Wer erziehen will, muss selber erzogen sein. Wer auf die Jugend wirken will, muss selber jung bleiben und unablässig an sich selber arbeiten.

 

Simon Gfeller, Schweizer Pädagoge und Mundartschriftsteller (1868 - 1943)

Unterricht
Jahresfeste, Neugestaltung, kollegialer Dialog, Tradition, Kultur, Natur
Von: Vera Hoffmann, Mai 2017, Aus den Forschungsresultaten einer Masterthesis an der RSUC Oslo, Norwegen, März 2016

Möglichkeiten der Entwicklung neuer Waldorffeste


Nach Forschungen über die Entwicklung von Jahresfesten in Kusi Kawsay, Peru und Nairobi Waldorf School fasst die Autorin Vera Hoffmann in ihrem vierten Teil die entsprechenden Motive und Prozesse so zusammen, dass sie als Anregung für andere Kollegien mit ähnlicher Fragestellung dienen können. Auch wenn lokale Gegebenheiten jeweils ausschlaggebend waren, so sind die übergeordneten Prinzipien auch für Schulen in anderen Umständen anwendbar.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass eine Neugestaltung von Waldorffesten oder eine an lokale Gegebenheiten angepasste Festgestaltung eine Offenheit des Kollegiums voraussetzt, sich von europäischen Waldorftraditionen zu lösen.

 

In der Literatur zum Thema begegnete mir eine Masterthesis aus Südafrika, in der die Sozialanthropologin Elizabeth Majoros 2009 (1) die Festgestaltung an der Cape Town Waldorf School in Südafrika untersuchte. Damals trat das Kollegium dieser Schule in einen neuen kollegialen Dialog über die Gestaltung des jeweiligen Festes. Die einmal gefundene Form wurde nicht tradiert, sondern im nächsten Jahr fand jeweils ein neuer, suchender Dialog statt.

 

Eine solche offene, dialogische Haltung dürfte Grundlage sein für die im Folgenden dargestellten Möglichkeiten der Festentwicklung. Diese Haltung bedeutet, immer neu, unter Umständen über längere Zeiträume, in einen Austausch zu kommen mit den lokalen Umständen, zu lauschen und zu antworten. Das braucht Zeit und Gelassenheit, aber neue Formen können aus diesem offenen „Gespräch“ mit der jeweiligen Umgebung entstehen.

 

Zusammenfassend lassen sich aus den Prozessen in Kusi Kawsay und Nairobi Waldorf School drei mögliche Wege der Entwicklung neuer Jahresfeste erkennen.

 

Traditioneller Weg als Weg zum modernen Bewusstsein

Die Feste in Kusi Kawsay sind nicht wirklich neu. Sie greifen zurück auf uralte lokale Traditionen, die aber von den Schulgründern erst in passionierter Suche und liebevollem Dialog mit den Ältesten ihrer Kultur der Vergessenheit entrissen werden mussten. Ihnen zugrunde liegt die archaische Naturweisheit der Anden, die eine unmittelbare Verbindung mit der umgebenden Natur und Naturgeistigkeit schafft.

 

Der heutige Mensch benötigt für diese Verbindung zusätzlich die Grundlage einer bewussten und empathischen Naturbeobachtung.

 

Das Anliegen der Schulgründer ist das Folgende: Die Rückbesinnung auf alte Traditionen ermöglicht den indigenen Jugendlichen, deren Kultur auch in der Gegenwart noch marginalisiert und herabgesetzt wird, die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins.

 

Durch die den Festen eigene Anregung zur Naturbeobachtung sollen die Kinder und Jugendlichen zur Beobachtung dessen „was wirklich IST“, zur Überwindung von Vorurteilen und damit letztlich zu einem zeitgemässen, eigenständigen, zur Freiheit führenden Denken erzogen werden.

