Wer erziehen will, muss selber erzogen sein. Wer auf die Jugend wirken will, muss selber jung bleiben und unablässig an sich selber arbeiten.

 

Simon Gfeller, Schweizer Pädagoge und Mundartschriftsteller (1868 - 1943)

Unterricht
Festgestaltung, Festmotive, Kenia, Nairobi, Weltreligionen, Naturbeobachtung
Von: Vera Hoffmann, Mai 2017, Aus den Forschungsresultaten einer Masterthesis an der RSUC Oslo, Norwegen, März 2016

Inmitten glitzernder Fassaden und dem grössten afrikanischen Slum


Im dritten Teil zur Festgestaltung an Waldorfschulen geht die Autorin auf Beispiele aus Kenia ein. In einer ethnographischen Studie im Rahmen ihrer Masterarbeit am Rudolf Steiner University College Oslo hat Vera Hoffmann die Neuentwicklung eurozentrierter Waldorfjahresfeste untersucht. An der Nairobi Waldorf School wurden bekannte Festmotive unter Einbezug der multikulturellen Schulzusammenhänge umgewandelt. So entstanden unter anderem das Festival of Courage und das Festival of Light. Im Nairobi Kindergarten führte ein intensiver Naturbeobachtungsprozess zu Motiven für neue Jahresfeste wie z.B. das Rainbow Festival.

 

Schulumgebung und -entwicklung

Die Nairobi Waldorf School liegt im gut situierten Stadtteil Karen. Nairobi, die Hauptstadt Kenias ist gezeichnet von den Extremen der glitzernden Fassaden der „global players“ auf der einen Seite und dem grössten Slum Afrikas auf der anderen. Die Schule ist eine ursprünglich deutsche Gründung und beschult heute Kinder aus vorwiegend gut situierten Familien aus allen Kontinenten: Angehörige der vier grossen Weltreligionen, verschiedenster Kulturen, sowie kenianischer Stämme. Die Waldorflehrer sind heute alle Einheimische aus Kenia. Sie leben im Vergleich zu Europa in sehr bescheidenen Umständen.

 

Nach der Gründung wurden in der Nairobi Waldorf School einige Jahre lang die „traditionellen“ christlich-europäischen Waldorffeste gefeiert. Diese hatten wenig mit den lokalen geographischen und klimatischen Bedingungen zu tun. So entstand aus der multikulturellen und -religiösen Elternschaft der Schule die Frage, ob Feste gefeiert werden können, die diesen andersartigen kulturellen und jahreszeitlichen Gegebenheiten gerecht werden würden. In der Folge hat man nach neuen Festformen in der Schule und im Kindergarten gesucht, was zu unterschiedlichen Ergebnissen führte.

 

Beispiel eines Jahresfestes: Das Festival of Light

Das Festival of Light ist ein Fest, was in Schule und Kindergarten gefeiert wird. Aus dem wachsenden Bewusstsein über die Zusammensetzung der Schule mit Kindern aus allen Kontinenten und auf der Suche nach einem Element, was die wichtigsten Feste der vier Weltreligionen verbindenden würde und auch Atheisten anspricht, leuchtete die Metapher „Licht“ auf. Diese Metapher ist ein wesentliches Element der grössten Jahresfeste der vier in der Schule präsenten Weltreligionen Judentum, Islam, Hinduismus und Christentum. So wird Licht - jedes Jahr auf andere Weise - als Hauptmotiv des Festes gefeiert mit einem Handlungsstrang, der es erlaubt, durch eingebaute szenische und künstlerische Darstellungen aller Klassen, die Verwandlung eines „dunklen“ Elementes in ein Lichtmotiv metaphorisch erlebbar zu machen. Es sind in den Aufführungen der Festivals of Light immer Elemente jeder Weltreligion präsent. Gefeiert wird dieses Fest der „togetherness“, wie eine Lehrerin es formulierte, Anfang Dezember.

