Wer erziehen will, muss selber erzogen sein. Wer auf die Jugend wirken will, muss selber jung bleiben und unablässig an sich selber arbeiten.

 

Simon Gfeller, Schweizer Pädagoge und Mundartschriftsteller (1868 - 1943)

Unterricht > Medien
Elektronische Geräte, limbisches System, präfrontaler Cortex, Dopamin, Cortisol, Adrenalin, ungeteilte Aufmerksamkeit
Von: Karin Smith, März 2015,

Der allgegenwärtige Gefährte


Warum sind wir besessen von unseren digitalen Geräten? Smartphone und Company sind ein unverzichtbarer Teil unseres Lebens, von uns selbst, geworden. Nachrichten senden und empfangen, Informationen online suchen oder Fotos austauschen, sind Tätigkeiten, welche tief mit unserer täglichen Routine verwoben sind; sie sind ein unhinterfragter Teil unserer Existenz. Wie kann eine winzige Kiste so viel Macht über uns haben? Was müssen Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler über die Wirkung der elektronischen Geräte auf das Gehirn wissen?

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Wenn meine Töchter Hausaufgaben machen, liegen ihr Smartphone oder iPod neben ihnen. Sie versenden und erhalten Nachrichten während sie Französischvokabeln lernen oder über einem algebraischen Problem brüten. Sie sagen, ohne diese Unterbrechungen wären Hausaufgaben einfach zu langweilig.

 

An unserer Schule ist es ein offenes Geheimnis, dass die älteren Schülerinnen und Schüler während den Pausen ihre Geräte benutzen, trotz Verbot. Dabei hoffen sie unverfroren, dass sie nicht dabei erwischt werden, denn sonst würde das Gerät für ein paar Tage konfisziert. Sie überfliegen in den Pausen kurz ihren Posteingang und schreiben schnell eine Nachricht während sie mit den anderen über mehrere Themen gleichzeitig plaudern und dazu natürlich eine Menge essen.

 

Aber auch viele Erwachsene fühlen eine enge Bindung zu ihren kleinen Geräten. Ich gehe fast nie ohne mein Mobiltelefon aus dem Haus. Nehme ich es überall hin mit weil meine Töchter, Eltern, Freundinnen oder vielleicht sogar mein Chef ein dringendes Anliegen haben könnten? Möchte ich mich wichtig und unersetzlich fühlen? Oder hat das Ding schon eine gewisse Macht über mich gewonnen?

 

Mein Bruder, ein durchschnittlicher Schweizer Geschäftsmann, legt sein Smartphone in Reichweite wenn wir mit unseren Eltern sonntags essen. Er sagt mir, dass es für ihn und seine Geschäftspartner völlig normal sei, in Sitzungen Nachrichten und Emails zu lesen und zu versenden.

 

Im Jahr 2013 besassen 78 Prozent der amerikanischen Jugendlichen ein Mobiltelefon (i). In der Schweiz besassen 2014 97 Prozent der Jugendlichen ein Smartphone (ii). Weltweit benutzen 63 Prozent der Bevölkerung ein Mobiltelefon, diese Zahl soll bis 2017 auf knapp 70 Prozent steigen (iii). Die erste Generation der sogenannten Digital Natives – geboren 1980 oder später – ist längst erwachsen geworden und unterrichtet jetzt unsere Kinder. Zweifellos sind mobile Geräte ein selbstverständlicher Teil des Lebens von Jugendlichen, jungen Menschen und auch der jüngeren Lehrerschaft in den meisten Ländern mit Steiner Waldorf Schulen.

 

Sollten wir uns über die Allgegenwart dieser Geräte Sorgen machen? Der Autor und Neurologe Daniel Levitin sagt, ja wir sollten das tun. In seinem Buch The Organized Mind (iv) erklärt er, was im Gehirn passiert, wenn wir eine Nachricht oder eine Mail erhalten: Die Produktion der Hormone Cortisol und Adrenalin wird angeregt und es entsteht eine Dopamin Abhängigkeit. Levitin warnt: „Machen Sie sich nichts vor: Das Prüfen des Posteinganges, des Facebook und Twitter Kontos ist eine neuronale Sucht.“ (v) Warum?

