Wer erziehen will, muss selber erzogen sein. Wer auf die Jugend wirken will, muss selber jung bleiben und unablässig an sich selber arbeiten.

 

Simon Gfeller, Schweizer Pädagoge und Mundartschriftsteller (1868 - 1943)

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Gehirnentwicklung, Fernsehen, digitale Medien, Aufmerksamkeitsdefizit, Lernschwierigkeiten
Von: Susan R. Johnson, Mai 2015, Erstveröffentlichung: Research Institute for Waldorf Education. May 1999

Fremde in unserem Haus: das Fernsehen und der Verstand unserer Kinder (i)


In diesem Artikel verweist die amerikanische Kinderärztin und Waldorfpädagogin Susan R. Johnson auf die fatalen Auswirkungen des Fernsehens und Computerspielens auf die kindliche Entwicklung. Mithilfe der Gehirnforschung zeigt sie auf, dass Kinder natürliche multisensorische Anreize benötigen, um sich gesund entwickeln zu können. Aus eigenen Erfahrungen mit kleinen Patienten an einem schulischen Gesundheitszentrum in San Francisco zeigt die Autorin, wie eine mediale Überreizung des Seh- und Hörsinns zu Aufmerksamkeits- und Lernstörungen führen kann. Ihr Fazit: lasst die Fremden aus den Werbe- und Fernsehprogrammen nicht oder nur unter Aufsicht in Eurer Zuhause!

Die Wirkung des Fernsehens auf Kinder

Ich bin eine Mutter und Kinderärztin, die sowohl ein dreijähriges Praktikum in einer Kinderklinik als auch eine dreijährige Spezialausbildung in der Verhaltens- und Entwicklungstherapie für Kinder beendet hat, und frage mich: „Was tun wir dem Wachstums- und Lernpotenzial unserer Kinder an, wenn wir ihnen erlauben, zu fernzusehen, Videos zu schauen und endlose Stunden mit Computerspielen zu verbringen?“

 

Ich habe sieben Jahre lang als Ärztin an einem schulischen Gesundheitszentrum in San Francisco gearbeitet und dort umfangreiche Untersuchungen an vier bis zwölf jährigen Kindern mit Lern- und Verhaltensauffälligkeiten durchgeführt. Ich habe Hunderte von Kindern mit Aufmerksamkeitsdefiziten gesehen, die Schwierigkeiten damit hatten, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren und fein- und grobmotorische Aufgaben auszuführen. Viele dieser Kinder hatten ein schlechtes Selbstvertrauen sowie Probleme mit Erwachsenen und Mitschülern.

 

Wegen den gewalttätigen Inhalten, besonders in Zeichentrickfilmen, und der Werbung, die auf Kinder abzielt, habe ich als Kinderärztin vom Fernsehen immer abgeraten. Ich kam jedoch erst vor sechs Jahren, als mein eigenes Kind geboren wurde, direkt mit den Auswirkungen des Fernsehens in Berührung. (ii)

 

Mit drei Jahren flog mein Sohn zu seinem Cousin in die Nähe von Boston; im Flugzeug wurde der Film Mission Impossible gezeigt. Der Bildschirm hing genau über dem Kopf meines Sohnes, so dass es schwierig war, das Gerät auszublenden. Wir hatten keine Kopfhörer gekauft, so waren die Eindrücke nur visuell, sie hatten aber eine enorme Auswirkung auf unseren Sohn. Er hatte in den folgenden sechs Monate Albträume und Ängste vor Feuer, Explosionen und blutverschmierten Händen und sein Spiel war deutlich verändert. Eine meiner Kollegen meinte, dass ich einfach ein überempfindliches Kind habe und, da ich ihm bisher keine Filme gezeigt oder ihn viel hatte fernsehen lassen, sei er es sicher „nicht gewöhnt“ und deshalb von den Bildern so durcheinander gekommen. Ich dachte nur: „Zum Glück ist er es „nicht gewöhnt“.

 

Fernsehen lässt die Sinne vergammeln! Es tötet die Vorstellungskraft! Es verstopft den Verstand! Es macht Kinder stumpf und blind. Das Kind versteht Phantasie und Märchen nicht mehr! Sein Hirn wird weich wie Käse! Sein Denken rostet und gefriert!