 

Kulturbezogener Weg

Für das wichtigste Jahresfest an der Nairobi Waldorf School fanden viele Gespräche mit der Schulgemeinschaft statt, vor allem mit den multikulturellen Eltern. Das Kollegium liess sich von ihnen, - Angehörigen von vier grossen Weltreligionen - zur Suche nach einem gemeinsamen Festmotiv inspirieren, mit dem sich alle, auch die atheistischen Eltern, identifizieren können. So entstand das Festival of Light.

 

Als Grundlagen für die anderen Feste in der Nairobi Waldorf School wurden allgemeinmenschliche Motive aus christlich orientierten Waldorfjahresfesten gewählt. Diese wurden durch die Art der Feier oder des Rituals so verändert und in einen übergeordneten Zusammenhang gestellt, dass der unmittelbare Bezug zum religiösen christlichen Jahresfest in den Hintergrund tritt.

 

Solche grossen, allgemeinmenschlichen Motive sind zum Beispiel Verzicht und Teilen oder Beschenken und Mut. Sie sind Motive, mit denen die Kinder und Jugendlichen sich jedes Jahr ein Stück weiter verbinden und entwickeln können, unabhängig von der häuslichen Glaubenssituation.

 

Naturbezogener Weg

Das Kollegium der Kindergärten der Nairobi Waldorf School ging einen eigenen Weg. Eine zweijährige, unbefangene und detaillierte Beobachtung aller jahreszeitlichen Phänomene in der Natur wurde individuell in einer Art Tagebuch dokumentiert. In den Konferenzen fand ein wöchentlicher Austausch zu den beobachteten Phänomenen statt.

 

Nach dieser langen Phase der unbefangenen Beobachtung wurde dann die Frage erörtert, welche Motive in jeder Jahreszeit besonders charakteristisch sind. Die so gefundenen Motive wurden als Grundlage für die Formen der Jahresfeste des Kindergartens gewählt. So entstand zum Beispiel das Rainbow Festival. Die kleinen Kinder können sich so auch im Feiern von Festen unmittelbar an die sie umgebende Welt anschliessen.

 

Die dialogische Haltung

In den von mir untersuchten Schulen konnte ich die kollegiale Haltung einer Art offenen Dialoges auf drei Ebenen beobachten. Er fand statt auf den Ebenen der lokalen Traditionen, der umgebenden kulturellen Bedingungen und der jahreszeitlichen Phänomene in der Natur.

 

Die dargestellten Prozesse sind nicht die einzigen Möglichkeiten einer auf lokale Umstände bezogenen Festentwicklung an Waldorfschulen.

 

Ich würde mir wünschen, diesen Fragen im Forum weiter zu diskutieren.

 

 

Vera Hoffmann ist seit 25 Jahren Klassenlehrerin. Zurzeit arbeitet sie in der Schweiz. In Spanien hat sie 7 Jahre lang eine kleine multikulturelle Waldorfschule geleitet. In dieser Zeit hat sie sich von ihrem mitteleuropäischen Gründungsimpuls entfernt und zu einer spanischsprachigen Schule entwickelt. Die Autorin interessiert sich besonders für Veränderungen in der internationalen Waldorfbewegung. Vor allem begeistert sie sich für Entwicklungen, in denen Traditionen und Gewohnheiten in Frage gestellt und an den Bedürfnissen der Zeit und an lokale Gegebenheiten orientiert, neue waldorfpädagogische Wege gesucht werden. In ihrer derzeitigen Klasse sind Familien aus 12 Nationalitäten, 4 Kontinenten und 3 Weltreligionen vertreten. In kleinem Massstab versucht sie dieses Interesse auch dort umzusetzen.

 

Literatur

(1) Majoros, Elizabeth M.: Co-Creating at the Threshold: A Dialogical Approach to Festival Planning At a Cape Town Waldorf School, Master Thesis in Social Anthropology, Faculty of the Humanities, University of Cape Town, 2009.



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