Das Größte, was man vorbereiten kann in dem Kinde, das ist, daß es im rechten Momente des Lebens durch das Verstehen seiner selbst zu dem Erleben der Freiheit kommt.

 

Rudolf Steiner (1861-1925)

Unterricht > Medien
Digitale Geräte, Zersplitterung, physischer Leib, Gefühle, kognitive Fähigkeiten, Technologie, Wille
Von: Dr. Edwin Hübner, Juni 2015, in: Struwwelpeter 2.0, Medienmündikeit und Waldorfpädagogik, Broschüre, 2014

Selbsterziehung der Erwachsenen


Allein in Deutschland wurden 2012 rund 58 Milliarden SMS versendet, (i) weltweit waren es rund 7 Billionen; für 2016 erwartet man 9,4 Billionen Kurznachrichten. (ii) Die über Mobilfunk erfolgten Telefonate umfassten im Jahr 2012 in Deutschland 107 Milliarden Minuten, (iii) umgerechnet etwa 204.000 Jahre. Die Datenmengen, die vom Internet auf Mobilfunkgeräte heruntergeladen wurden, erhöhten sich 2011 auf 93 Millionen GB, (iv) mit steigender Tendenz.

Das sind Zahlen, die zeigen, wie groß der zeitliche Umfang ist, den Menschen den kleinen Geräten widmen, die in ihren Jackentaschen zu Hause sind. Das verändert das menschliche Verhalten. 2012 veröffentlichte der Journalist Christoph Koch ein Buch, das binnen Kurzem zum Bestseller avancierte und nichts anderes zum Inhalt hatte als eine Beschreibung dessen, was man erlebt, wenn man vier Wochen auf Internet und Handy verzichtet. (v) Aber nicht nur Koch beschrieb deutliche Veränderungen seines Verhaltens durch die intensive Nutzung von Internet und Handy; viele andere Autoren bestätigten ihn. (vi) Einhellig beklagten sie ebenfalls, dass sie ihre Fähigkeit einbü.ten, sich längere Zeit auf etwas konzentrieren zu können. Sie beschrieben einstimmig, dass ihre Aufmerksamkeit zerstreut war. Ein Wissenschaftler stellte fest, dass ihm die Fähigkeit verloren ging, „große tiefe Gedanken zu denken“. (vii) Aber wir verlieren nicht nur die Fähigkeit, konzentriert zu denken, sondern auch mit anderen Menschen sinnvoll zu kommunizieren. Die Beobachtung eines amerikanischen Hochschullehrers verdeutlicht das: 

 

„Am Ende meiner College-Vorlesungen klappen die Studenten sofort ihre Handys auf und schauen nach Anrufen und Textnachrichten. In der Cafeteria beobachte ich die Studenten, die in Schlangen stehen und Botschaften schreiben, während sie ihre Mitstudenten, die einen halben Meter entfernt stehen, nicht beachten. Eines späten Nachmittags bemerkte ich sechs Studenten, die beim Telefonieren einen Korridor hinauf- und herunterwandeln und irgendwie Zusammenstöße vermeiden wie Schiffe auf nächtlicher Kreuzfahrt, verloren im Nebel des Gesprächs … Eine Studentin berichtete per E-Mail über ein ‚Computerdate‘ am Samstagabend, ohne dass sie dabei ihr Zimmer verlassen hätte. Paradoxerweise waren diese Studenten sowohl sozial engagiert als auch sozial isoliert.“ (viii)

 

Diese Beobachtungen stehen stellvertretend für viele andere: In einer Schule sind die Eltern zum Elternnachmittag eingeladen. Während die Kinder den Eltern freudig ihr neues Können zeigen, sind sechs oder sieben Väter mit ihrem Smartphone beschäftigt. Die Väter sind zwar leiblich anwesend, aber seelisch abwesend. Mobilfunktechnologie erzieht uns zu „abwesender Anwesenheit“. In den 1990er-Jahren versprach uns die Werbung der Mobilfunkindustrie eine „grenzenlose Kommunikation“. Heute kann sich tatsächlich jeder Mensch mit jedem anderen zu jeder Tagesund Nachtzeit und an jedem Ort der Welt per Telefon unterhalten. Diesem grandiosen technischen Erreichnis steht die Tatsache gegenüber, dass die reale Kommunikation im Hier und Jetzt zurückgeht. Aufmerksame Beobachter stellen fest, dass das unmittelbare menschliche Gespräch sich zugunsten der Kommunikation über technische Netze verringert. Seit Mobilfunk und Internet alltäglich geworden sind, ist diese Erosion des direkten menschlichen Gesprächs zugunsten der virtuellen Kontakte zu beobachten. (ix) 