Roald Dahl. Charlie und die Schokoladenfabrik, 1964

 

Im selben Jahr habe ich sechs unterschiedliche Kinder im Alter von acht bis elf Jahren im schulischen Gesundheitszentrum untersucht, die alle ähnliche Schwierigkeiten mit dem Lesen hatten. Sie konnten sich keine bildhafte Vorstellung von Buchstaben und Wörtern machen, jedoch die Buchstaben aus einer Reihe benennen. Aber wenn ich ihnen keine bildliche Vorlage gab und sie aufforderte, einen bestimmten Buchstaben aus dem Gedächtnis aufzuschreiben, dann konnten sie es nicht. Alle diese Kinder schauten sehr viel fern, konsumierten Videofilme und spielten Computerspiele. Ich habe mich gefragt, was mit der kindlichen Entwicklung geschieht, wenn das Kind vor den Fernseher gesetzt und es mit visuellen und auditiven Reizen gleichzeitig konfrontiert wird. Was bleibt dem Verstand übrig zu tun? Beim Lesen von Geschichten oder wenn dem Kind vorgelesen wird, kann das Gehirn wenigstens eigene, phantasievolle Bilder schaffen.

 

Ich rief sofort meine Kollegin an: „Kann das Fernsehen an sich Aufmerksamkeitsstörungen und Lernschwierigkeiten bei Kindern verursachen?“

Meine Kollegin lachte und sagte, dass alle fernsehen – auch ihr eigenes Kind und dass es keine Aufmerksamkeitsstörung oder Lernbehinderung habe. Ich dachte aber im Stillen: „Verbringen wir genug Zeit mit unseren Kindern? Schauen wir tief genug in ihre Entwicklung und ihre kindliche Seele, um die oft subtilen Veränderungen zu bemerken, die sich ereignen, wenn sie Stunden vor dem Fernseher verbringen?“ Vielleicht sind einige Kinder leichter durch die Wirkung des Fernsehens verletzbar, zum Beispiel wegen einer genetischen Veranlagung, aufgrund einer schlechten Ernährung oder einem sehr chaotischen Zuhause. Ich fragte mich, was der Verlust der Entfaltungsmöglichkeiten für unsere Kinder bedeutet, wenn sie so viel fernsehen, Videofilme schauen und Computerspiele spielen. Welche Fähigkeiten werden nicht entwickelt oder gehen aufgrund dieses Verhaltens verloren? Ich begann über das Thema zu lesen, Vorlesungen zu besuchen und mehr Fragen zu stellen.

 

Das Fernsehen

Das Fernsehen existiert seit 80 Jahren, Unterhaltungsshows gibt es aber erst seit den 40er Jahren. Im Jahr 1950 hatten 10% der amerikanischen Haushalte einen eigenen Fernseher. Bis zum Jahr 1954 war die Anzahl auf 50% angestiegen und im Jahr 1960 hatten 80% der Haushalte einen Fernseher. Seit 1970 besitzen mehr als 98% der amerikanischen Haushalte einen Fernseher und zurzeit besitzen 66% der Haushalte drei oder mehr Fernsehgeräte. In einem durchschnittlichen amerikanischen Zuhause läuft der Fernseher beinahe sieben Stunden pro Tag. Kinder und Jugendliche, von der Vorschule bis ins Erwachsenenalter, schauen im Durchschnitt vier Stunden pro Tag fern; ausgenommen der Zeit, in der sie mit Videofilmen oder Computerspielen beschäftigt sind. Ein Kind verbringt mehr Zeit mit Fernsehen als mit irgend einer anderen Tätigkeit, außer Schlafen. Mit 18 Jahren hat ein junger Mensch mehr Zeit vor dem Fernseher als in der Schule verbracht.

Es gibt zahlreiche Artikel über die Inhalte von Fernsehsendungen und darüber, wie Werbung die Wünsche der Kinder und Erwachsene für bestimmte Nahrungs- und materiellen Güter, zum Beispiel Spielsachen, beeinflusst sowie wie die Gewalt im Fernsehen zu aggressiverem Verhalten bei Kindern führt (Fischer et al. 1991, Singer 1989, Zuckerman 1985).

