Wer erziehen will, muss selber erzogen sein. Wer auf die Jugend wirken will, muss selber jung bleiben und unablässig an sich selber arbeiten.

 

Simon Gfeller, Schweizer Pädagoge und Mundartschriftsteller (1868 - 1943)

Schulungsweg
Allgemeine Menschenkunde, Vorstellung, Wille, einschlafen, aufwachen, geistvergangen, geistzukünftig
Von: Florian Osswald, Dezember 2016, Rundbrief Pädagogische Sektion Nr. 59 Weihnachten

Angesichts der Nacht - Teil II


Der Ausgangspunkt dieser kurzen Betrachtung ist eine Übung, die sich aus einem Vortrag von Rudolf Steiners von 10. Oktober 1918 (1) ergibt. Es handelt sich um eine Rückschauübung, die folgenden Ablauf hat: Kurze Zeit nach dem Aufwachen blicken wir zurück auf den Morgen, die Nacht und den Abend. Wir gehen in Bildern rückwärts durch den noch jungen Tag bis zum Moment des Aufwachens. Vielleicht sehen wir uns selbst beim Ankleiden, bei Zähneputzen, wie wir die Bettdecke zurückschlagen oder das Fenster öffnen. Nun gehen wir noch einen Moment weiter rückwärts und begegnen einem Übergang, einer Schwelle. Wir gehen weiter in Bildern rückwärts, in einem gewissen Sinne „in die Nacht hinein“. Vielleicht erinnern wir uns noch an einen Traum. Die Schlafphase verläuft meistens unbewusst. Wir haben keine Erinnerungen bis wir zum Moment des Einschlafens kommen. Woran können wir uns noch erinnern? Was waren die letzten Gedanken, Gefühle vor dem Einschlafen? Wir schauen uns die Bilder noch ein paar Minuten zurück in den Abend an und beenden die Übung. Diese kleine Übung, die nur wenig Zeit in Anspruch nehmen muss, beherbergt grosse Schätze.

In Teil 1 wurden die Übergangsmomente Einschlafen und Aufwachen und erste Gedanken zum Schlaf - der Nachtseite des Bewusstseins - angestellt. Im zweiten Beitrag hier betrachten wir nun den Zusammenhang der Übung mit dem Studium der Menschenkunde.

Menschenkunde und lebendige Begriffe

Für viele Menschen ist das Studieren der Allgemeinen Menschenkunde (2), mit der Steiner eine erste Grundlage für die konkrete Umsetzung seines pädagogischen Impulses legt, eine grosse Herausforderung. Ein Beispiel dafür ist der 2.Vortrag, in dem Rudolf Steiner neue Ansätze zu einer erlebbaren Psychologie formuliert, die das geistige Leben im Vorgeburtlichen und Nachtodlichen miteinbezieht. Den Ausgangspunkt bilden die beiden Begriffe "Vorstellung" und "Wille". Wie können wir ein klares Bild dieser zwei Begriffe entwickeln? Steiner charakterisiert in der Allgemeinen Menschenkunde Vorstellung als etwas, das nicht Seins-, sondern Bildcharakter aufweist. Sie ist uns ein Abbild einer Wirklichkeit. Wovon ist sie Abbild? Die Antwort lautet: "Und auf diese Weise, indem die Tätigkeit, die Sie vor der Geburt beziehungsweise der Empfängnis ausgeführt haben in der geistigen Welt, zurückgeworfen wird durch Ihre Leiblichkeit, dadurch erfahren Sie das Vorstellen." (3)

 

Und was ist Wille? Er ist "Keim in uns für das, was nach dem Tode in uns geistig-seelische Realität sein wird" (4). Vorstellende Tätigkeit ist also Bild von dem vorgeburtlichen Leben, ist "geistvergangen" wie Steiner es nennt, ist Bild von etwas, das nicht mehr ist. Die Willenstätigkeit ist zurückgehaltene, im Keim gehaltene, geistig-seelische Wirklichkeit des Nachtodlichen, etwas was noch nicht ist sondern erst wird. Steiner braucht dafür den Begriff "geistzukünftig".

 

Diese Zusammenhänge sind sehr komplex und wir haben sie hier nur kurz skizziert. Um mehr zu erfahren, könnten wir auf die Begriffsgeschichte zurückgreifen und sehen, wie sich die Bedeutung von "Vorstellung" und "Wille" gewandelt haben. Wir würden damit Informationen gewinnen, oft aber wenig innere Veränderung, wenig seelische Berührung. Manchmal finden wir jedoch Verständnishilfen an anderen Stellen. Am 10.10.1918 hielt Steiner einen Vortrag in Zürich, er setzte sich bereits dort mit der Begründung einer neuen Seelenwissenschaft auseinander. Damals wählte er einen anderen Weg, um sich dem Begriffspaar Vorstellung/Wille zu nähern:

 

"Zwei Momente im menschlichen Leben sind es zunächst, an welche die neuere Seelenwissenschaft anknüpfen muss, von denen ausgehend sie wiederum zurückkehren kann zu den Begriffen von Vorstellung, Wille und so weiter, um für diese Begriffe wiederum einen vollinhaltlichen seelischen Wert zu bekommen." (5)

