Wer erziehen will, muss selber erzogen sein. Wer auf die Jugend wirken will, muss selber jung bleiben und unablässig an sich selber arbeiten.

 

Simon Gfeller, Schweizer Pädagoge und Mundartschriftsteller (1868 - 1943)

Unterricht
China Waldorf Forum, Lehrplan, Kultur, Ausbildung der Lehrkräfte, Schulungsweg
Von: Ben Cherry/ Katharina Stemann, Mai 2016,

Lebst du, was du predigst?


Waldorflehrerinnen und -lehrer in China müssen den schwierigen Spagat zwischen dem „Kopieren“ von fremden Kulturelementen und der Suche nach dem eigenen Weg meistern um eine eigene Identität im modernen China zu finden. Mit Ben Cherry, Koordinator des China Waldorf Forums und Ausbildungsleiter, sprachen wir über die neusten Entwicklungen der Waldorfpädagogik in China.

Ist der sogenannte Richter-Lehrplan die Basis für den Unterricht in China? Wenn ja, wie wird er den Gegebenheiten im Land angepasst?

Ben Cherry: Generell ja – denn die meisten Lehrkräfte sind Neulinge – sie brauchen etwas, das sie erstmal einfach übernehmen können. Wenn sie dann etwas Erfahrung gesammelt haben, fangen sie an, zu experimentieren. Die Lehrkräfte hier haben den starken Wunsch, die Schätze der chinesischen Kultur neu zu entdecken. In der Forschung läuft hier viel. Die Lehrkräfte forschen an der Frage, welche Unterrichtsinhalte für welches Alter der Kinder richtig sind.


Was ist unter dem Begriff „die Chinesische Kultur“ zu verstehen?

Darunter fallen Erzählungen, Aspekte der Geschichte, Literatur, Philosophie und natürlich die Kalligraphie und die chinesische Kunst. Die Schulen haben unterschiedliche Haltungen. Die einen wollen alles Alte mit Neuem ersetzten. Aber das ist generell nicht die Haltung, welche das China Waldorf Forum einnimmt. Wir ermutigen die Schulen, chinesische Quellen neu zu entdecken und wirklich zu verstehen, was bereits innerhalb der Waldorf Bewegung entwickelt wurde. In anderen Worten: immer mehr zu verstehen, wie sich Kinder entwickeln und wie sie lernen. Ansonsten wird es zu einem „Kopieren und Einfügen“. Es ist aber auch nicht nachhaltig oder produktiv, wenn eine Schule einfach sagt, sie möge die Nordischen Sagen nicht und sie durch irgendeine zufällig gewählte chinesische Geschichte ersetzt.

 

Kannst du uns ein Beispiel geben?

Schon in der ersten Klasse entsteht die Frage, welche Sagen oder Märchen man den Kindern erzählen soll. Weiss du, es gab in China bereits mehrere Kulturrevolutionen, nicht nur im letzten Jahrhundert. Schon vor 2000 Jahren gab es eine gewaltige Kulturrevolution und viele antike Quellen wurden zerstört. Obwohl die chinesische Kultur sehr reich ist, gibt es auch riesige Lücken darin. Wenn die Lehrkraft findet, es müsse unbedingt etwas Chinesisches sein, ist die Tendenz da, dass sie irgendeine antike chinesische Geschichte wählt. Und das ist dann nicht unbedingt eine Geschichte, welche ein Kind in der ersten oder zweiten Klasse wirklich nährt.


Was sind die grössten Herausforderungen in der Ausbildung der Lehrkräfte?

Die grösste Herausforderung ist, dass man ein Gleichgewicht finden muss zwischen den dringendsten Anliegen – denn viele Lehrkräfte, die noch in der Ausbildung sind, unterrichten bereits – und den wirklichen Zielen der Lehrerbildung, nämlich die Grundlagen für die Zukunft zu schaffen. Damit können Lehrkräfte immer selbständiger werden. Wenn sie verstehen, was sie tun und warum sie es tun, dann werden sie in der Zukunft ihre eigenen Entscheidungen treffen. Also, die eine Herausforderung ist das Tempo und die andere ist die grosse Anzahl Studenten. Zum Beispiel gibt es am Seminar in Südchina 180 Studierende.

 

Und wie viele Schulen gibt es?