 

Es wurden Bedenken darüber geäußert, wer unsere Kinder unterrichtet und welchen Einfluss Fernsehen auf die Entwicklung von Kleinkindern, Kindern und sogar Erwachsenen hat. Miles Everett hebt in seinem Buch „How Television Poisons Children’s Minds“ (1997) hervor, dass wir unseren Kindern nicht erlauben, mit Fremden zu sprechen, jedoch durch das Fernsehen Fremden erlauben, jeden Tag in das Denken und die Seele unserer Kinder einzudringen. Diese „Fremden“ (z.B. Werbeagenturen), deren Motivation meist gewinnorientiert ist, schaffen Standards in den sich entwickelnden Köpfen unserer Kinder dafür, was „gut“ oder entwicklungsgerecht sei.

 

Noch wichtiger scheinen mir Studien, (iii) welche zeigen, dass der eigentliche Vorgang fernzusehen noch heimtückischer und möglicherweise schädlicher für das Gehirn des heranwachsenden Kindes ist, als der tatsächliche Inhalt des Fernsehprogramms. Was tun wir also der Entwicklung unserer Kinder an, wenn wir ihnen erlauben, fernzusehen?

 

Zur Gerhirnentwicklung des Kindes

Joseph Chilton Pearce beschreibt in seinem Buch „Evolution’s End“ die Potenziale des Kindes als einen Samen, der gepflegt und genährt werden muss, damit er richtig wachsen kann. Wenn die Umwelt nicht die notwendige Pflege und den Schutz vor Überstimulierung bereit stellt, dann können bestimmte Potenziale und Fähigkeiten nicht verwirklicht werden.

 

Ein Kind wird mit zehn Billionen Nervenzellen und Neuronen geboren und verbringt die ersten drei Jahre seines Lebens damit, Billionen von Gliazellen hinzuzufügen, um diese Neuronen zu unterstützen und zu pflegen (Everett 1992). Diese Neuronen sind dann fähig, miteinander tausende Verbindungen über spinnennetzähnliche Projektionen, sogenannte Dendriten, und Verlängerungen, sogenannte Axone, zu formen, die sich in andere Gehirnbereiche ausdehnen.

 

Es ist wichtig zu wissen, dass das Gehirn eines Sechsjährigen zweidrittel der Größe eines Erwachsenen hat, allerdings fünf bis sieben mal mehr Verbindungen zwischen den Neuronen besitzt, als ein Achtzehnjähriger oder ein Erwachsener (Pearce 1992). Das Gehirn eines Sechs- bis Siebenjährigen hat die beispiellose Fähigkeit, Tausende von Dendritenverbindungen zwischen den Neuronen herzustellen. Im Alter von zehn bis elf Jahren verliert das Kind bis zu 80% seiner neuronalen Masse, und die oben beschriebene Fähigkeit hört auf (Pearce 1992, Buzzell 1998). Es scheint, dass wir jene Fähigkeiten verlieren, die wir nicht entwickelt oder benutzt haben. Im Gehirn wird ein Enzym ausgestoßen, welches buchstäblich alle schwachen, marklosen Pfade auflöst (Pearce 1992, Buzzell 1998).

 

Im heranwachsenden Kind entwickelt sich das Gehirn vom Stammhirn (Handlungshirn), zum limbischen System (Gefühlshirn) und schließlich zum am höchsten entwickelten Neocortex oder Denkhirn. Um sich zu entwickeln, muss in bestimmten kritischen Altersstufen ein Anreiz für das Gehirn da sein, zum Beispiel für das Lernen der Muttersprache. Die Gehirn ist auch später noch formbar, so dass auch Erwachsene neue dendritische Verbindungen herstellen können, aber sie müssen für neue Nervenbahnen härter arbeiten als in der Kindheit.

