbar und auch nicht immer schön. Man muss sie selber machen, sie ist nicht besonders langlebig, man muss sie immer wieder neu machen, sie ist nie einfach zur Hand. Sie ähnelt eher einem Radieschen als einer Barbiepuppe: sie entsteht und vergeht schnell.

 

Erstaunlich, dass die Nachteile offenbar für viele von uns mehr ins Gewicht fallen, denn auch in Waldorfkindergärten und Krippen findet man nicht unbedingt viele Waldorfpuppen. Finden wir die Waldorfpuppe zu unscheinbar? Meinen wir die Kinder damit zu langweilen oder fällt uns die einfache Handarbeit schwer? Wir könnten uns doch gerade mit der Waldorfpuppe üben, denn eine anspruchslosere Handarbeit als das, was Steiner diesbezüglich beschreibt, ist kaum vorstellbar. 

 

Um uns gegenseitig Mut zu machen, die Bevölkerung der Waldorfpuppen weltweit wachsen zu lassen, sollen hier noch einmal die Argumente Steiners zusammengefasst werden, warum gerade diese ephemeren, aber äußerst lebendigen Spielgefährten für die Entwicklung des Kindes so wichtig sind. Auch Stimmen von Zeitgenossen sollen angeführt werden, deren Ton an das erinnert, was Steiner vor 100 Jahren sagte.

 

Äußere Schlichtheit, innere Stärke

„Wenn das Kind die zusammengewickelte Serviette vor sich hat, so muss es sich aus seiner Fantasie heraus das ergänzen, was das Ding erst als Mensch erscheinen lässt. Diese Arbeit der Fantasie wirkt bildend auf die Formen des Gehirns. Dieses schließt sich auf, wie sich die Muskeln der Hand aufschließen durch die ihnen angemessene Arbeit.“ (4)

 

Tätigkeit macht stark

„Wie die Muskeln der Hand stark und kräftig werden, wenn sie die ihnen gemäße Arbeit verrichten, so wird das Gehirn und werden die andern Organe des physischen Menschenleibes in die richtigen Bahnen gelenkt, wenn sie die richtigen Eindrücke von ihrer Umgebung erhalten…. Erhält das Kind die so genannte ,schöne‘ Puppe, so hat das Gehirn nichts mehr zu tun. Es verkümmert und verdorrt, statt sich aufzuschließen.“ (5)

 

Stärkung der Fantasie

„ ..ein schön geformtes Gesicht, wunderbar gestrichene Wangen…: damit wird die Fantasie des Kindes totgemacht. Es kann selber nichts mehr in der Fantasie aus dieser Gestalt machen.“ Aber bei der einfachen Puppe „kann das Kind mit der Fantasie sehr viel dazusetzen.“ (6)

 

Entwicklung von Sensibilität und Feinfühligkeit

Mit einer schönen Puppe hindern wir das Kind daran „seine Seelentätigkeit zu entfalten, denn es muss seine Seelentätigkeit, diese wunderbar zarte, erwachende Fantasie, überall absperren, um ganz Bestimmtes, Schön-Geformtes ins Auge zu fassen.“ (7)

 

Zusammengefasst kann man sagen: mit der einfachen Stoffpuppe ist das Wesentliche nicht in der Außenwelt. Es erscheint innerlich in der Fantasie des Kindes, in seiner Vorstellungskraft. Das Wesentliche ist nicht fertig, es erscheint erst durch Aktivität. Die Außenwelt drängt sich nicht auf und die noch zarte Fantasie kann sich frei entfalten.

