Das Größte, was man vorbereiten kann in dem Kinde, das ist, daß es im rechten Momente des Lebens durch das Verstehen seiner selbst zu dem Erleben der Freiheit kommt.

 

Rudolf Steiner (1861-1925)

Unterricht > Medien
Digitale Geräte, Zersplitterung, physischer Leib, Gefühle, kognitive Fähigkeiten, Technologie, Wille
Von: Franz Glaw, Juni 2015, in: Struwwelpeter 2.0, Medienmündikeit und Waldorfpädagogik, Broschüre, 2014

Medien als Bildungsträger


Wenn die Wirkungen der Mediennutzung thematisiert werden, geht es in der Regel um die Wirkungen auf den Konsumenten. Deutlich weniger in den Blick genommen wurden bislang die Wirkungen auf den Produzenten, insbesondere den jugendlichen Hersteller von Medieninhalten.

Die Wirkungsfrage erscheint in beiderlei Hinsicht in einem deutlich anderen Licht, wenn man im wahrsten Sinne des Wortes die Seite wechselt. 

 

Ganz gleich, ob Schüler für einen Artikel in der Schülerzeitung recherchieren, für eine Sendung im Lokalradio oder ob sie einen Filmbeitrag drehen, sie befinden sich von Beginn an in einem komplexen Beziehungsgeflecht von Außenwelt, eigenem Interesse und Publikum. 

 

Eine Radiosendung, die sich niemand anhört, und der Film, den sich keiner anschaut, verlieren ihren Sinn. Die Vernetzung mit den sozialen Medien ergibt eine vielfältige Wahrnehmung der Reaktionen des Publikums. Nicht nur Kommentare von YouTube-Nutzern, sondern sogar auch sekundengenaue Analyse der „views“: an welcher Stelle haben die Betrachter das Interesse verloren, welche Passage wurde oft wiederholt angeschaut, in welchen Ländern, von welcher Altersgruppe wurde mein Film gesehen?

 

In den ersten Kapiteln wurde deutlich gemacht, dass in der Kindheit die indirekte Medienerziehung, insbesondere in der Form der Abstinenz, eine ganz wesentliche Rolle spielt. Wie kann nun die direkte Medienpädagogik in der Oberstufe konkret aussehen?

 

Drei Aspekte können dabei maßgebend sein: 

 

1. Aktiv gestalten So wie der Neuntklässler im Holzwerken Material und Bearbeitungstechniken nicht nur in der Theorie kennenlernt, sondern durch das Werkstück selbst die Korrektur seiner Planung und seiner zielgerichteten Handlungen erfährt, so sollen die eigenen Erfahrungen in der Herstellung von Medieninhalten Basis für Erkenntnisse sein. 

 

2. Urteilsfähigkeit herstellen Auf diese Weise, selbstverständlich ergänzt durch die entsprechenden theoretischen Kenntnisse, können die Jugendlichen urteilsfähig werden und sind nicht darauf angewiesen, Urteile der Erwachsenen zu übernehmen. 

 

3. Zugang zur Welt gestalten Elektronische Medien können einen Zugang zur Welt und zu den Menschen vermitteln, der in Kenntnis der Wirkungsweise mit reflektiertem Interesse und Intentionen gestaltet ist und sich vom analogen Zugang deutlich unterscheidet. So kann beispielsweise die Erfahrung, einen (Spiel-)Film zu produzieren, sehr aufschlussreiche Erkenntnisse vermitteln, wenn man sie mit den Erfahrungen bei der Erarbeitung und Aufführung eines Theaterstücks vergleicht. 

