Wer erziehen will, muss selber erzogen sein. Wer auf die Jugend wirken will, muss selber jung bleiben und unablässig an sich selber arbeiten.

 

Simon Gfeller, Schweizer Pädagoge und Mundartschriftsteller (1868 - 1943)

Schulungsweg
Qualitätsentwicklung, Meditativ erarbeitete Menschenkunde, Rückblick, Nachtlernen, moralische Phantasie, pädagogische Impulse, Gefühlsbild, Schulungsweg
Von: Thomas Stöckli, Februar 2017,

Pädagogische Qualitätsentwicklung - aber wie?


Thomas Stöckli vom Institut für Praxisforschung in der Schweiz hat mit seinem Team eine Methode zur Entwicklung der pädagogischen Unterrichtsqualität entwickelt. Mittlerweile gibt es zwar eine wertvolle Palette von Qualitätsverfahren für Waldorfschulen, ihr Fokus liegt jedoch primär auf der Entwicklung hilfreicher Schulstrukturen, die eine Entwicklung und Evaluation der Verfahren an der Schule ermöglichen. Wie durch die einzelne Lehrperson die pädagogische Qualität und der Unterricht entwickelt und evaluiert werden kann, ist nicht ihr Schwerpunkt. Diese Lücke füllt nun das Handbuch „Pädagogische Entwicklung durch Praxisforschung“, in welchem der Weg dazu detailliert vorgestellt wird. Der vorliegende Artikel skizziert die Grundlagen einer zwanzigjährigen Erfahrung und führt einige Beispiele aus der Praxis an. Weitere Einzelheiten können in der Online-Fassung des Handbuchs (1) studiert werden.

Zum Handbuch Pädagogische Entwicklung durch Praxisforschung


Ein "Qualitätsverfahren" für die Pädagogik

Im Handbuch finden sich die vom Institut für Praxisforschung entwickelten und publizierten Grundlagen und Methoden zur pädagogischen Qualitätsentwicklung. Sie wurden für tätige Lehrpersonen sowie Studierende in der Ausbildung konzipiert. Rudolf Steiner hat eine solche Methode nicht nur selber mit dem ersten Kollegium in den Konferenzen praktiziert, sondern auch deren geistigen Grundlagen in der "Meditativ erarbeitete Menschenkunde" gelegt (2).


Das Besondere einer Verbindung von Anthroposophie, Waldorfpädagogik und wissenschaftlich-akademischem Kontext

Das Ziel der Autoren war, den anthroposophischen Schulungsweg, die Unterrichtsentwicklung, die Schulentwicklung und die akademisch anerkannte qualitative Forschung zu einer neuen Ganzheit zu verbinden, die sowohl intern an Waldorfschulen wie auch an Universitäten nachvollzogen werden kann. (3) Dies kann für die Anerkennung von Schulen und Ausbildungsinstituten von Bedeutung sein, um ihnen eine wissenschaftliche und undogmatische Orientierung zu attestieren, ohne dass Kompromisse mit dem Kern der Waldorfpädagogik oder der anthroposophischen Geisteswissenschaft nötig sind. Im Gegenteil, diese sind ein zentraler Bestandteil dieser qualitativen Entwicklung und Forschung.


Ein Handbuch als Schlüssel zur anthroposophisch erweiterten Praxisforschung

Ganz in der Praxis stehend! Das Kind im Zentrum! Und alles in der wenigen Zeit, die mir neben Schule und Privatleben bleibt! Also bitte nicht noch zusätzlichen Stress neben allem anderen, was ich als Waldorflehrerin oder -lehrer erledigen muss. Genau diese Anliegen hatten wir im Blick, als wir vom Institut für Praxisforschung das Handbuch als Schlüssel zur pädagogischen Forschung entwickelten. Manche Aussagen im Handbuch mögen auf den ersten Blick kompliziert erscheinen, jedoch erschliessen sich ihre Bedeutungen in der Praxis und basieren auf den folgenden sechs Grundlagen oder Empfehlungen:

  1. Die Qualitätsentwicklung soll dem Kind dienen, darum nimmt sie dort ihren Ausgangspunkt. Die pädagogischen Begegnungen mit den Kindern im Unterricht stehen im Zentrum.

  2. Nach dem Unterricht bzw. abends pflegt die Lehrperson den Rückblick, ebenso einen Wochenrückblick und macht sich Notizen dazu.

  3. Dies verbindet sie mit ihrer menschenkundlichen Arbeit sowie mit ihrem ganzen Erfahrungsschatz.

  4. Nun kommt das Nachtlernen dazu, begleitet durch meditatives Üben beim Einschlafen und Aufwachen.

  5. Die persönliche Intuition führt in freien Stücken heraus zu etwas Neuem (mithilfe „moralischer Phantasie“). So bleiben die Ideale nicht Idealvorstellungen, sondern werden zu konkreten Ideen.