 

Vielfalt, Dynamik

Äußere Einfachheit, innere Vielfalt und Dynamik: dieser Zusammenhang wird auch in der pädagogischen Diskussion der letzten 20 Jahre immer häufiger erwähnt. Freya Pausewang schreibt in einem 2011 erschienenen Artikel:

 

„Die "gefundenen" Gegenstände führen weg vom Konsum und von der Abhängigkeit vom speziell vorbereiteten Material, ebenso vom Geld. Das Material regt an zu improvisieren, Ideen weiter zu entwickeln, Herausforderungen anzunehmen und neue Situationen zu meistern. Das Kind spielt selbstbestimmter.“ (8)

 

Einige Kitas in Deutschland führen aus diesem Grunde seit einigen Jahren sogenannte „Spielzeugfreie Zeiten“ durch:

 

„Die Kleinen werden überfüllt mit Spielzeug und anderen Konsumgütern, was dazu führen kann, dass sich viele im späteren Jugend- und Erwachsenenalter nicht mit sich selbst beschäftigen können. Auf Grund dieser Annahmen entstand das Projekt „Spielzeugfreier Kindergarten“. Die Kinder sollen mit Hilfe des Projektes lernen, „zu sich zu kommen“ und ihre eigenen Bedürfnisse kennenzulernen.“ (9)

 

Und auf einer Website für Eltern in den USA wird man an Steiners alte Serviette erinnert: „Die besten frei lassenden Spielzeuge sind gebrauchte Gegenstände aus Ihrem Haushalt.“ (10)

 

Die Autorin Colleen D. Multari unterscheidet zwischen dem vom Spielzeug bestimmtem Spiel, dessen Ablauf und Ende vom Objekt bestimmt wird und dem frei lassenden, einfachen Spielzeug, das dem Kind erlaubt, selbständig den Verlauf des Spiels zu gestalten. Dies fördere seine Kreativität und sein Problemlösungsvermögen. (11)

 

Zum Abschluss ein Zitat der französischen Psychologin Régine Démarthes: „Es ist die Art und Weise, wie das Kind mit dem Spielzeug umgeht, die es in seinen Augen komplex und lebendig macht. Aber wenn das Spielzeug seine Komplexität dem Kind aufdrängt, knebelt es die schöpferische Fantasie des Kindes.“ (12)

 

 

Philipp Reubke ist seit über 20 Jahre Waldorferzieher in Colmar und Mulhouse/Frankreich und Mitglied der Koordinationsgruppe IASWECE.

 

Literatur

(1) Steiner, Rudolf : Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft. Zuerst erschienen 1907. Heute publiziert u.a. in der Rudolf Steiner Gesamtausgabe GA 34 „Gesammelte Aufsätze“.

(2) Steiner, Rudolf: Die pädagogische Praxis. Dornach, 18. April 1923, GA 306.

(3) Steiner, Rudolf: Die Kunst des Erziehens. Torquay, 13. August 1924, GA 311.

(4) Steiner, Rudolf :  Die Erziehung des Kindes. Op cit.

(5) Ebd.

(6) Steiner, Rudolf : Die Kunst des Erziehens. Op cit.

(7) Steiner, Rudolf. Die Pädagogische Praxis. Op cit.

(8) Pausewang, Freya: Zeug zum Spielen - Hilfreich für zukunftsnotwendiges Lernen? In: Das Kita Handbuch, herausgegeben von Martin Textor, www.kindergartenpaedagogik.de/2224.html

(9) Bihl, Claudia : Spielzeugfreie Zeit in Kindergärten. www.betreut.de/magazin/kinder/spielzeugfreie-zeit-in-kindergaerten-347/

(10) Multari, Colleen D.: The Benefits of Open-Ended Toys for Kids. www.nymetroparents.com/article/Why-Simple-Toys-Prove-to-Be-More-Beneficial-For-Kids

“It is important to note that some of the best open-ended toys are recycled items from your home…”

(11) “Closed-ended, toy-directed play does not allow for creative exploration or imaginative play, and it also limits a child’s ability to problem-solve. Surprisingly, simple toys offer more play opportunities to children than complex toys. Simple toys with multiple uses allow children to be in charge of the resulting play. Open-ended toys result in open-ended play. This type of play can evolve over time while also encouraging children to create and problem-solve as they explore the world around them.”

(12) Démarthes, Régine : Quand un enfant s’ennuie. In: «enfances et psy» N° 15, septembre 2001, ed érès. www.cairn.info/revue-enfances-et-psy-2001-3.htm «C'est la façon dont l'enfant investit le jouet qui le complexifie et le rends vivant à ses yeux. Quand le jouet impose sa complexité, il muselle les capacités créatives de l'enfant.» 



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