 

Der erschöpfte Amateur Tellerdreher

Die meisten Menschen lesen und schreiben SMS und andere Nachrichten während sie gleichzeitig etwas anderes tun. Smartphones und andere mobile Geräte spielen im heutigen Multitasking eine entscheidende Rolle. Während ich Echo der Zeit auf Radio srf höre, schäle ich die Karotten fürs Abendessen und sende zwischendurch ein paar SMS. Danach überfliege ich meinen Posteingang während ich die Fragen meiner Tochter über die französische Revolution beantworte und noch schnell die Katze füttere.

 

In der Schule sehe ich Jugendliche, die einander in den Pausen die neusten Bilder auf dem Smartphone zeigen, eine WhatsApp Nachricht schreiben, ihr Make-up kontrollieren und gleichzeitig schreckerfüllt auf das Kräfteparallelogramm starren, welches sie für die nächste Lektion kennen müssen.

 

Rideout et al (vi) haben 2006 die medialen Multitasking Gewohnheiten von Teenagern untersucht. Ein siebzehnjähriger Junge beschreibt seinen Alltag wie folgt: „Jede Sekunde, die ich online verbringe, bin ich am Multitasken. Jetzt gerade schaue ich fern, checke meine Emails alle zwei Minuten, lese Nachrichten, brenne Musik auf eine CD und schreibe diese Nachricht.“

 

Ein fünfzehnjähriges Mädchen sagt: „Über SMS unterhalte ich mich permanent mit Leuten, schaue zugleich meine Emails, mache Hausaufgaben oder spiele Computerspiele während ich gleichzeitig telefoniere.“(vii)

 

Fast alle, sowohl Jugendliche als auch Erwachsene, benützen digitale Geräte im Multitasking. Und obwohl wir meinen, wir erledigen mehrere Dinge gleichzeitig, bewegen wir uns einfach blitzschnell zwischen verschiedenen Tätigkeiten hin und her „wie schlechte Amateur Tellerdreher“, sagt Earl Miller, Neurologe am MIT und Experte in der Erforschung von geteilter Aufmerksamkeit. Er warnt: „Multitasking aktiviert die Produktion von Cortisol und Adrenalin, welche das Gehirn überstimmulieren können und zu zersplittertem Denken führen.“ Zudem bewirkt rasantes Hin- und herwechseln der Aufmerksamkeit, dass oxydierte Glukose im Hirn schneller verbrannt wird. Dies ist verheerend weil oxydierte Glukose genau der Stoff ist, den wir brauchen um auf eine einzige Tätigkeit fokussieren zu können. Deshalb führen wir uns rasch erschöpft und desorientiert, erklärt Earl Miller. (viii)

 

Wenn Schülerinnen und Schüler Hausaufgaben machen während sie gleichzeitig mit einer anderen digitalen Aktivität beschäftigt sind, wird die Information aus der Schularbeit zum falschen Teil des Gehirns, dem Striatum, geleitet. Im Striatum werden neue Fähigkeiten und Kompetenzen gelagert. Informationen aus den Hausaufgaben müssen aber im Hippocampus gelagert werden, denn nur von dort aus können sie auch wieder abgerufen werden. Der Hippocampus strukturiert und organisiert Informationen auf verschiedene Arten und macht sie damit leicht zugänglich. Die Information im Striatum hingegen ist nur schwer zugänglich, dies die Ergebnisse einer Studie des Neurologen Russ Poldrack. (ix)

 

Dopamin liebt Unberechenbarkeit und Erwartung

Ein weiterer wichtiger Spieler in diesem Drama ist das Hormon Dopamin. Es bewirkt, dass wir neue Informationen, neue Stimuli suchen. Mit Dopamin fühlen wir uns voller Energie und motiviert. Aber jede neue Information, jeder neue Stimulus, jede WhatsApp Nachricht, jeder Pieps unseres Smartphones belohnt uns mit mehr Dopamin und bewirkt, dass wir noch mehr Neuigkeiten, noch mehr Information wollen. Auf diese Weise werden wir in der Dopamin Abhängigkeit des limbischen Systems (x) gefangen.