 

Es kann sich nicht darum handeln, Internet und Handy wieder abschaffen zu wollen – das wäre, wie Rudolf Steiner bezüglich der Technik seiner Zeit schon richtig feststellte, reaktionär –, sondern nur darum, auf kritische Aspekte aufmerksam zu machen, damit individuelle Gegengewichte geschaffen werden können. Wir müssen lernen, der Überwältigung unseres Alltags durch Mobilfunk, Internet, Radio, TV usw. Zeiten der inneren Ruhe entgegenzusetzen. Man muss nicht auf die Vorteile der Kommunikationstechnologien verzichten, aber zum kompetenten Umgang mit ihnen können doch einige Empfehlungen gegeben werden, die man durchaus ergänzen kann:

 

• Zeiten einrichten, in denen Internet und Handy ruhen. Wenigsten ein Tag in der Woche sollte „bildschirmfrei“ und „netzfrei“ sein. In Familien mit Kindern könnte beispielsweise das Motto herrschen: „Sonntags gehören Mama und Papa mir!“ 

 

• In der Wohnung oder im Haus technikfreie Räume einrichten, wenigstens das Schlafzimmer sollte ohne TV, Computer, Telefon, Handy usw. sein. Medienmündigkeit und 36 Waldorfpädagogik Selbsterziehung der Erwachsenen 37 

 

• Bei den gemeinsamen Mahlzeiten sollten alle Geräte ausgeschaltet sein. 

 

• Darauf achten, dass Gespräche nicht durch das Klingeln des eigenen Handys oder gar zwischengeschobene Telefonate unterbrochen werden. Man kann auch andere höflich darauf hinweisen, dass man es nicht gut findet, wenn das Gespräch durch Anrufe unterbrochen wird. 

 

• E-Mails sind praktisch, sie können aber auch eine enorme Quelle der Ablenkung sein. Deshalb: den Arbeitstag nie mit dem Abrufen der EMails, sondern zuerst mit den eigenen Arbeitsvorhaben beginnen. Erst wenn man die wichtigen eigenen Arbeiten erledigt hat, sollte man die E-Mails abrufen und bearbeiten. 

 

• Das E-Mail-Konto nicht dauernd überprüfen, sondern nur zu selbst festgelegten Zeiten. 

 

• Wenn man sich gerne zeitlich im Netz verzettelt – einen Wecker stellen. Der amerikanische Kommunikationsexperte Howard Rheingold weist darauf hin, dass digitale Medien und Netzwerke nur dann sinnvoll eingesetzt werden können, wenn man bestimmte Fähigkeiten ausbildet und weiter pflegt. Dazu gehört in erster Linie die Basisfähigkeit der Aufmerksamkeit. Die Schulung der Aufmerksamkeit setzt geistige Disziplin voraus, die es erlaubt, die digitalen „Denkwerkzeuge“ zu gebrauchen, ohne die Konzentration zu verlieren. (x)

 

Diese geistige Disziplin kann aber nur in medienfreien Zeiten und Räumen eingeübt werden. Eine tägliche konzentrierte und kontinuierlich gepflegte Meditationsarbeit ist eine Möglichkeit, die innere Disziplin zu schulen. Wesentlich ist, Zeiten und Orte einzurichten, wo man sich mit Dingen beschäftigt, die einen Ausgleich zu der drängenden Hektik der Kommunikationstechnologien bilden. Erst das stärkt die innere Souveränität im alltäglichen Umgang mit Internet und Mobilfunk. Diese Souveränität den Kindern vorleben zu können, trägt mehr zur Entwicklung der Medienmündigkeit der Kinder bei als viele mündliche Unterweisungen. (xi) Denn, wie schon Karl Valentin sagte: „Wir können unsere Kinder erziehen, wie wir wollen, … am Ende machen sie uns doch alles nach.“ 

 

 

Dr. habil. Edwin Hübner ist Lehrer für Mathematik, Physik und Religion an der Freien Waldorfschule Frankfurt/Main. Seit 2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Pädagogik, Sinnes- und Medienökologie (IPSUM) in Stuttgart. Dozent in der Lehrerausbildung, Autor mehrerer Sachbücher zum Thema Medienerziehung.