 

Das Stammhirn ist unserem physischen Überleben gewidmet und leitet unsere Reflexe, kontrolliert unsere motorischen Bewegungen, überwacht die Körperfunktionen und verarbeitet die Informationen der Sinneseindrücke. Gemeinsam mit dem limbischen System ist es in die „Flucht- oder Kampf“- Reaktion involviert, die unser Körper in gefährlichen und bedrohlichen Situationen anwendet. Menschen reagieren physisch und emotional, bevor das Denkhirn Zeit hat, die Information zu verarbeiten (Buzzell 1998). Unser limbisches System wickelt sich um unser Stammhirn und verarbeitet emotionale Informationen, zum Beispiel Polaritäten wie Zuneigung/ Abneigung, Liebe/ Hass. Das Gefühlshirn wirkt sinnstiftend auf Erinnerungen und Lerninhalte ein. Es beeinflusst jenes Verhalten, welches auf emotionalen Gefühlen beruht, es hat eine enge Beziehung zu unserem Immunsystem und zur Gesundheit. Es ist in die Bildung von engen Beziehungen und emotionalen Verbindungen involviert – zum Beispiel zwischen Mutter und Kind - und ist mit Träumen, intuitiven Erfahrungen sowie mit den Tagträumen und Phantasien verbunden, die vom Denkhirn herrühren (Healy 1990).

 

Das Gefühlshirn verbindet sich mit dem höher entwickelten Denkhirn und dem eher primitiven Handlungshirn. Das Handlungshirn kann dem Willen des Denkhirns folgen oder aber, das Denkhirn kann in den Dienst des Gefühlshirns gestellt werden, zum Beispiel in einem Notfall, ob dieser nun real oder nur imaginär ist (Pearce 1992). Das Handlungshirn und das Gefühlshirn können nicht zwischen den echten und nur imaginären sensorischen Einflüssen unterscheiden. Es ist für unser Überleben von Vorteil, erst zu reagieren und dann zu denken.

 

Das Denkhirn, der Neocortex, stellt den höchsten und jüngst entwickelten Teil des Gehirns dar. Es ist vom Stammhirn (Handlungshirn) und vom limbischen System (Gefühlshirn) zwar stark beeinflusst, hat aber die Fähigkeit eigenständig zu agieren. Es ist der objektivste Teil des Gehirns. Es verbindet uns mit unserem höheren Ich. Der Neocortex benötigt jedoch mehr Zeit, die Bilder des Stammhirns und des limbischen Systems zu verarbeiten. Es ist auch der Teil des Gehirns, der das grösste Zukunftspotenzial trägt, und es ist der Ort, an dem sich unsere Wahrnehmungen, unsere Erinnerungen, Gefühle und unsere Denkfähigkeit zusammenschließen, um unsere Ideen und Handlungen zu bilden (Everett 1997). Das Denkhirn ist „fünfmal größer als die anderen Gehirnteile zusammen und stellt die Veranlagung für den Intellekt, das kreative Denken, die Rechenkapazität und, falls entwickelt, Sympathie, Empathie, Leidenschaft und Liebe bereit“ (Pearce 1992).

 

Im kindlichen Gehirn geschieht eine fortlaufenden Entwicklung, also eine fortschreitende Myelinisierung der Nervenbahnen, vom Stammhirn zum limbischen System und schließlich zum am höchsten entwickelten Denkhirn oder Neocortex. Die Myelinisierung umhüllt unter anderem die Nervenaxone und Dendriten mit einer schützenden Fett-Protein-Schicht. Je häufiger eine Bahn verwendet wird, desto mehr Myelin wird hinzugefügt. Je dicker die Myelinhülle ist, desto schneller können die Nervenimpulse oder Signale entlang der Nervenbahnen wandern. Aus diesem Grund ist es unbedingt notwendig, dass das heranwachsende Kind entwicklungsgerechte Impulse von seiner Umwelt bekommt, um jeden Teil der Gehirnentwicklung zu fördern und die Myelinisierung der neuen Nervenbahnen zu unterstützen. Zum Beispiel benötigen Kinder sich wiederholende und rhythmische Bewegungserfahrungen, weil sich ihre motor-sensorischen Nervenbahnen und Sinnesorgane ja erst bilden.