 

So wie wir in der Waldorfschule aus guten Gründen zunächst das Schreiben vor dem Lesen vermitteln, so mag entsprechend auch hier gelten: Die reflektierte Produktion von Inhalten in verschiedenen Medienformen gehört zum Bildungsauftrag der Schule. Dabei kann der Aspekt der geringer werdenden Eigentätigkeit eine Richtschnur für die Reihenfolge sein, sodass die Aufgabenstellungen lauten könnten: 

 

• Produktion einer Zeitung (Text) 

• Produktion einer Radiosendung (Ton) 

• Produktion eines Film-/ TV-Beitrags (Bewegtbild) 

 

Projekterfahrungen in der Oberstufe 

Medienform Schrift: „Die eigene Sprache finden“ 

Die Beschäftigung mit dem Medium Schrift muss sich in der Oberstufe nicht allein auf die Rezeption und Analyse von literarischen Texten oder Sachtexten beschränken. Sie kann auch dem Ziel dienen, den Schüler auf der Suche nach der ihm eigenen Ausdrucksform zu unterstützen. Die Poetik-Epoche in Klasse 10 liefert dazu die Grundlagen, um Möglichkeiten und Grenzen sowie die Gesetzmäßigkeiten der verschiedenen Textgattungen kennenzulernen. Auf dieser Basis können die Schüler sich und die Wirkung der eigenen Texte erproben, wobei es sehr hilfreich ist, wenn es einen konkreten Auftrag und einen Adressaten gibt, wenn also nicht nur der Lehrer den Text zum Zweck der Bewertung liest. 

 

Eine sehr gute Möglichkeit dazu gibt es, wenn an der Schule eine Schülerzeitung existiert oder wenn eine Klasse oder eine Schülergruppe zu einem bestimmten Anlass eine Zeitung produziert. 

 

An der Düsseldorfer Schule gründet die 8. Klasse 1994 im Anschluss an eine „Zeitungswoche“ die Schülerzeitung „Monolith“, die bis heute trotz mehrerer Generationswechsel weiter regelmäßig erscheint. 

 

Als 2008 vom Kultusministerium NRW die gesetzlichen Regelungen zur Vergabe der mittleren Schulabschlüsse geändert werden sollten, sah der Gesetzentwurf zunächst vor, dass es weder dieMöglichkeit zur Anrechnung von Vorleistungen noch die Chance auf eine Nachprüfung geben sollte. Neben anderen Formen des Protestes der Waldorfvertreter ergriff das Redaktionsteam der „Monolith“ die Initiative, recherchierte sorgfältig die Fragen der Waldorflehrerausbildung vor Ort inWitten-Annen, studierte die Gesetzeslage, befragte Experten, nahm an Plenarsitzungen des Landtags und an Sitzungen des Schulausschusses teil und bat schließlich alle bildungspolitischen Sprecher der im Landtag vertretenen Parteien zum ausführlichen Interview, welches in einer Sonderausgabe der Schülerzeitung erscheinen sollte. Gut gerüstet fanden dann im Landtag sehr umfassende Interviews statt, die einigen Politikern die Grenzen ihrer Fachkenntnisse aufzeigten, was diese auch anstandslos eingestanden. Die Vertreter der Oppositionsparteien fanden sogar den Weg in die Düsseldorfer Schule und nahmen an den Präsentationen und Kolloquien zu den Jahresarbeiten teil. Nach einer weiteren Debatte im Plenum des Landtags wurde schließlich der Gesetzentwurf dahingehend verändert, dass der Fachlehrer eine Erwartungsnote gibt und dass die Möglichkeit zur Nachprüfung eingeräumt wird. Zu Recht waren die Redakteure anschließend stolz auf ihren Anteil am Erfolg auf der politischen Bühne. 

 