  6. Nun erfolgen für den pädagogischen Alltag pädagogische Impulse und plötzlich weiß die Lehrperson, was "dran ist" (wie Rudolf Steiner im 2. Vortrag der meditativen Menschenkunde darlegt). Es kommt zu pädagogischen Anregungen, welche aus dem Zusammenspiel dieses ganzheitlichen Prozesses angeregt werden, und sich daran orientieren, was das Kind bzw. die Klasse als Aufgabe stellt.

 

Abbildung aus dem Handbuch, S. 36 (1)

 

Erfahrungen von Lehrkräften aus der Praxis

Es haben sich mittlerweile viele Lehrkräften und vor allem Studierende der Waldorfausbildung an der AfaP in Dornach (4) mit dieser Methode auseinandergesetzt, ihren Unterricht reflektiert und in der Folge qualitativ weiterentwickelt oder sie haben pädagogische Forschungsvorhaben durchgeführt.

 

So hat sich ein Klassenlehrer nach 20 Jahren Praxis der Elternarbeit angenommen und eine neue Gesprächskultur an seiner Schule entwickelt. Eine junge Lehrerin hat in einer 2. Klasse eine ganze Epoche Formenzeichnen in der Fremdsprache unterrichtet. Ein Lehrer fragte sich, wie er die einzelnen Schüler im Mathematikunterricht besser begleiten kann und entwickelte Unterrichtsmodule für die Übungsstunden. Eine junge Lehrerin, die in einem Indianerreservat aufgewachsen ist, hat sich vorgenommen, die Lage der Indianerkinder besser zu verstehen und daraus Ideen für die dort wachsende Waldorfschule (5) zu entwickeln. Ein Lehrer hat im Geografieunterricht ein fächerübergreifendes Unterrichtsprojekt umgesetzt und alle Fachlehrpersonen seiner Klasse involviert. Den Abschluss bildete ein Fest mit Musik, Tanz, Kochen und Gästen aus Afrika; ein bleibendes Erlebnis für alle.

 

Zuerst gilt es, da anzusetzen, wo man selber steht, nicht zu weit zu suchen, schauen, wo es einem pädagogisch unter den Nägeln brennt oder wozu man wirklich Lust oder einen Impuls hat und dann mit dem "Forschungsschlüssel" zu beginnen, systematisch und doch ganz individuell. Als Beispiel möchte ich einen Mathematiklehrer zitieren, der sich auf diesen Übungsweg begeben hat.

 

Der Übungsweg der Praxisforschung: konkret an einem Beispiel

Im Folgenden zitiere ich aus dem Praxisforschungsbericht eines Mathematiklehrers. (6) Den Fokus legt er auf den Rückblick, mehrdimensional, weil er unter anderem das "Gefühlslernen" einbezieht:

 

"Ich versuche rückblickend nicht nur die eigene Handlung zu reflektieren, sondern auch meine erlebten Gefühle. Wie habe ich mich gefühlt, als ich die Geometriekonstruktion gezeigt habe? Hatte ich Spaß dabei und mich gefreut oder dachte ich bereits an die Pause und war nicht mit dem Herzen bei der Sache?"

 

Nach dem Rückblick ist es auch wichtig, durch die 'Vorblickübung' auf den zukünftigen Unterricht zu blicken: "Aus der Reflexion entstehen automatisch neue Ideen. Ich werde mir bewusst, wann was gut geklappt hat und nehme mir vor, wieder so zu handeln. Da das Gewesene aber so nie mehr stattfinden wird, versuche ich herauszufinden, was denn das Wertvolle an meiner Handlung war. Ich versuche die dahinterliegende Bedeutung zu erkennen und stelle mir vor, wie ich diese in anderen Situationen einbringen kann."

 

Auch für die Lehrperson ist das "bildhafte Lernen" von großer Bedeutung: "Beispielsweise habe ich im Rückblick erkannt, dass wenn ich meine Geschwindigkeit beim Vortragen verlangsame, die Schüler aufmerksamer werden und ich dieses Mittel zum Beispiel einsetzen kann, wenn ich wichtige Inhalte betonen will. Ich stelle mir vor, wie ich am kommenden Tag im Unterricht stehe. Ich stelle mir vor, was meine Kernaussage im Unterricht sein wird und wie ich innerlich und äußerlich meinen Beitrag ruhig und langsam spreche, um einen neuen Fachbegriff zu betonen."

 

Lernen heißt auch, aus eigenen Fehlern zu lernen und sich ohne Gewissensbissen, eine Verbesserungen für den Unterricht vorzunehmen. Dadurch entsteht konkrete Qualitätsentwicklung in der Pädagogik. "Natürlich können mich auch vergangene, misslungene Situationen inspirieren und mir zu neuen Ideen verhelfen. Beispielsweise hatte ich zu schnell gesprochen und die Schüler haben dadurch die Aussage meines Vortrags verpasst. Also stelle ich mir vor, dass ich ein ganzes Leben Zeit habe für diese Aussage und nehme mir Zeit, um diesen Beitrag zu sprechen, das Sprechen zu genießen und einzelne Elemente darin zu betonen."