 

Andere Feste in der Schule

Die zwei anderen wichtigsten Feste im Schulleben sind durch einen gemeinschaftlich begangenen Prozess der Transformation der christlichen Feste Ostern und Michaeli entstanden. Am Easter Brunch nehmen alle Klassen und Lehrer, sowie das gesamte Unterhaltspersonal der Schule teil. Eine Woche vor dem Fest erlebt die Schulgemeinschaft kindgerechtes Fasten. Das so in der Schulküche gesparte Geld wird einem mit der Schule verbundenen Flüchtlingsprojekt gespendet. Am Tag des Easter Brunches bringt jede Klasse liebevoll bereitete Speisen für eine vorher bestimmte andere Klasse mit. Jede Klasse deckt einen schön geschmückten Tisch für ihre zu beschenkende Klasse und die Lehrpersonen. Auch das Küchenpersonal trägt seinen Teil zu einer mit Liebe gestalteten Tafel im grossen Gemeinschaftszelt bei. Verzicht und Teilen, für andere sorgen und gemeinsam ein Mahl feiern sind österliche Motive universell transformiert und Angehörige aller Kulturen und Religionen, selbst Atheisten können dieses Fest mit Sinn und Freude füllen. Es war ein längerer Prozess bis auch die zahlreichen Putz- und Kochfrauen, die Hausmeister und Wachen eingeladen wurden.


Im Festival of Courage sind die bekannten Michaelimotive sehr präsent. Im gesamten Schulgelände werden vielerlei herausfordernde Mutproben aufgebaut. Die Kinder erleben mit jedem Jahr wie sie schwierigere Mutproben meistern können, vor denen sie im Jahr zuvor noch zurückscheuten. So wird ihnen ihr eigenes Wachstum und seelisches Reifen zu einem Erlebnis, welches von Jahr zu Jahr zunehmendes, gesundes Selbstvertrauen hervorbringt.


Entwicklung der Feste im Kindergarten

Im Kindergarten verlief der Entwicklungsprozess unbewusster, da die Kindergärtnerinnen eigentlich zufrieden waren mit ihren europäisch orientierten Festen. Eine australische Waldorfmentorin brachte den Prozess in Gang, der mit einer langen intensiven Naturbeobachtung durch alle Jahreszeiten hindurch und mit einem entsprechenden Tagebuch jeder Kindergärtnerin begann. Über diese Beobachtungen tauschten sie sich wöchentlich in der Konferenz aus. Diese lange, unbefangene, die Augen für die Natur und die Umgebung öffnende Beobachtung dauerte zwei Jahre. Erst dann warf die Mentorin die Frage auf, ob diesen Beobachtungen etwas zu entnehmen sei, was Motive bilden könnte für eine Neugestaltung der Jahresfeste, in denen die Kinder eine unmittelbarere Anbindung an die lokale Natur erleben könnten. Gäbe es zum Beispiel ein Motiv, was den Kindern so etwas wie eine Ostererfahrung ermöglichen könnte? Aus dieser Frage entstand ein Erlebnis, das eine Kindergärtnerin beschrieb mit: „It was like a kind of magic, it just jumped out...“ Sie war mit den Naturphänomenen aufgewachsen, aber erst die bewusste Beobachtung und Formulierung, sowie die anschliessende Frage brachte ein hervorstechendes Motiv dieser Gegend und Jahreszeit zu Bewusstsein. Im April, nach der Zeit der extremen, lebensfeindlichen Sommerhitze und -dürre, kommt in Nairobi die Regenzeit. Die Sonne verbirgt sich hinter den Wolken. Wenn sie dann aber hervorkommt, erscheinen unzählige Regenbögen am Himmel. Die Erleichterung der Regenfälle wurde als eine Art Auferstehung beschrieben und das für die Kinder unmittelbar erlebbare Motiv waren die Regenbögen. So entstand das farbig-fröhliche Rainbow Festival im April.


Die Jahresfeste des Nairobi Waldorf School Kindergartens

Festival of Light: wird ähnlich gefeiert wie in der Schule, aber für Kleinkinder angepasst

Rainbow Festival: siehe oben

Lantern Festival: Wird im Juni gefeiert. Es ist Winter in Nairobi und kalt und grau draussen. Es wird ähnlich gefeiert, wie die europäischen Laternenfeste oder Martinsumzüge, eine Woche vor dem Shambani Festival.

Shambani Festival (Kiswahili für Garten): Wird im grau-kühlen Winter im Juli gefeiert, am Ende der langen Regenzeit. Die Gärten quellen über vor Früchten und Gemüse. Das Fest ist ein Erntefest im doppelten Sinne. Am ersten Tag werden mit einer Lichterspirale und mit Sprüchen die schulreifen Kinder verabschiedet. Sie nehmen sozusagen ihr Licht und das bisher Entwickelte, um es an einem neuen Ort zum Leuchten zu bringen. Am darauffolgenden Tag wird im Garten geerntet und das Geerntete zu einem gemeinsamen Festmahl verarbeitet.