 

Kinder benötigen auch Erfahrungen, die die fünf Sinne des Sehens, Hörens, Tastens, Riechens und Fühlens stimulieren und in einen Zusammenhang integrieren. Da kleine Kinder wörtlich „Schwämme“ sind, benötigen ihre Sinne Schutz vor Überstimulierung. Kinder nehmen alles, was sie sehen, hören, riechen, tasten und fühlen, von ihrer Umwelt auf, da ihre Gehirnfunktion unangenehme oder schädliche Sinneserfahrungen noch nicht erkennen und herausfiltern kann. Der Tastsinn ist besonders entscheidend, weil unsere Kultur den Kindern bereits entscheidenden multi-sensorischen Geburtserfahrungen entzieht, beispielsweise durch die Praxis der Krankenhausgeburten, inklusive der hohen Kaiserschnittraten.

Die Stimulation und die Entwicklung der Sinnesorgane bereiten die Entwicklung vonTeilen unseres unteren Gehirns vor, dem sogenannten Aufsteigenden Retikulären Aktivierungssystem (ARAS). Mithilfe des ARAS werden unserer Sinneseindrücke koordiniert und wandern schließlich in das höhere Denkhirn. Das ARAS ist der Bereich im Gehirn, der es uns erlaubt, uns zu konzentrieren und unsere Aufmerksamkeit zu steuern. Eine Beeinträchtigung der motor-sensorischen Nervenbahnen führt zu einer Beeinträchtigung in der Aufmerksamkeitsspanne und der Konzentrationsfähigkeit der Kinder (Buzzell 1998). Eine Über- und Unterstimulierung unserer Sinne und schlecht entwickelte fein- und grobmotorische Bewegungen, können zu Aufmerksamkeitsdefiziten führen.

 

Im Alter von vier Jahren sind sowohl das Stammhirn und das limbische System zu 80% myelinisiert. Nach dem sechsten oder siebten Geburtstag verschiebt sich die Aufmerksamkeit des Gehirns in den Neocortex und beginnt mit der Myelinisierung zuerst der rechten und später der linken Gehirnhälfte.

 

Die rechte Gehirnhälfte ist die intuitivere Seite des Gehirns, sie reagiert vor allem auf visuelle Reize. Sie nimmt Einheiten, Formen und Muster auf und fokussiert auf das große Ganze statt auf die Details. Sie steuert das Zeichnen und Malen und verzeichnet Melodien und musikalische Harmonien. Sie reagiert vor allem auf Reize und Farben und ist die dominante Gehirnhälfte beim Fernsehschauen (Healy 1990, Everett 1997).

 

Wenn ein Kind liest, schreibt oder spricht, dominiert die linke Gehirnhälfte. Sie ist auf das analytische, sequentielle, schrittweise, logische Denken spezialisiert. Sie analysiert die Geräusche und die Bedeutung der Sprache; zum Beispiel ist sie verantwortlich für die phonetische Fähigkeit, das Gehörte mit Buchstaben in Verbindung zu bringen. Sie koordiniert feine Muskelbewegungen und ist mit Ordnung, Routine und Details beschäftigt. Die Fähigkeit, Wissenschaft, Religion, Mathematik, Geometrie und Philosophie zu verstehen, hängt vom abstrakten Denken ab, eine Charaktereigenschaft der linken Gehirnhälfte.

 

Wenn wir betonen, welche Lernfunktionen durch welche Gehirnhälften ausgeübt werden, ist entscheidend die Verbindung zwischen den beiden Gehirnhälften, der sogenannte „Balken“ oder „corpus callosum“. Er besteht aus einem langen Bündel Nervenbahnen, die eine Brücke zwischen der linken und rechten Gehirnhälfte bilden. Er ist einer der zuletzt wachsenden Teile des Gehirns. Der linke und rechte Teil des Körpers werden mithilfe dieses Balkens miteinander koordiniert. Grobmotorische Tätigkeiten wie Seilhüpfen, Klettern, Rennen oder Kreisspiele und feinmotorische Tätigkeiten wie Malen, Basteln, Töpfern, Origami, Holzschnitzen, Stickerei und Brotbacken sind entscheidend, um diese Nervenbahnen zu myelinisieren und führen zu einem flexibleren Umgang mit Ideen und einer kreativen Vorstellungskraft. Die Nervenbahnen liefern das Zusammenspiel zwischen analytischem und intuitivem Denken, und zahlreiche Neuropsychologen glauben, dass eine schlechte Entwicklung dieser Nervenbahnen die wirksame Kommunikation zwischen der rechten und linken Gehirnhälfte beeinflusst und eventuell Aufmerksamkeits- und Lernstörungen verursacht (Healy 1990).