 

Nun findet der Übende schrittweise und organisch zu einer meditativen Dimension: „Diese Bilder, die ich mir von der zukünftigen Handlung mache, sind enorm wichtig. Deshalb versuche ich diese Ideen, die aus meiner Reflexion gewonnen wurden, als gefühltes Bild zu bewahren. Ich wiederhole sie für mich mehrmals, so dass ich sie nicht vergesse. Ich versuche dabei ein möglichst klares Bild zu halten, auf das ich mich konzentriere und fokussiere.

Das Wiederholen positiver Gefühlsbilder kann schon zur Meditation gezählt werden. Idealerweise kann dieses bestärkende Wiederholen vor dem Schlafengehen ausgeübt werden. Dadurch bringen wir dieses positive Gefühl, das wir ganz bewusst hergeführt haben, zeitlich nahe an unseren Schlaf.“

 

Dadurch kommt auch das "Nachtlernen" zum Zug: "Während wir bisher ganz bewusst eine Gefühlsstimmung, ein Gefühlsbild aufgegriffen und verstärkt haben, kann sich im Schlaf dieses Bild auch ins Unterbewusste ausbreiten. Konnten wir uns gut darauf konzentrieren, was unser Gefühlsbild bedeutet, kann es durch das Nachtlernen geschehen, dass sich diese Bedeutung verinnerlicht. Dadurch kann sie am nächsten Tag an anderer Stelle wieder hervortreten."

 

Die Wirkung dieses Übungsweges und die damit verbundene Qualitätsentwicklung zeigt sich als ganzheitlicher Prozess: "Nun kann es passieren, dass diese sich bewusstgemachte Bedeutung auch anderswo zum Vorschein kommt. Es kann sein, dass dies nicht bewusst geschieht, sondern sich „ergibt“. Ohne genau darüber nachzudenken, warum ich das tue, spreche ich auch bei wichtigen Aussagen in Sitzungen langsamer. Oder vielleicht spreche ich bei passenden Situationen schneller. Wenn sich diese Handhabung verinnerlicht hat, muss ich nicht immer wieder den gesamten Weg des Rückblicks, der Reflexion und Imagination einer einzelnen Situation durchführen, um auf eine neue Idee zu kommen. Manchmal wird eine bisher unklare Situation plötzlich klar. In diesem Stadium können wir unsere neue Überzeugung und beabsichtigte Handlung nicht immer sofort erklären, aber wir wissen, dass sie intuitiv richtig ist. Dann haben wir eine tiefe Erfahrung gemacht und eine Erkenntnis verinnerlicht."

 

Dieses Beispiel kann zeigen, wie sich die Praxisforschung als Schulungsweg konkretisiert und wie diese pädagogische Qualitätsentwicklung den Menschen in seiner ganzen Dimension, im Denken, Fühlen und Wollen ergreifen kann. Ebenso wird ersichtlich, dass diese Forschungsmethode sich direkt mit dem anthroposophischen Schulungsweg verbinden kann. Denn wenn die Lehrperson lernt und sich entwickelt, dann regt das auch die Kinder an, entsprechend dem Motto: "Jede Erziehung ist Selbsterziehung" (Rudolf Steiner).

 

Dr. Thomas Stöckli ist seit 1995 Co-Leiter der Akademie für anthroposophische Pädagogik und dort zugleich als Dozent für die Lehrerbildung tätig. Er hat 1992 die ROJ Mittelschulen Regio Jurasüdfuss mitbegründet, an welcher er bis 2015 als Mittelschullehrer (Deutsch, Englisch, Philosophie) tätig war. Seit 1999 betreut er internationale Forschungsprojekte auf der Grundlage der Praxisforschung. In diesem Kontext gründete er das Institut für Praxisforschung, welches seit 2009 die Akademie für anthroposophische Pädagogik wissenschaftlich begleitet. Im Rahmen seines Dissertationsvorhabens an der Technischen Universität Berlin bearbeitete Thomas Stöckli auf wissenschaftlicher Basis das Thema "Lebenslernen - Eine Antwort auf die Bedürfnisse heutiger Jugendlicher", wo er im Mai 2011 promovierte.

 

Literaturangaben

  1. Stöckli, T. (2012): Pädagogische Entwicklung durch Praxisforschung. Ein Handbuch. Stuttgart: edition waldorf. Online-Kurzfassung: www.institut-praxisforschung.com

  2. Steiner, R. (1994): Meditativ erarbeitete Menschenkunde, Bd. 302a GA, 1. Vortrag, Dornach: Rudolf Steiner Verlag. Siehe dazu auch den Beitrag von Michael Grimley im Rundbrief Nr. 59 der Pädagogischen Sektion am Goetheanum, S. 9f.

  3. Das empfehlenswerte Buch von Christof Wiechert (2010): Lust aufs Lehrersein?! (Dornach, Verlag am Goetheanum), verfolgt auch die Methode, den anthroposophischen Schulungsweg für die pädagogische Praxis fruchtbar zu machen.

  4. www.afap.ch

  5. http://lakotawaldorfschool.org/

  6. Die Zitate sind einem pädagogischen Bericht von Jonas Brüllhardt entnommen (Mathematiklehrer Mittel-/Oberstufe).



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