Es kommt drauf an, was du unter Schule verstehst. Wir kennen mehr als sechzig Waldorf Initiativen. Ausserdem gibt es ungefähr 400 Kindergärten, aber das weiss niemand genau. Wahrscheinlich wird gerade jetzt, während ich mit dir spreche, irgendwo einer eröffnet. Im Moment herrscht in China dieser Geist von „einfach loslegen.“ Man muss auch bedenken, dass die Waldorfpädagogik dort erst im Jahr 2004 Fuß gefasst hat als die erste Waldorfschule gegründet wurde.

 

Welche Herausforderungen werden mit dem Beginn der Oberstufe auf euch zukommen?

Tja, das ist der nächste Schritt. Die Chengdu Schule hat bereits eine zehnte Klasse. Peking und Guangzhou im Südosten sind schon in der achten. Sie stehen an diesem Kreuzweg und fragen sich, ob sie weitermachen können oder nicht. Wir ermutigen die Schulen in Guangzhou und Peking zur Zusammenarbeit. Wir möchten, dass sie mit unserer Hilfe eine gemeinsame Oberstufe gründen. Das wäre besser, als wenn jede Schule ihre eigene Oberstufe hat.

 

Wie werden die Kinder mit der Kalligraphie vertraut gemacht?

Die erfahrensten Lehrkräfte sind in Taiwan. Die grösste Waldorf Schule in Taiwan ist Ci Xin. In 16 Jahren Erfahrung haben sie gemerkt, dass die Kalligraphie in der ersten bis dritten Klasse wie eine Erweiterung des Malunterrichtes ist. Also malen sie chinesische Schriftzeichen mit Wasserfarben. In Ci Xin fängt die eigentliche Kalligraphie in der vierten Klasse an. Ausserdem ist das Formenzeichnen eine wunderbare Vorbereitung für das Schreiben der chinesischen Schriftzeichen, denn jedes Zeichen besteht aus Krummen und Geraden. Sie arbeiten dort auch aus der Entwicklung der Schriftzeichen heraus, weil die ältere Schrift lebendiger ist als die heutigen Formen.

 

Wie kommt es, dass sich die Eltern für die Waldorf Schule interessieren? Wie ist die Waldorf Pädagogik in der Gesellschaft verankert?

Sogar die Zentralregierung gibt zu, dass die staatliche Bildung nicht besonders gut funktioniert. Etwas in den Chinesinnen und Chinesen hungert nach etwas Neuem, aber sie wollen etwas, das mit ihrer Kultur verbunden ist. Die meisten Schuleltern gehören zum neuen Mittelstand, sie haben mehr Zeit und möchten mehr über Pädagogik wissen. Viele Waldorf Schulen begannen als Montessori Kindergärten und dann, als die Menschen von der Waldorf Schule hörten, wechselten sie sehr schnell dahin. Der Grund dafür ist, dass sie erkennen, dass die Waldorfpädagogik im Grunde wirklich versucht, das Kind sehr genau zu verstehen.

Eine Kollegin von mir sprach kürzlich an einer Konferenz mit einem Professor. Als sie erwähnte, dass sie mit der Chengdu Waldorf Schule verbunden sei, sagte der Professor, dass alle, die in China wirklich Innovation in das Schulsystem bringen wollen, nicht an der Waldorf Schule vorbei kommen. Für ihn muss man sich dieser Tatsache stellen. Das ist schon sehr außergewöhnlich.

 

Siehst du Unterschiede in der Schulführung zwischen den westlichen Industrieländern und China?

Das ist eine wichtigen Frage. Nächstes Jahr machen wir eine Tagung zum Thema „Ich und die Gruppe“. Eine der Fragen wird der Prozess des Ichs sein, wie es sich während der Kindheit inkarniert und wie es seinen Weg durch das Leben findet. An der Tagung werden wir Diskussionen haben, Foren und vieles mehr. Wir werden auch darüber austauschen, wie wir den Unterschied zwischen Ost und West wahrnehmen. Ich würde zum Beispiel sagen, dass das Ich in den Menschen im Westen tiefer inkarniert ist als im Osten. Ich habe von vielen Eurythmistinnen, die nach Asien gekommen sind, gehört, dass sie erstaunt sind, wie schnell sich eine Gruppe bildet, wie schnell die Menschen sich in das einfühlen, was die anderen tun.