 

Wir myelinisieren unsere Nervenbahnen, indem wir sie benutzen. Unsere Körperbewegungen, zusammen mit unserer Sinneserfahrung, erschaffen starke neuronale Bahnen und Verbindungen. Wenn zum Beispiel ein Krabbelkind den Klang eines Balls hört, der auf dem Boden aufprallt, ihn befühlt und an ihm riecht oder den Ball wegstößt, rollt und wirft, dann bilden Neuronen miteinander dendritische Verknüpfungen. Wenn ein Krabbelkind Bälle verschiedener Größen, Formen, mit unterschiedlichem Gewicht und Konsistenz untersucht, dann kann ein Bereich von Tausenden, möglicherweise Millionen, von verbundenen Neuronen um das Wort „Ball“ gebildet werden (Pearce 1992). Wiederholung, Bewegung und multisensorische Anreize sind die Grundlagen für die Sprachentwicklung und das höhere Denken. Die wiederkehrende Erfahrung des Krabbelkindes mit einem Objekt wie dem Ball schafft ein Bild in seinem Gehirn. „Die Bilder im Kern des limbischen Gehirns bilden einen Grossteil der „Nahrung“ für die bemerkenswerten und fortschreitenden Abstraktionsfähigkeiten des assoziativen höheren Cortex [Neocortex]“ (Buzzell 1998).

 

Gründe für die Schädlichkeit des Fernsehens

Das Fernsehen wurde als mehrfacher sensorischer Entzug beschrieben, der das Wachstum unserer Kinder beeinträchtigen kann. Es wurde gezeigt, dass die Gehirngröße um 20-30% schrumpft, wenn ein Kind nicht berührt wird und wenn mit ihm nicht gespielt oder gesprochen wird (Healy 1990). Healy beschreibt einen Versuch, in dem junge Tiere in einen abgeschlossenen Bereich gesperrt wurden, von wo sie anderen Tieren nur beim Spielen zusehen konnten. Ihr Gehirnwachstum schrumpfte proportional zu der Zeit, die sie inaktiv mit Zusehen verbrachten (Healy 1990). Das Fernsehen spricht nur zwei Sinne an: das Hören und das Sehen. Zusätzlich verursachen die schlechte Qualität der wiedergegebenen Klänge für unser Gehör und die blitzenden, bunten, glimmenden und überstimulierenden Bilder für unsere Augen Probleme in der Entwicklung und der Funktion dieser zwei wesentlichen Sinnesorgane (Poplawski 1998).

 

Bis zum Alter von vier Jahren sind die kindliche Sehschärfe und die komplette dreidimensionale Sehweise nicht voll entwickelt. Das Bild aber, das auf den Fernsehbildschirm produziert wird, ist ein unscharfes, aus Lichtpunkten hergestelltes, zweidimensionales Bild, das unser Sichtfeld auf den Bildschirm begrenzt. Die Bilder im Fernsehen werden mit einer Kathodenstrahlröhre erstellt, welche Elektronen auf das auf dem Bildschirm befindliche Phosphor schiesst. Der Phosphor wird damit glühend und dieses künstlich produzierte, pulsierende Licht spiegelt sich direkt in unseren Augen und beeinflusst die Absonderung unseres neuroendokrinischen Systems (Mander 1978). Das eigentliche Bild besteht aus Lichtpunkten und ist somit verschwommen und unscharf, so dass sich die Augen anstrengen müssen, um das Bild klar zu bekommen. Das Fernsehen, genau wie jedes elektrische Gerät und jede Stromleitung, produziert unsichtbare elektromagnetische Wellen. Eine Kommission des Nationalen Instituts für Umweltgesundheitswissenschaften kam zum Schluss, dass diese unsichtbaren Wellen (sogenannte elektromagnetische Felder oder EMFs) möglicherweise krebsfördernd sind. Die Kommission empfiehlt, dass Kinder mindestens eineinhalb Meter vom Fernseher und einen halben Meter vom Computerbildschirm entfernt sitzen sollen (Gross 1999).