 

Was aber die Sache noch schlimmer macht: Unberechenbarkeit und Erwartung stimulieren das Dopamin System noch zusätzlich. Dies fesselt den Glücksspieler an sein Spiel: Er erwartet, dass das nächste Spiel den grossen Gewinn bringt, kann aber nie ganz sicher sein. Erwartung und Unberechenbarkeit fluten das Gehirn mit Dopamin und zwingen uns, nach dem nächsten Reiz zu suchen. (xi) Und wir, wir wissen nie, vom wem die nächste SMS oder Email ist oder was darin steht: Himmlische Bedingungen für die Dopaminproduktion.

 

Somit überrascht es nicht, dass Jugendliche ihr Smartphone beim Hausaufgabenmachen neben sich haben, denn „es ist so langweilig ohne.“

 

Welche Vorteile hat ungeteilte Aufmerksamkeit?

Die oben beschriebenen Phänomene mögen uns bereits motivieren, unsere digitalen Geräte bewusster zu nutzen und den beruhigenden Effekt des niedrigeren Adrenalin, Cortisol und Dopamin Pegels wahrzunehmen. Und hier sind die guten Neuigkeiten: Die ungeteilte, fokussierte Aufmerksamkeit auf ein einziges Thema oder eine einzige Tätigkeit zu richten, hat noch mehr Vorteile. „Wenn wir uns in ein Thema vertiefen, verbraucht das Gehirn weniger Energie und reduziert damit den Glukosebedarf.“(xii) Dies wiederum führt dazu, dass die zur Verfügung stehende Glukose verwendet wird, um sich auf das Thema zu konzentrieren und es weiter zu vertiefen, ein positiver Kreislauf!

 

Die Vertiefung in ein Thema bewirkt im Weiteren ein stärkeres Wachstum und eine Diversifizierung der Synapsen; dies sind die essentiellen Schaltstellen im Gehirn, über welche Informationen weitergeleitet werden. Ungeteilte, selektive Aufmerksamkeit intensiviert die Informationsverarbeitung; die Information wird in vielen verschiedenen Hirnarealen verarbeitet, weil sie über die Synapsen weiträumiger verteilt wird. Dies wiederum verändert und stärkt die Synapsen. Die Intensität dieses Prozesses bewirkt, dass das Thema besser im Gedächtnis gespeichert wird als Inhalte, welche nur überflogen wurden. (xiii)

 

Wer ist Kapitän auf dem Seelenschiff?

Die Fähigkeit, unsere Aufmerksamkeit gezielt auf das zu richten, was wir selbst wählen, anstatt auf das was gerade in unserem Posteingang landet; die Fähigkeit zu wählen, wie ich auf eine gegebene Situation reagiere, hat viel zu tun mit Selbstkontrolle und Willenskraft. Selbstkontrolle ist die Fähigkeit, Impulse und Reflexe zu beherrschen. Sie ist eng verbunden mit dem präfrontalen Cortex (xiv).

 

In seinem berühmt gewordenen Marshmallow Experiment zeigte Walter Mischel, dass bereits vierjährige Kinder, welchen es gelang, den Impuls zu unterdrücken, ein Marshmallow sofort zu essen, zu glücklicheren, gesünderen und wohlhabenderen Erwachsenen wurden als jene, die nicht widerstehen konnten. Unter anderem lebten sie als Erwachsene in stabileren Beziehungen, hatten eine höhere Bildung und signifikant weniger oft Probleme mit Sucht oder Kriminalität. (xv)

 

Manfred Spitzer erklärt den Zusammenhang zwischen Stress und Selbstkontrolle wie folgt: Es ist nicht die eigentliche Situation, welche uns stresst, sondern ob wir uns subjektiv in Kontrolle der Situation fühlen. (xvi) In anderen Worten: Je stärker das Gefühl, in Kontrolle zu sein, umso weniger fühlen wir uns gestresst. Subjektiv empfundene Selbstkontrolle reduziert den Stress. Im Zusammenhang mit digitalem Multitasking bedeutet dies, dass ich meinen Stresspegel reduziere, wenn ich entscheide, ob und wie ich auf eine Nachricht, Email oder jede andere Form der Ablenkung reagiere.