 

i http://de.statista.com/statistik/daten/studie/3624/ umfrage/entwicklung-der-anzahl-gesendeter-sms-mmsnachrichten- seit-1999/ 

ii http://blogs.informatandm.com/6454/media-alerthappy- 20th-birthday-to-the-sms/

iii Bundesnetzagentur Jahresbericht2011, S. 87, http://www.bundesnetzagentur.de/

iv Bundesnetzagentur Jahresbericht2011, S. 87, http://www.bundesnetzagentur.de/

v Christoph Koch, Ich bin dann mal offline: Ein Selbstversuch. Leben ohne Internet und Handy, München 2012

vi Nicolas Carr, Wer bin ich, wenn ich online bin ... und was macht mein Gehirn solange? – Wie das Internet unser Denken verändert, München 2010; Alex Rühle, Ohne Netz: Mein halbes Jahr offline, München 2010; William Powers, Einfach abschalten: Gut leben in der digitalen Welt, München 2011, John Brockman, Wie hat das Internet Ihr Denken verändert?: Die führenden Köpfe unserer Zeit über das digitale Dasein, Frankfurt/M 2011

vii Paul Kedrosky in Brockman 2012, Seite 91 

viii Robert Provine in Brockman 2011, Seite 242 

ix Sherry Turkle, Verloren unter 100 Freunden: Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern, München 2012; Franziska Kühne, Keine E-Mail für Dich. Warum wir trotz Facebook & Co. vereinsamen. Aus dem Alltag einer Therapeutin, Köln 2012 

x Howard Rheingold in Brockman, 2011 S. 202ff 

xi Siehe dazu auch das empfehlenswerte Buch von Valentin Wember: Willenserziehung, 60 pädagogische Angaben Rudolf Steiners, Tübingen 2014 

 

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Dieser Artikel erscheint in dem Reader "Struwwelpeter 2.0" in Kooperation des Bundes der Freien Waldorfschulen und der Aktion mündige Schule. Die AmS setzt sich für Freiheit im Bildungswesen ein und initiierte 1995 die erste Volksinitiative „Schule in Freiheit“ (www.freie-schule.de), später unterstützte sie die gleichnamigen Initiativen in Berlin und Brandenburg. Freiheit hat eine äußere und eine innere Seite. Erstere schafft die Bedingungen, Letztere die Substanz. Gemeinsam ist beiden, dass es sie nicht einfach gibt, sondern dass sie immer wieder neu erobert werden wollen. Medienmündigkeit ist eine der Freiheitsfragen unserer Zeit.  

 

Die Broschüre (siehe "Struwwelpeter 2.0") wendet sich insbesondere an Erziehende und Lehrkräfte, kann aber auch von interessierten Eltern und Schülern verstanden werden, weil sie weitgehend auf Fachterminologie verzichtet. Es versteht sich von selbst, dass diese Skizze ein „work-in-progress“ ist, der sich kontinuierlich weiterentwickeln muss und wird. Vor allem möchte sie den Erziehern und Lehrern Mut machen, sich aktiv mit einer der großen pädagogischen Herausforderung unserer Zeit auseinanderzusetzen. 

 

Das Autorenteam – Franz Glaw, Dr. Edwin Hübner, Celia Schönstedt und der Unterzeichner – gehört der Arbeitsgruppe „Medienmündigkeit und Waldorfpädagogik“ an, die seit 2012 arbeitet. Außer den bereits Genannten gehören dem Arbeitskreis auch Christian Boettger, Klaus-Peter Freitag, Andreas Neider, Florian Osswald-Muller, Dr. Martin Schlüter und themenbezogen Dr. Paula Bleckmann an.

 

 

Gesamte Broschüre



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