 

Unser Sehsinn, „die Fähigkeit, herauszusuchen, zu filtern, zu fokussieren und zu identifizieren, was in unser Sehfeld eintritt“ (Buzzell 1998), wird durch das Fernsehen beeinträchtigt. Um erfolgreich lesen zu lernen, müssen visuelle Fähigkeiten entwickelt werden. Kinder, die fernsehen, weiten ihre Pupillen nicht, zeigen wenig bis gar keine Augenbewegung, das heisst, sie starren auf den Bildschirm. Es mangelt ihnen an normalen sakkadischen Augenbewegungen, nämlich einen Sprung von einer gedruckten Linie zur nächsten zu machen, was entscheidend für das Lesen ist. Der Mangel an Augenbewegung während des Fernsehschauens ist ein Problem, denn beim Lesen müssen sich die Augen regelmäßig von links nach rechts über die Seite zu bewegen. Die Schwächung der Augenmuskeln durch Bewegungsmangel verringert also unmittelbar die Fähigkeit zu lesen.

 

Zusätzlich hängen Konzentration und Aufmerksamkeit von unserem Sehsinn ab. Die Pupillenerweiterung und die Suchbewegung der Augen sind Teil unseres aufsteigenden retikulären Aktivierungssystems. Das ARAS ist das Tor zur rechten und linken Gehirnhälfte. Es gibt vor, wohin wir unsere Aufmerksamkeit lenken, und hängt mit der kindlichen Fähigkeit zusammen, sich zu konzentrieren und zu fokussieren. Das ARAS funktioniert folglich nicht gut, wenn ein Kind fernsieht. Ein schlecht integriertes unteres Gehirn kann keinen richtigen Zugang zum höheren Gehirn finden.

Außerdem geben die furiosen Wechsel von Fernsehbildern, die in vielen Programmen alle fünf bis sechs Sekunden, in der Werbung alle zwei bis drei Sekunden und auf MTV sogar noch weniger, erscheinen, dem höheren Denkhirn keine Möglichkeit, das Bild überhaupt zu erfassen. Der Neocortex braucht fünf bis zehn Sekunden nach einem Reiz, um etwas zu erfassen (Scheidler 1994).

 

Alle Farbkombinationen, die auf dem Fernsehbildschirm produziert werden, stammen aus nur drei Leuchtstoffarten: rot, blau und grün. Die Wellenlängen von sichtbarem Licht, die durch die Erzeugung dieser Leuchtstoffe produziert werden, repräsentieren ein extrem begrenztes Spektrum im Vergleich zu den Lichtwellenlängen, die wir empfangen, wenn wir draußen Objekte im vollen Spektrum der Sonnenstrahlen sehen. Ein weiteres Problem mit dem Farbfernsehen ist, dass wir die Farbe davon fast ausschließlich mit der rechten Gehirnhälfte verarbeiten, so dass sich die Funktion der linken Gehirnhälfte verringert und das corpus callosum, die Kommunikationsverbindung zwischen den Gehirnhälften, schlecht genutzt wird und darum schlecht myelinisiert ist.

 

Lesen, Spaziergänge in der Natur, Gespräche mit anderen Menschen, reflektieren und nachdenken sind sehr viel bildender als fernsehen. Fernsehen und Computerspiele ersetzen demnach niemals die wertvollen Erfahrungen der Gespräche, des Geschichten Erzählens, des Lesens, der Rollenspiele (iv) und der Naturerlebnisse. Fernsehen ist für das Kind eine endlose, nutzlose, physisch unbefriedigenden Tätigkeit. So wie essen, bis man satt ist, oder schlafen, bis man ausgeruht ist, hat fernsehen kein echtes Ende. Es bewirkt, dass das Kind mehr und mehr will, ohne jemals zufrieden zu sein (Buzzell 1998).

 

 

Danksagung

  • Cindy Blain: für ihre engagierte und inspirierende Vorbereitung dieses Artikels und der Überschrift

  • Jacques Lusseyran: für das Buch „Das wiedergefundene Licht“, welches wörtlich meine Augen für die feineren menschlichen Sinne geöffnet hat

     

     

Susan R. Johnson MD, FAAP, besuchte eine dreijährige Ausbildung in Verhaltens- und Entwicklungstherapie für Kinder an der University of California in San Francisco und liess sich am „San Francisco Waldorf Teacher Training Program“ des Rudolf Steiner College zur Waldorflehrerin ausbilden. Sie führt eine private Praxis für Verhaltens- und Entwicklungstherapie für Kinder im Raphael House in Colfax, Kalifornien.