Medienform Ton: „Mein Bild von der Welt“ 

Im Rahmen einer Projektwoche bildete sich eine Gruppe von Schülerinnen der 9. Klasse, die unter dem Eindruck ihres Landwirtschaftpraktikums eine Radiosendung produzieren wollten. Dabei sollten die Themen „Massentierhaltung“, „Biofleisch“ und „Vegetarismus“ behandelt werden. Die erste Station der Recherche war der Bioladen auf dem Schulgelände. Hier stellten die Nachwachsreporterinnen die vorbereiteten Fragen sowohl den Kunden als auch der Inhaberin. So erfuhren sie, dass das Fleisch, das hier verkauft wird, von der Biometzgerei Jansen in Köln geliefert wird. Unverzüglich folgte ein Telefonat mit charmanter Überzeugungskraft, und am nächsten Tag erhielten wir eine exklusive Führung durch den Betrieb vom Chef persönlich, der mit viel Humor sowie kölschem Temperament und Zungenschlag von seiner 30-jährigen Tätigkeit als Bio-Metzger berichtete. Interviews mit Kunden, die Geräuschkulisse im Verkaufsraum samt Glöckchen an der Tür und vor allem das markante Lachen Marke Jansen lieferte uns knapp 2 Stunden lebendiges Tonmaterial. Zudem bekamen wir von Herrn Jansen auch die Adresse für den nächsten Ort der Recherche: Der Bio-Bauernhof, auf dem die Tiere leben, bevor sie geschlachtet und in Hälften zerlegt die Metzgerei erreichen. Wieder bewirkt die Argumentationskette Landwirtschaftspraktikum- Projektwoche-Radiosendung ein kleines Wunder und verschafft uns am folgenden Tag einen umfassenden Einblick in die artgemäße und gesunde Tierhaltung, wobei der Landwirt und Betriebsinhaber auf alle Fragen geduldig und geradezu philosophisch eingeht. Am vierten Tag wird das Material abgehört und verwendbare Soundclips werden herausgeschnitten und gespeichert. Außerdem macht eine Gruppe noch Interviews auf einer belebten Einkaufsstraße mit Kunden einer konventionellen Metzgerei und eines Bioladens. 

 

Wie bei allen anderen Interviewpartnern zeigt sich auch hier, dass die Ängste und Sorgen der 14-Jährigen gänzlich unbegründet sind: Alle Angesprochenen reagieren freundlich und geben bereitwillig Auskunft. Und ob es an dem Equipment liegt (Aufnahmegerät, Kopfhörer, Mikrofon) oder an der Fachkompetenz der Fragensteller: Die Interviewpartner behandeln die Nachwuchsreporterinnen geradezu mit großem Respekt, was deren Selbstbewusstsein stärkt und sie fast äußerlich sichtbar wachsen lässt. 

 

Schon an dieser Stelle zeigte sich, dass das Medium Radio den Schülerinnen Zugänge zu Orten, Themen und vor allem auch zu Menschen verschaffte, die ihnen ohne dieses Medium kaum offen gestanden hätten. 

 

Wirklichkeit gestalten 

Eine weitere ganz neue und wesentliche Erfahrung stand an, als es nun daranging, aus dem knapp 5-stündigen Tonmaterial eine Radiosendung zu gestalten. Zunächst war unmittelbar klar, dass man dem Hörer nicht diese 5 Stunden komplett und unkommentiert zumuten konnte. Es musste also vor allem eine radikale Auswahl getroffen werden. Dann galt es, Kommentartexte zu verfassen und fehlerfrei und verständlich im Tonstudio einzusprechen. Dabei benötigten die Schülerinnen sprachliches Geschick und Einfallsreichtum, um dem Hörer das vor Augen zu führen, was er naturgemäß nicht selbst sehen kann. Als Anfangssequenz sollte eine Szene im Verkaufsraum der Metzgerei Jansen zusammengeschnitten werden. Wir mischten dazu auf verschiedenen Tonspuren das heruntergepegelte Gespräch zwischen Kunden und Verkäuferin an der Ladentheke, Gespräche von wartenden Kunden (sogenannte „Atmo“), das Lachen von Herrn Jansen, das mehrfach platzierte Klingeln des Türgl.ckchens und schließlich den darübergesprochenen Medienmündigkeit und 30 Waldorfpädagogik Eine gut ausgesteuerte Tonspur. Medien als Bildungsträger 31 Kommentartext, in dem erläutert wird, wo wir uns befinden und mit wem wir jetzt worüber sprechen werden. 

 

Diese Montagetechnik löste bei einigen Schülerinnen großes Erstaunen und die Spontanäußerung „Aber das ist ja Manipulation!“ aus. Schnell war aber klar, dass ein Radiofeature im Prinzip so produziert werden muss. Eine ungefilterte und vollständige Wiedergabe der Realität ist schlechterdings nicht möglich. Dazu müsste sich der Radiohörer nach vorbereitender Recherche selbst an die Produktionsorte begeben. 

