Wer erziehen will, muss selber erzogen sein. Wer auf die Jugend wirken will, muss selber jung bleiben und unablässig an sich selber arbeiten.

 

Simon Gfeller, Schweizer Pädagoge und Mundartschriftsteller (1868 - 1943)

Frühe Kindheit
Kinderkrippen, Kindertagesstätten, kindliche Entwicklung, unter Dreijährige, gesellschaftliche Veränderungen, Beziehungen, Bewegungsentwicklung
Von: Helle Heckmann, Februar 2016, Erstveröffentlichung: IASWECE Rundbrief April 2013

Betreuung von Kleinkindern: Fragen und Erfahrungen


Die Frage nach der Betreuung von Kleinkindern ausserhalb der Familie betrifft auch zunehmend die Waldorfbewegung. Die Autorin Helle Heckmann zeigt auf, wie wichtig in der heutigen Gesellschaft eine Betreuung für die unter Dreijährigen geworden ist. Dabei ist es ihr ein grosses Anliegen, dass sich die Betreuung an den kindlichen Bedürfnissen orientiert.

Es gibt heute eine grosse Nachfrage nach Betreuungsangeboten für Kinder unter drei Jahren. Die aktuelle Gesellschaftsstruktur führt dazu, dass häufig beide Elternteile arbeiten und sie deshalb ein Betreuungsangebot für ihre Kinder in Anspruch nehmen. Auch die Familienstrukturen haben sich geändert. Die Kinder leben mehr mit alleinerziehenden Elternteilen oder in mehreren Familien, dass heißt zum Beispiel, dass sie eine Woche lang in der Familie des Vaters und die andere Woche in der Familie der Mutter zuhause sind. Auch die Zahl der sogenannten Patchworkfamilien und der adoptierten Kinder nimmt zu.

 

Die Eltern, die sich für ihr Kind eine frühe Betreuung wünschen, haben oft selbst den größten Teil ihrer Kindheit in einer Kindertagesstätte verbracht. Rollenmodelle haben sich verändert und auch die Vorstellung davon, was es heißt Eltern zu sein, ist heute mit anderen Prioritäten verbunden. In unserer Gesellschaft erfahren die intellektuellen Fähigkeiten die größte Wertschätzung und es wird viel getan, damit die Kinder intellektuelle Fähigkeiten früh erlernen. Die Tatsache, dass Kinder Zeit brauchen, um Kind zu sein, wird oftmals vergessen. Diese gesellschaftlichen Entwicklungen zeigen, dass eine angemessene Kinderbetreuung für die unter Dreijährigen dringend nötig ist. Die große Frage dabei ist, was in diesem Zusammenhang „angemessen“ heisst.

 

Beispiele aus der Praxis

Im Folgenden möchte ich anhand von Beispielen die Praktiken in der Kleinkindbetreuung reflektieren. Viele Kindertagesstätten sind heute rund um die Uhr geöffnet, die meisten jedoch für neun bis zehn Stunden täglich. Das bedeutet, dass das Personal im Tagesverlauf wechselt und das Kind über den Tag mit wechselnden Bezugspersonen zu tun hat. Auch die Spielkameraden wechseln, da nicht alle Kinder zur gleichen Zeit gebracht und abgeholt werden.

 

Wenn man voraussetzt, dass das „Ich“ der Erzieherin noch anstelle des „Ich“ des Kindes wirkt, was bedeutet es dann, das dieses „Ich“ mehrmals am Tag wechselt? Kann der Erwachsene dann noch Vorbild sein? Wie lange sollte das Kind in einer Einrichtung sein? Wo endet der gesundende Einfluss und ab wann beginnen negative Einflüsse überhand zu nehmen? Wir wissen aus unseren Erfahrungen, dass das kleine Kind Bindung und Augenkontakt braucht, sowie die körperliche und seelische Anwesenheit einer Erzieherin oder eines Erziehers. Außerdem benötigt das Kind einen klaren Tagesrhythmus und eine stabile, verlässliche Umgebung.