 

Und es gibt noch einen weiteren Vorteil: Die Fähigkeit, deine Aufmerksamkeit auf das zu richten, was du selbst wählst, heisst auch, dass du deine Aufmerksamkeit auf die positiven Aspekte jeder Situation richten kannst. Und das macht dich zu einem glücklicheren Menschen. Die Psychologin Barbara Fredrickson von der Universität von Nord Carolina konnte zeigen, dass die Konzentration auf positive Gefühle unseren Horizont erweitert. „Die Fähigkeit, deine Aufmerksamkeit zu beherrschen, gibt dir sehr viel Energie, denn dann musst du aufkommenden negativen Emotionen keine Beachtung schenken“, sagt der Nobelpreisträger Daniel Kahneman. (xvii)

 

Erinnern wir uns: Schnelle, spontane, oberflächliche Aktivitäten wie sie von WhatsApp Nachrichten oder Emails bewirkt werden, sind vom Verlangen im limbischen System gesteuert. Durchdachte, tiefgründige, fokussierte Aktivität aber läuft unter der Kontrolle des bewussten Denkens im präfrontalen Cortex. Dies muss zum fundamentalen Wissen von Lehrpersonen und Lernenden gehören.

 

Karin Smith besitzt kein Smartphone aber sogar mit ihrem gewöhnlichen Mobiltelefon und Laptop Computer verfällt sie manchmal den Verlockungen des digitalen Multitaskings. Sie lebt als Lehrerin und Redakteurin mit ihren zwei Töchtern in einem alten Bauernhaus nahe der Stadt Bern.

 

i Teens and Technology 2013. PewResearchCentre at the Berkman Centre for Internet and Society at Harvard University

ii James Studie: https://www.swisscom.ch/de/about/medien/press-releases/2014/10/20141030-MM-James-Studie.html [23.2.15]

iii www.emarketer.com/Article/Smartphone-Users-Worldwide-Will-Total-175-Billion-2014/1010536 [20.3.15]

iv Levitin, D. (2014) The Organized Mind: Thinking Straight in the Age of Information Overload. Penguin. New York

v Levitin, D. (2015) Why the modern world is bad for your brain. The Guardian Weekly. February 6th 2015

vi Rideout V. and Hamel E. (2006) The media family: Electronic media in the lives of infants, toddlers, preschoolers and their parents. Kaiser Family Foundation. Menlo Park. CA

vii Spitzer, M. (2012) Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. Droemer. München

viii Levitin, D. (2015) Why the modern world is bad for your brain. The Guardian Weekly. February 6th 2015.

ix Ibid.

x Der “Gefühls” -Teil des Gehirns, welcher vor allem für unsere Emotionen zuständig ist.

xi www.blog.theteamw.com/2009/11/07/100-things-you-should-know-about-people-8-dopamine-makes-us-addicted-to-seeking-information/ [23.3.2015]

xii Levitin, D. (2015) Why the modern world is bad for your brain. The Guardian Weekly. February 6th 2015.

xiii Spitzer, M. (2012) Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. Droemer. München

xiv Dieser Teil des Gehirns ist unter anderem verantwortlich für die Impulssteurung, Langzeitplanung und Entscheidungsfähigkeit.

xv Mischel et al. (1989) Delay of gratification in children. Science 244: 933-938

xvi Spitzer, M. (2012) Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. Droemer. München

xvii www.thehappinessinstitute.com/blog/article.aspx

[30.3.2015]



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