 

Verantwortung 

Der Produzent der Radiosendung muss also auswählen, arrangieren und kommentieren – es geht gar nicht anders. Er präsentiert seine Sicht auf einen Ausschnitt der Wirklichkeit und verwendet dazu in dieser Lebensvielfalt gesammelte Eindrücke. Dabei hat er selbstverständlich eine Intention, braucht ein Konzept, ohne das er gar keine Kriterien für die Auswahl hätte. Entscheidend ist allerdings die Frage, wie gewissenhaft dieser Produzent arbeitet und wie unabhängig und aufrichtig er im Hinblick auf die Intentionen ist. 

 

Einen ganz entscheidenden Unterschied macht es, ob man den Schülern diese Tatsache abstrakt vermittelt, oder ob sie sie durch eigenes Tun erleben. Durch das eigene Produzieren in einem realen Kontext wird ihnen einerseits die Verantwortung der Medienschaffenden bewusst und sie können andererseits die eigene Mediennutzung eher in den Zusammenhang einordnen, dem dieMedieninhalte entnommen sind, und sind so letztlich eher zu einer kritischen Reflexion fähig.

 

Anerkennung der eigenen Leistung 

Einige Wochen später gab es dann einen Besuch im Tonstudio, in dem eine einstündige Sendung zu unserem Thema produziert werden sollte. Zu Beginn des Projekts dachten die Schülerinnen an einen Scherz, als ich von einer Sendung im Lokalfunk sprach. Nun wurde es ernst und entsprechend groß war die Aufregung. Wir brachten ausgewählte O-Töne aus unserer Produktion mit und antworteten in wechselnden Besetzungen in der kleinen Tonkabine auf die Fragen der Moderatorin. Da es sich glücklicherweise nicht um eine Livesendung handelte, konnte so mancher Schnitzer noch ausgebessert werden. 

 

Ausgerechnet am Tag der Ausstrahlung feierte der Großvater von zweien der beteiligten Schülerinnen seinen Geburtstag. Die ganze Geburtstagsgesellschaft lauschte der Radiosendung. Am nächsten Tag gab es auch von Schulkameraden aus der 13. Klasse ein großes Kompliment. Sie hatten zufällig die Anmoderation der Sendung gehört und blieben bis zum Ende am Empfänger. 

 

Medienform Bewegtbild: „Die eigene Ausdrucksform finden“ 

Unsere Formen der Kommunikation und auch der Informationsbeschaffung haben sich durch die Entwicklung der elektronischen Medien radikal verändert und werden es auch weiterhin tun. 

 

Zu den veränderten Formen der Kommunikation gehört auch die Tatsache, dass wir über das Smartphone jederzeit auf bewegte Bilder zugreifen können. Die Informationssuche über You- Tube hat zwischenzeitlich die Suche per Suchmaschine überholt. Zu allen Fragen des praktischen Lebens finden sich Tutorials bei YouTube, wobei die Zahl der hochgeladenen Inhalte rasant wächst. Zum achten Geburtstag von YouTube im Februar 2013 waren es bereits 100 Stunden neues Filmmaterial, das pro Minute neu auf der Plattform verfügbar wird. 

 

Die Sprache der bewegten Bilder ist also als eine wirkungsmächtige Form der Kommunikation vorhanden, derer wir uns intensiv bedienen. Und diese Sprache hat ihre ganz eigene Struktur, ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten. Und diese Sprache muss ich erlernen, wenn ich mich bewusst und selbstständig ihrer bedienen will. Nicht zuletzt auch, um gegenüber Täuschung und Manipulation ein wenig mehr gefeit zu sein. „Man muss sich den digitalen Medien als Herr gegenüberstellen, sonst gerät man unter ihre Knechtschaft.“ (A. Neider, Medienbalance) 

 

Und so wie es im Mittelalter nur wenigen Privilegierten vorbehalten war, die Schriftsprache zu erlernen und sich ihrer zu bedienen, so war es bis vor einigen Jahren so, dass nur wenige Menschen die Möglichkeit bekamen, sich im Medium des Films an ein breites Publikum zu wenden, ihre Gedanken und Visionen in künstlerischer Form zu produzieren und zu präsentieren. Heute hat es die Entwicklung der Technik mit hochwertigen Kameras schon in Smartphones in Verbindung mit kostenloser Software und Videoportalen wie YouTube möglich gemacht, dass jedermann Drehbuchautor, Kameramann, Darsteller, Cutter und Filmproduzent werden und in besonderen Fällen damit sogar seinen Lebensunterhalt verdienen kann. 