 

Bewegungsentwicklung

Das freie Spiel draußen oder der Spaziergang wird für die Erzieherinnen und Erzieher erschwert, wenn die Betreuungseinrichtungen nicht kindgemäß ausgestattet sind, zum Beispiel wenn sich die Einrichtung im ersten Stock befindet oder keine geschützte Spielmöglichkeit im Freien vorhanden ist. Die Kinder müssen dann in „Fahrzeuge“ gesetzt und auf stereotype Spielplätze gebracht werden. Bei der Fahrt richtet sich der kindliche Blick nach vorne, ohne Augenkontakt zu den Erzieherinnen und Erzieher. Oftmals sagen ihnen dort inaktive Erwachsene, was sie alles nicht tun dürfen, auch da die Kleidung für das Spielen in Pfützen, Lehm oder für das Klettern häufig ungeeignet ist. Die wichtigen vier Körpersinne - Gleichgewichtssinn, Bewegungssinn, Lebenssinn und Tastsinn - werden auf der Schaukel und im Sandkasten nur unzureichend angeregt. Vor kurzem hat das dänische Erziehungsministerium die Eltern informiert, dass die Kinder aufgrund von Personalmangel von September bis Mai nicht draußen spielen können.

 

Was sind die Konsequenzen davon? Ich konnte beobachten, dass es durch mangelnde Bewegungsanregung zu Schlafstörungen kommt, denn die gesunde körperliche Müdigkeit tritt nicht ein. Stattdessen wirkt das Kind gereizt, übermüdet und unzufrieden. Außerdem führt ein Mangel an Bewegung zu Appetitlosigkeit und wählerischem Essverhalten. Es fehlen oft die Bewegungsabläufe von rechts/ links/ oben/ unten, sowie koordinierte Bewegungen überkreuzt. Daraus folgen schon bei den Kleinkindern sprachliche Schwierigkeiten, sowohl was die Aussprache als auch den Ausdruck und die Kommunikationsfreude betrifft. Man könnte sagen, das Kind „steckt im Kopf fest“ und der restliche Körper wird dadurch vernachlässigt. Beispielsweise begegne ich oft Fünf- oder Sechsjährigen, die noch Windeln tragen. Das kann auf diesen Mangel an ausreichender und vielfältiger Bewegung zurückgeführt werden.

 

Sozialkompetenz

Den Kindern fehlen heute oftmals die Vorbilder, zum Beispiel wie für die Kleineren oder Schwächeren gesorgt wird. Viele Kinder sind Einzelkinder und damit selten mit Kindern aus anderen Altersstufen zusammen. Mir fällt auf, dass heute durch die ganze Kindheit hindurch in altershomogenen Gruppen erzogen wird. Aber erfährt man nicht dadurch eine Orientierung im Leben, indem man mit anderen Kindern, sowohl mit älteren als auch mit jüngeren, spielt und sie beobachtet? Dadurch erfährt das Kind, woher es kommt und in welche Richtung es sich weiterentwickeln wird. In altersgemischten Gruppen ist die Wahrnehmung der Anderen und die gegenseitige Hilfe deutlicher spürbar. In unserer modernen Gesellschaft, in der wir nebeneinander her leben und häufig unsere Nachbarn nicht kennen, finde ich es gerade wichtig, dass wir diese sozialen Eigenschaften pflegen.

 

Für die Akteure in der Waldorfbewegung stellt sich die Frage, wie wir mit diesen Anliegen umgehen wollen. Wollen wir aufgrund der Nachfrage den gängigen Vorgehensweisen folgen oder wollen wir für die Rechte und Bedürfnisse der Kinder eintreten, also zum Beispiel Öffnungszeiten begrenzen und den Einrichtungen bestimmte Formen geben? Wollen wir für die Rechte der Kinder auf „Elternzeit“ eintreten und in diesem Sinne auch politische Erklärungen abgeben? Oder kleben wir Pflaster auf die Wunden in der Hoffnung, dass die Entzündung schon von alleine abklingen wird? Wie wir unsere Kinder aufwachsen lassen und erziehen, hängt mehr denn je davon ab, wie wir unsere gemeinsame Zukunft gestalten. Lasst uns einen offenen Dialog führen mit allen, denen die Kindheit am Herzen liegt!

 

Helle Heckmann ist Waldorfkindergärtnerin in Dänemark. Die Autorin bietet weltweit Kurse, Workshops und Beratung an. Siehe: slowparenting.dk



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