Das Größte, was man vorbereiten kann in dem Kinde, das ist, daß es im rechten Momente des Lebens durch das Verstehen seiner selbst zu dem Erleben der Freiheit kommt.

 

Rudolf Steiner (1861-1925)

Unterricht > Medien
Digitale Geräte, Zersplitterung, physischer Leib, Gefühle, kognitive Fähigkeiten, Technologie, Wille
Von: Henning Kullak-Ublick, Juni 2015, in: Struwwelpeter 2.0, Medienmündigkeit und Waldorfpädagogik, Broschüre, 2014

Medienmündigkeit und Waldorfpädagogik


Als meine Tochter fünf Jahre alt war, erklärte sie meiner Frau, wie unser Faxgerät funktioniert. Sie hatte zwar noch nie ein Fax verschickt, ihrem Vater aber ab und zu beim Versenden zugeguckt. Diese aus heutiger Sicht reichlich nostalgische Erfahrung ist aber dennoch überall präsent: Eltern, Erzieher und Lehrer stehen immer wieder vor der Tatsache, dass sich die Kinder und Jugendlichen, mit denen sie arbeiten und die ihnen anvertraut sind, ganz selbstverständlich der neuesten elektronischen Medien bedienen und sich in virtuellen Räumen bewegen, von denen die Erwachsenen oft noch nicht einmal wissen, dass sie existieren. Was bleibt, ist oftmals Unsicherheit, Angst oder Ratlosigkeit.

Das gilt auch für Waldorfpädagogen, zu deren wichtigsten pädagogischen Idealen gehört, die Kinder ganz und gar lebenspraktisch auf die Herausforderungen ihrer Zeit vorzubereiten.  

 

Schon 1919 betonte Rudolf Steiner, dass kein Schüler die Waldorfschule verlassen dürfe, ohne die Funktionsweise der elektrischen Straßenbahn wenigstens in den Grundzügen zu kennen. Man könne kein wacher Zeitgenosse sein, ohne zu verstehen, wie die Technik funktioniere, derer man sich im alltäglichen Leben bediene. Was damals die Straßenbahn oder der Telegraf war, sind heute Computer, Smartphones, das Internet und die Roboter.  

 

Aus pädagogischer Sicht kann es niemals darum gehen, eine Technik zu verdammen. Es geht nicht um moralische Verhaltensregeln, sondern darum, die Schüler zum sinnvollen Gebrauch der Technik zu befähigen. Um das zu können, muss man zuerst selbst erkennen, welche individuellen, sozialen oder konstitutionellen Wirkungen eine Technik hat, und zwar sowohl für denjenigen, der sich ihrer bedient, als auch für denjenigen, der mit ihren Produkten umgeht. 

 

Aus der vorurteilsfreien und genauen Beobachtung der Technik lassen sich immer exakte Entsprechungen zu körperlichen, psychischen, sozialen und geistigen Aktivitäten der Menschen finden. Umgekehrt nimmt die Technik den Menschen Tätigkeiten ab und führt zu völlig neuen sozialen Strukturen unserer Gesellschaft.

 

Pädagogisch stellt sich daher sofort die Frage, welche Fähigkeiten ein heranwachsender Mensch entwickeln muss, um mit der Technik so frei umgehen zu können, dass er sie sinnvoll einsetzen kann, nicht aber blind ihrer Faszination erliegt.  

 

Das gilt in ganz besonderer Weise für die elektronischen Medien, die sehr viele seelische Aktivitäten imitieren und dadurch besonders verführerisch wirken: Warum soll man sich anstrengen, wenn sich auf einer gefühlten Erlebnisebene ganz ähnliche Wirkungen durch minimale Fingerbewegungen downloaden lassen? 

 

Die Waldorfpädagogik geht sehr bewusst mit den Möglichkeiten der verschiedenen Lebensalter und Entwicklungsphasen um, durch die ein junger Mensch im Laufe seines Heranwachsens hindurchgeht. Entsprechend ist auch der Lehrplan ein Gesamtkunstwerk, das zwar in ständiger Entwicklung begriffen ist, immer aber die Entdeckung neuer Fähigkeiten und Kräfte im Auge behält, die jeder Schüler sich im Laufe der Schulzeit auf verschiedenen Wegen aneignen kann. Dass die Waldorfpädagogik entscheidende Gesichtspunkte zu einer entwicklungsorientierten Medienpädagogik geben kann, will diese Schrift zeigen. 

 

Was bedeutet das für die tägliche Unterrichtspraxis? In welchem Verhältnis stehen die neuen Herausforderungen zu bewährten Waldorftraditionen? Ab wann sollte man sich gezielt und bewusst mit elektronischen Medien auseinandersetzen? Wie kann man sie im Unterricht sinnvoll und kreativ nutzen? Auf welche Fähigkeiten kommt es bei der Mediennutzung an und wann werden sie veranlagt?  

 

 

Henning Kullak-Ublick, von 1984 bis 2010 Klassenlehrer an der FWS Flensburg; Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen, den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners und der Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung.

 

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Dieser Artikel erscheint in dem Reader "Struwwelpeter 2.0" in Kooperation des Bundes der Freien Waldorfschulen und der Aktion mündige Schule. Die AmS setzt sich für Freiheit im Bildungswesen ein und initiierte 1995 die erste Volksinitiative „Schule in Freiheit“ (www.freie-schule.de), später unterstützte sie die gleichnamigen Initiativen in Berlin und Brandenburg. Freiheit hat eine äußere und eine innere Seite. Erstere schafft die Bedingungen, Letztere die Substanz. Gemeinsam ist beiden, dass es sie nicht einfach gibt, sondern dass sie immer wieder neu erobert werden wollen. Medienmündigkeit ist eine der Freiheitsfragen unserer Zeit.  

 

Die Broschüre (siehe "Struwwelpeter 2.0") wendet sich insbesondere an Erziehende und Lehrkräfte, kann aber auch von interessierten Eltern und Schülern verstanden werden, weil sie weitgehend auf Fachterminologie verzichtet. Es versteht sich von selbst, dass diese Skizze ein „work-in-progress“ ist, der sich kontinuierlich weiterentwickeln muss und wird. Vor allem möchte sie den Erziehern und Lehrern Mut machen, sich aktiv mit einer der großen pädagogischen Herausforderung unserer Zeit auseinanderzusetzen. 

 

Das Autorenteam – Franz Glaw, Dr. Edwin Hübner, Celia Schönstedt und der Unterzeichner – gehört der Arbeitsgruppe „Medienmündigkeit und Waldorfpädagogik“ an, die seit 2012 arbeitet. Außer den bereits Genannten gehören dem Arbeitskreis auch Christian Boettger, Klaus-Peter Freitag, Andreas Neider, Florian Osswald-Muller, Dr. Martin Schlüter und themenbezogen Dr. Paula Bleckmann an.

 

 

Gesamte Broschüre



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