 

Mit freundlicher Genehmigung des Research Institute for Waldorf Education.

 

Aus dem Englischen von Katharina Stemann

 

 

Bibliografie

Buzzell, Keith. The Children of Cyclops: The Influence of Television Viewing on the Developing Human Brain. Kalifornien: AWSNA, 1998.

Everett, Miles. How Television Poisons Children’s Minds. Kalifornien: Miles Publishing, 1997.

Fischer, Paul. “Brand Logo Recognition by Children Aged 3 to 6 Years: Mickey Mouse and Old Joe the Camel.” JAMA, Vol. 266, No. 22, Dezember 11, 1991.

Gross, Liza. “Current Risks: Experts Finally Link Electromagnetic Fields and Cancer.” Sierra, Mai/Juni 1999, S. 30.

Healy, Jane. Endangered Minds: Why Children Don’t Think and What We Can Do About It. New York: Simon and Schuster, 1990.

Large, Martin. Who’s Bringing Them Up? How to Break the TV Habit. 3. ed. England: Hawthorn Press, 1997.

Mander, Jerry. Four Arguments for the Elimination of Television. New York: William Morrow and Co., 1978.

Pearce, Joseph Chilton. Evolution’s End: Claiming the Potential of Our Intelligence. San Francisco: Harper, 1992.

Poplawski, Thomas. “Losing Our Senses.” Renewal: A Journal for Waldorf Education, Vol. 7, Nr. 2, Herbst 1998.

Scheidler, Thomas. “Television, Video Games and the LD Child.” Broschüre: Greenwood Institute, 1995.

Singer, Dorothy. “Caution: Television May Be Hazardous to a Child’s Mental Health.” Developmental and Behavioral Pediatrics, Vol. 10, Nr. 5, Oktober 1989.

Soesman, Albert. The Twelve Senses: Wellsprings of the Soul. England: Hawthorn Press, 1998.

Tiller, William. “Robust Manifestations of Subtle Energies in Physical Reality and Its Implications for Future Medicine.” Lecture, Stanford Universität, April 28, 1999.

Winn, Marie. The Plug-in Drug. New York: Penguin Books, 1985.

Zuckerman, Diana M. and Barry S. Zuckerman. “Television’s Impact on Children.” Pediatrics, Vol. 75, Nr. 2, Februar 1985.

 

 

i Seit dieser Artikel verfasst wurde, weist die aktuelle Forschung daraufhin, dass alle elektronischen Anzeigeformate - Computermonitore, Handys, Laptops, Tablets, E-Readers und alle anderen mobilen Computeranwendungen - in diese Analyse einbezogen werden können.

ii Vor dem Fernsehen konnte er draußen in der Natur sein, zufrieden Insekten beobachten, Dinge aus Stöcken und Steinen basteln oder mit Wasser und Sand spielen. Er schien mit sich selbst, seinem Körper und seiner Umwelt zufrieden. Wenn er Fernsehen schaute, reagierte er weder auf mich, noch auf Geschehnisse um ihn herum, als ob er an das Fernsehgerät gefesselt wäre. Wenn ich das Gerät ausschaltete, wurde er ärgerlich, nervös, irritiert und fing normalerweise an zu weinen (oder zu schreien) und wollte, dass ich den Fernseher wieder anmache. Sein Spiel wurde fahrig, seine Bewegungen impulsiv und unkoordiniert. In seinem Spiel fehlte seine eigene ideenreiche Mitwirkung. Anstatt dass er sich seine eigenen Spielthemen ausdachte, wiederholte er auf sehr repetitive, wenig kreative und gestelzte Weise einfach das, was er im Fernsehen gerade gesehen hatte.

iii Healy 1990, Pearce 1992, Buzzell 1998, Winn 1985

iv in dem das Kind innere Bilder verwendet, anstatt der vorgegebenen vom Fernsehen kopierten äußeren Bilder



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