 

Für die Art und Weise, wie ich Inhalte aufnehme und vor allem auch wie ich sie beurteile, spielt nicht nur die Frage, was ich sehe, eine Rolle, sondern auch, wie es präsentiert wird. Dazu gehören schon bei der Aufnahme Einstellungsgröße, Einstellungsdauer, Kamerastandpunkt, Kamerabewegungen, Zoom sowie Beleuch- Medienmündigkeit und 32 Waldorfpädagogik Medien als Bildungsträger 33 tung bzw. Farbtemperatur. Entscheidenden Einfluss hat dann die Schnitttechnik bei der Postproduktion, wo Bilder, die zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten aufgezeichnet wurden, gemeinsam mit Tonmaterial aus unterschiedlichsten Quellen zu einem neuen Ganzen montiert werden. Bei gleichem Ausgangsmaterial lassen sich so völlig unterschiedliche Wirkungen erzeugen. 

 

Und wir stellen fest, dass vor allem die junge Generation begeistert von diesen Möglichkeiten Gebrauch macht. Aber auch mehr und mehr Waldorfschulen betreiben ihren eigenen YouTube-Kanal, gewissermaßen ihren eigenen Fernsehsender. Seit 2012 ist auch der Bund der Freien Waldorfschulen unter „waldorfschulen“ hier vertreten und veröffentlicht eigene Filme. 

 

Wenn man sich allerdings die Ergebnisse anschaut, so bemerkt man noch einen großen Dilettantismus, ein filmisches Stammeln und unbeholfenes Stottern. Rudolf Steiner forderte seinerzeit bei Gründung der Waldorfschule exemplarisch, dass den Schülern das Prinzip des Elektromotors verständlich gemacht werden muss, weil sie ja auch die Straßenbahn benutzen. Entsprechend gilt heute, dass die Vermittlung eines grundlegenden Verständnisses der Filmsprache zu den allgemeinbildenden Aufgaben der Schule gehört. Und zwar am besten nicht nur in Form von Analysen, sondern auch durch reflektiertes und wiederholtes eigenes Tun. Da kann es beispielsweise ungemein erhellend sein, wenn verschiedene Schülergruppen aus dem gleichen Rohmaterial, dem Footage, in der Postproduktion ganz unterschiedliche Filme schneiden. Danach muss ihnen niemand mehr erklären, dass die filmische Realität sich zwar der Bilder aus der wahrgenommenen Wirklichkeit bedient, daraus aber eine ganz neue, bewusst und auch künstlerisch gestaltete Wirklichkeit schafft, bei der Farben, Bildkomposition, Perspektive, Schnitttechnik und viele Dinge mehr für die Wirkung auf den Betrachter entscheidend sind. 

 

So kann eine Schulung auf diesem Gebiet den Schülern nicht nur die Möglichkeit eröffnen, sich dieses Mediums bewusster und erfolgreicher zu bedienen, sodass sie sich auch verständlich artikulieren können. Gleichzeitig erhöht sich auch der Genuss, den man bei gut gemachten Werken der Filmkunst erleben kann. 

 