Nun, das ist nicht unbedingt ganz so harmonisch in Bezug auf die Schulführung. Darum ist es eine der zentralen Aufgaben des China Waldorf Forums, die Qualität sicher zu stellen und die Pädagogik zu schützen. Aber das können wir nur tun, wenn wir die Beteiligten ermutigen, zusammenzuarbeiten und wir ihnen Möglichkeiten zeigen, wie sie das tun können. Es gibt die Tendenz, dass man in den ersten Jahren und bei Neugründungen sagt: „Das ist mein Projekt und ich mache es auf meine eigene Art und Weise.“ Wir sehen, wie die Menschen hier in den letzten dreissig Jahren – seit China freier geworden ist - immer individueller geworden sind, darum haben sie auch das Bedürfnis, ihren ganz eigenen Weg zu finden.

 

Wie stehen die Lehrkräfte zum inneren Schulungsweg?

Übungen zur Selbstentwicklung sind ein wichtiger Bestandteil der Kultur hier. Einige der Lehrkräfte sind Buddhisten, andere haben eine Verbindung zum Taoismus oder zum Konfuzianismus. Viele gehören natürlich auch keiner Religion an, sind aber gegenüber spirituellen Einflüssen offen. Übungen wie die sechs Nebenübungen sind gewissen buddhistischen Übungen sehr ähnlich. Die Chinesen möchten sehr genau wissen, ob wir das, worüber wir sprechen, auch in die Praxis umsetzen. Man sieht hier überall Tai Chi und Kung Fu, es ist wirklich ein Bewegungs-Land. Jeden Abend gehen die Leute auf die Strasse und tanzen. Darum schauen sie uns „Westler“ genau an und denken: „Aha, du arbeitest mit Anthroposophie. Welchen Einfluss hat das auf deine Gesundheit? Bist du gesund? Bist du diszipliniert? Lebst du das, was du predigst?“

 

Wie wird der Begriff “Ich” in der chinesischen Sprache verwendet? Und wie ist es mit Familienmitgliedern?

In einigen Sprachen die auf dem Chinesischen beruhen, wie die vietnamesische Sprache, beziehen sich alle Fürwörter auf die Familie. In unserem Gespräch hier würde ich dich wahrscheinlich Nichte nennen und du würdest mich Onkel nennen. Im Mandarin gibt es abstraktere Wörter für Ich und Du und ein Wort für Er/Sie/Es. Aber man kann auch Familienfürwörter verwenden, um eine engere Beziehung aufzuzeigen. Zum Beispiel nennen mich die meisten Menschen in der chinesischen Waldorfbewegung Grossvater, Ben Yéyé oder eher Bèn Yéyé, das bedeutet dumm. Dummer Grossvater. Das mag ich.

Siehst du, sie haben zwei unterschiedliche Begriffe für „Ich“. Zum einen haben sie das gebräuchliche . In der Übersetzung von Steiners Werk, wenn er über das Ich spricht, wird es heute aber normalerweise mit einem sehr alten Wort „wu“ übersetzt, dass nur als Subjekt aber nie als Objekt verwendet werden kann.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch und die wundervollen Einblicke!

 

Seit seiner frühen Kindheit spielt China auf irgendeine Art in Ben’s Leben eine Rolle. Da wären zuerst die tiefblauen Drachenmalereien auf Töpfen seiner Großmutter in Schottland zu erwähnen, gefolgt von der Ermahnung der Erwachsenen: "Denk an all die hungerleidenden Menschen in China und iss deinen Teller auf". Und vermutlich hat ihn aufgrund seiner leichten Schlitzaugen das Lied „Chinky, Chinky Chinaman“ im Kindergarten begleitet. In Erinnerung geblieben sind ihm auch die Wörter „Und Konfuzius sprach...“ dicht gefolgt von einem sinnlosen Satz, der in die Holzwand der furchtbaren Toilette auf der englischen Internatsschule geritzt wurde... Im Jahr 1970 sehen wir ihn mit 22 Jahren an der chinesischen Grenze in Hong Kong stehen und sich fragen, ob er jemals über diese eindrucksvolle Grenzmauer aus Zement und Stacheldraht treten wird, ohne zu wissen, dass er es 24 Jahre später - nachdem er in vielen anderen Weltteilen gereist und gearbeitet, sich in Yi Ching und weitere antike chinesische Schriften vor allem die Gedichte von Chuang Tzu vertieft, schließlich mit 30 die Werke von Rudolf Steiner entdeckt und für viele Jahre in Waldorfschulen in Australien unterrichtet hat - endlich dorthin schaffte, um dann 2016 neun Monate im Jahr der schnell wachsenden Waldorfbewegung in China und Taiwan zu helfen... So wird ein Traum war, aber natürlich nie genauso wie man ihn sich erträumt hat.



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