Flower Festival: Wird im Oktober (im Frühling) gefeiert zu Beginn der kurzen Regenzeit (Nairobi hat eine kurze und eine lange Regenzeit). Das kalte Graue des Winters ist vorbei, Vögel zwitschern und die Blumen beginnen in grosser Fülle zu blühen, besonders die Blüten der Jacarandabäume bilden ein zartviolettes Farbenmeer auf den Bäumen und auf dem Schulgelände. Das Fest wird in den Klassenzimmern mit Backen und Basteln gefeiert (alles mit Bezug zu Blumen, Vögeln und Insekten) und im Freien mit Tanz und Blütenkränzen.


Gemeinschaft“ und „Verbundenheit“

Eine Lehrerin bezeichnet „togetherness“ (Gemeinschaft) als ein Hauptmotiv der Umgestaltung der traditionellen Waldorffeste der Nairobi Waldorf School. Sie beschreibt damit die Bemühung der Schulgemeinschaft, alle Familien mit ihren vielfältigen multikulturell-multireligiösen Hintergründen einzubeziehen. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl konnte ich selbst bei der Teilnahme am Festival of Light erleben.


Was mit „interconnectedness“ („Verbundenheit“) gemeint ist kann hier nur angedeutet werden. Es weist auf die durch die Naturbeobachtungsprozesse der Kindergärtnerinnen entstandene Verbundenheit mit der umgebenden Natur hin, die bis dahin eher unbewusst geblieben war. Die Umsetzung in Festmotive ermöglicht dann den Kindern im Kindergarten, eine altersgemässe Verbindung mit der sie umgebenden Natur zu finden, was die traditionellen, an mitteleuropäischen Verhältnissen orientierten Jahresfeste nicht vermochten.

 

Eine weiterreichende, ganzheitliche Verbundenheit mit fast spirituellem Charakter wurde von der interviewten Kindergärtnerin im Zusammenhang mit dem Rainbow Festival geschildert. Aus dem als Festmotiv gewählten Begriff Farbe wurde eine Metapher, die zu einem, die bunte Schulgemeinschaft umfassenden, Verbundenheitsgefühl führte. Darüber hinaus können dieses Verbundenheitsgefühl alle erleben, so beschrieb sie es. Es könne sogar individuelles Erleben eines Göttlichen einschliessen, müsse aber nicht. Letzteres war der Lehrerin wichtig, damit sich auch die Atheisten mit dem Fest identifizieren können.


Einer Raupe Flügel ankleben und sie einen Schmetterling nennen?

Ich greife zurück auf das beschriebene Bild von Neil Boland (1) aus Neuseeland, der sich mit den Fragen des Eurozentrismus im Waldorflehrplan und seiner Überwindung auseinandersetzt. Wo ist die Metamorphose der Festgestaltung in der Nairobi Waldorf School zu finden?

 

Wohl niemand wird die Metamorphose bei den „neuen“ Waldorfjahresfesten im Kindergarten bezweifeln. Aber auch bei den Festen der Schule, allem voran beim Festival of Light, hat eine wirkliche innere Verwandlung stattgefunden. Dort, wo sie nicht nötig war, weil die zugrunde liegenden Motive sehr universell sind, wie beim Festival of Courage, hat die bewusste Loslösung von einem äusserlich religiös besetzten Namen zwar keine Metamorphose hervorgebracht, aber eine Transformation, die eine kulturübergreifende Identifikation mit diesem Jahresfest möglich macht. Denn Mut brauchen wir in der Gegenwart in allen Kulturen und Religionen. Die Raupe hat ihre Transformation durchgemacht und der Schmetterling kann in Nairobi fliegen.

 

 

Vera Hoffmann ist seit 25 Jahren Klassenlehrerin. Zurzeit arbeitet sie in der Schweiz. In Spanien hat sie 7 Jahre lang eine kleine multikulturelle Waldorfschule geleitet. In dieser Zeit hat sie sich von ihrem mitteleuropäischen Gründungsimpuls entfernt und zu einer spanischsprachigen Schule entwickelt. Die Autorin interessiert sich besonders für Veränderungen in der internationalen Waldorfbewegung. Vor allem begeistert sie sich für Entwicklungen, in denen Traditionen und Gewohnheiten in Frage gestellt und an den Bedürfnissen der Zeit und an lokale Gegebenheiten orientiert, neue waldorfpädagogische Wege gesucht werden. In ihrer derzeitigen Klasse sind Familien aus 12 Nationalitäten, 4 Kontinenten und 3 Weltreligionen vertreten. In kleinem Maßstab versucht sie dieses Interesse auch dort umzusetzen.


Literatur

(1) Boland, N. (2014). Sticking wings on a caterpillar? Journal of Waldorf/Rudolf Steiner Education, 16(2).



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