 

Die beiden Momente sind das Einschlafen und das Aufwachen. Unsere Übung kann also zum Verstehen beitragen, denn sie hilft uns, die beiden Begriffe in einer lebendigen Weise zu erleben und zu üben. Der Anspruch, der im 2. Vortrag gesetzt wird, ist hoch, das empfinden viele Menschen so. Steiner bestätigt dies selbst und gibt zugleich einen Hinweis, wie wir damit umgehen können:

 

"Niemand kann in Wahrheit begreifen, was es heisst: Ich stelle vor —, was es heisst: Ich bilde mir in meinem Seelenleben einen Gedanken -, der nicht den Moment des Aufwachens wirklich beobachtend erfasst. (…) Was geschieht eigentlich in meiner Seele, wenn ich eine Vorstellung fasse? - Die Kraft, die man in der Seele entfaltet, wenn man eine Vorstellung fasst, die ist genau dieselbe wie die Kraft, die man entfalten muss, allerdings jetzt in viel verstärkterem Masse, wenn man aufwacht." (6)

 

Andererseits erhalten wir einen Bezug zum Willen, wenn wir das Einschlafen beobachten.

"Was eigentlich ist es, welches im Einschlafen sich besonders im Seelenleben verwandelt? Was bewirkt durch das Einschlafen das Herausziehen aus der sinnenfälligen Wirklichkeit und das Untertauchen in die übersinnliche Wirklichkeit? - Das ist die Verwandlung des Willens (...) Man kann den Willen nicht greifen, wenn man ihn nicht auf der Grundlage des Einschlafens erfasst." (7)

 

Jetzt beginnt die Arbeit. Eine Grundlage für das Verständnis bildet die regelmässig aufgebrachte Aufmerksamkeit auf die beiden Momente von Einschlafen und Aufwachen. Die dazwischen liegende Nacht wird immer bedeutungsvoller. In was tauchen wir beim Einschlafen ein? Warum vertrauen wir uns der Nacht an? Tiere in der tropischen Welt schlafen nicht wirklich, während in den nördlichen Breitengraden der Winterschlaf für das Überleben notwendig ist. Der Schlaf des Menschen ist ein besonderes Ereignis, Steiner weist im 1.Vortrag der Allgemeinen Menschenkunde darauf hin. Es ist eine der ersten Aufgaben von Eltern, ihrem Kind zu helfen, seinen Schlafrhythmus zu finden.

 

Sie können bei sich selbst beobachten, wie die Übung ihren Schlafrhythmus beeinflusst, wie sich Ihre Aufmerksamkeit auf das Erleben der Nacht auswirkt.

 

Der spanische Dichter Juan Ramon Jimenez hat die Wirkung der Nacht in einem wunderbaren Gedicht eingefangen: 

 

Wirf den Stein von heute weg.                              Tira la piedra de hoy,

Vergiss und schlafe. Wenn er Licht ist,                   olvida y duerme. Si es luz,
wirst du ihn morgen wieder finden,                        
mañana la encontrarás
zur Dämmerzeit, in Sonne verwandelt.                  
ante la aurora, hecha sol.

 

Wir sehen vorerst ein Rätsel. Was ereignet sich im Schlaf? Was klingt in uns von der Nacht nach?Sind wir am Morgen erquickt und voller Einfälle oder haben wir Kopfschmerzen und fühlen uns leer? Was erwacht eigentlich beim Aufwachen in uns? In welcher Beziehung steht es zu dem was wir in den Schlaf mitgenommen haben? Was ist aus den Keimen des Tages geworden?

 

Wir hoffen, dass Sie mithilfe dieser kurzen Betrachtung einen anderen Zugang zu den zitierten Stellen im 2. Vortrag finden können.

 

Unterdessen wünschen wir Ihnen viel Freude am Üben.

 

Florian Osswald, geboren in Basel, Schweiz, studierte Verfahrensingenieur. Nach einer Ausbildung zum Heilpädagogen in Camphill, Schottland, besuchte er das Lehrerseminar in Dornach. Während 24 Jahren unterrichtete er Mathematik und Physik an der Rudolf Steiner Schule Bern-Ittgen und war in verschiedenen Ländern als kollegialer Berater tätig. Seit Anfang 2011 leitet er zusammen mit Claus-Peter Röh die Pädagogische Sektion am Goetheanum.

 

Literaturangaben

(1) Steiner, R.: Der geisteswissenschaftliche Aufbau der Seelenforschung von deren Grundlagen bis zu den lebenswichtigen Grenzfragen des Menschendasein. Zürich, 10. Oktober 1918, GA 73.                

(2) Steiner, R.: Allgemeine Menschenkunde.als Grundlage der Pädagogik. Rudolf Steiner Verlag. Basel. GA 293. 2015.

(3) ebenda, S. 39

(4) ebenda, S. 40

(5) siehe 1, S.258

(6) siehe 1, S.266

(7) siehe 1, S.269   



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