Es gibt natürlich Voraussetzungen dafür, dass man die entsprechenden Kenntnisse und Fähigkeiten erfolgreich vermitteln kann. In erster Linie kommt es dabei entscheidend auf die Reihenfolge an. Pädagogisch kann ein zu früher Einsatz geradezu kontrapro duktiv sein. Wenn ich nie malend oder zeichnend ein Bild mit eigener Hand zu Papier gebracht habe, wenn mir die Bildwerke bedeutender Künstler gänzlich unbekannt sind und ich auch in der Fotografie, also beim unbewegten Bild, keine Erfahrungen sammeln konnte, wird mein Ausdrucksvermögen als Kameramann oder Regisseur sehr eingeschränkt und vor allem weitgehend unbewusst bleiben. Die Entwicklung von Fantasie und Kreativität, die Beherrschung der Feinmotorik und auch eine verfeinerte Sinneswahrnehmung sind Fähigkeiten, die sich stufenweise entwickeln und die der eigenen körpergebundenen Erfahrung bedürfen. In der Pädagogik der Waldorfschule orientieren sich Unterrichtsinhalte, Methodik und Didaktik am Lebensalter der Schüler. Hierbei gilt der Grundsatz: erst sollten die Schüler die entsprechenden Erfah - rungen direkt und nicht durch ein Medium vermittelt machen, bevor sie medial verwandelt und gefiltert präsentiert und produziert werden. Die Schüler sollen also befähigt werden, auf der Grundlage eigener Kenntnisse und praktischer Erfahrungen kreativ und verantwortungsvoll diese kulturellen und gesellschaftlichen Bereiche mitzugestalten, statt sich weitgehend unmündig an Entwicklungen in Technik und Wissenschaft (Gesellschaft) anzupassen. 

 

An manchen Schulen haben sich Video-AGs etabliert, von denen Schulereignisse dokumentiert werden und die eigene Filmprojekte realisieren. Im Kunstunterricht bietet es sich an, die ästhetischen Aspekte betrachtend und produzierend in den Blick zu nehmen. Im Deutschunterricht werden vielleicht Literaturverfilmungen analysiert. Aber genau so, wie sich etwa im Werkunterricht erst dann Eigenschaften des Materials und Zusammenhänge der verschiedenen Bearbeitungs- und Verbindungstechniken erschließen, so durchschaut man erst durch die eigene Produktion die Funktion und Wirkungsweisen der deutlich komplexeren bild- und tongebenden Medien. 

 

Die neuen Informations-Technologien und Medien können wir als eine weitere Entwicklungsstufe des Menschen verstehen und wir sind aufgefordert, sie in unseren Dienst zu stellen, um uns nicht von ihnen beherrschen und uns unserer Menschlichkeit berauben zu lassen.   

 

 

Franz Glaw ist Lehrer für Deutsch und Mathematik.

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Dieser Artikel erscheint in dem Reader "Struwwelpeter 2.0" in Kooperation des Bundes der Freien Waldorfschulen und der Aktion mündige Schule. Die AmS setzt sich für Freiheit im Bildungswesen ein und initiierte 1995 die erste Volksinitiative „Schule in Freiheit“ (www.freie-schule.de), später unterstützte sie die gleichnamigen Initiativen in Berlin und Brandenburg. Freiheit hat eine äußere und eine innere Seite. Erstere schafft die Bedingungen, Letztere die Substanz. Gemeinsam ist beiden, dass es sie nicht einfach gibt, sondern dass sie immer wieder neu erobert werden wollen. Medienmündigkeit ist eine der Freiheitsfragen unserer Zeit.  

 

Die Broschüre (siehe "Struwwelpeter 2.0") wendet sich insbesondere an Erziehende und Lehrkräfte, kann aber auch von interessierten Eltern und Schülern verstanden werden, weil sie weitgehend auf Fachterminologie verzichtet. Es versteht sich von selbst, dass diese Skizze ein „work-in-progress“ ist, der sich kontinuierlich weiterentwickeln muss und wird. Vor allem möchte sie den Erziehern und Lehrern Mut machen, sich aktiv mit einer der großen pädagogischen Herausforderung unserer Zeit auseinanderzusetzen. 

 

Das Autorenteam – Franz Glaw, Dr. Edwin Hübner, Celia Schönstedt und der Unterzeichner – gehört der Arbeitsgruppe „Medienmündigkeit und Waldorfpädagogik“ an, die seit 2012 arbeitet. Außer den bereits Genannten gehören dem Arbeitskreis auch Christian Boettger, Klaus-Peter Freitag, Andreas Neider, Florian Osswald-Muller, Dr. Martin Schlüter und themenbezogen Dr. Paula Bleckmann an. 

 

 

Gesamte Broschüre



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