Wer erziehen will, muss selber erzogen sein. Wer auf die Jugend wirken will, muss selber jung bleiben und unablässig an sich selber arbeiten.

 

Simon Gfeller, Schweizer Pädagoge und Mundartschriftsteller (1868 - 1943)

Grundlagen
Dreigliederung, Viergliederung, Schlüsselbegriffe, Ätherleib, Astralleib, das Ich, denken, fühlen, wollen
Von: Arve Mathisen, Februar 2015, Publiziert in: Meddelelser til lærerne (Information for Waldorf School Teachers) nr. 46, 2011

Wie ich Anthroposophie unterrichte


Kann man Anthroposophie eigentlich unterrichten? Und was ist Anthroposophie überhaupt? Eine Art Glaube? Oder eine Wissenschaft? Oder eher ein Lifestyle? Arve Mathisen unterrichtet seit vielen Jahren Anthroposophie für angehende Lehrerinnen und Lehrer, und er erlaubt uns hier einen Blick in seinen Unterricht.

Rudolf Steiners Anthroposophie ist die Quelle der Waldorfpädagogik. Konzepte und Gedanken aus der Anthroposophie spielen eine zentrale Rolle in Steiners Ideen über Kinder, Schule und Bildung: von den Anfängen im Jahr 1906 bis zu den letzten Vorträgen über Waldorfpädagogik 1924. Die Waldorfpädagogik wurde auf dieselben anthroposophischen Konzepte gegründet und durch diese vorgestellt, die Steiner auch sonst in fast allen seinen unzähligen Vorträgen ausführte. Ich unterrichte Waldorfpädagogik und Anthroposophie seit vielen Jahren, zuerst an Elternseminaren an der Steiner Schule in Bærum, Norwegen, später am University College of Eurythmy in Norwegen und heute in Oslo am Rudolf Steiner University College für angehende Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher.

 

Man kann sich fragen, ob es überhaupt möglich sei, Anthroposophie zu unterrichten. Ich jedenfalls habe mir oft gedacht, dass es wohl unmöglich sei. Was ist denn Anthroposophie? Sind es die Inhalte von Steiners Büchern und Vorträgen? Ist es ein Glaube, eine Weltanschauung oder eine Art Wissenschaft? Ist Anthroposophie der Weg zur Erkenntnis oder eine Methode, das menschliche Sein in der Welt zu verstehen? Oder ist es etwas ganz anderes? Begriffe wie „Wissen“ oder „Lernen“ sind nur sehr schwer zu definieren, darum werde ich auch nicht versuchen, eine präzise Definition von Anthroposophie zu formulieren. Trotz dieser Schwierigkeiten ist es für eine angehende Lehrkraft wichtig, einen Bezug zur Anthroposophie zu entwickeln und ihr gegenüber eine eigene Meinung und Haltung zu finden. Für neue Lehrkräfte, die ihre Unterrichtstätigkeit weiterentwickeln möchten, ist es meiner Meinung nach bedeutsam, die Ideen zu kennen, aus denen die Grundlagen der Waldorfpädagogik entstanden sind und weiterhin entstehen. Der zentrale Aspekt ist hier die Erkenntnis. Erkenntnis führt zu einem tieferen Verständnis, geschärfter Kritikfähigkeit und veränderter Unterrichtspraxis. Anthroposophie kann eine profunde Inspirationsquelle für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sein. Im Folgenden werde ich eine Reihe von Gedanken und Unterrichtsinhalten zur Anthroposophie am Rudolf Steiner University College darlegen. Ich werde keinen festen, wiederholbaren Plan beschreiben, denn jedes Jahr hat einen anderen Fokus und die Unterrichtsinhalte variieren. In diesem Text verbinde ich Unterrichtsmaterial aus mehreren Kursen.

 

Anthroposophie und Beziehungskunde

Jedes Mal, wenn ich eine Gruppe von Studierenden in Anthroposophie unterrichte, frage ich sie, was sie lernen wollen und welche Erwartungen sie haben. Obwohl ich viele verschiedene Antworten erhalte, gibt es zwei Themen, die oft auftauchen. Die Studenten wollen das über Anthroposophie lernen, was in Verbindung mit der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen steht, und sie wollen die Anthroposophie besser verstehen. Sie wünschen sich klare, ehrliche Erklärungen. Viele stehen anthroposophischen Ideen skeptisch gegenüber. Sie wollen die Idee der Reinkarnation nicht sofort annehmen und sie empfinden die Vorstellung von Äther- oder Astralleibern befremdend oder beunruhigend. Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, in den Seminaren zwischen Dialogen mit den Studierenden und gründlich vorbereiteten Vorträgen über ausgewählte Themen der Waldorfpädagogik und der Anthroposophie abzuwechseln.

 

Anthroposophie zu unterrichten, erinnert mich oft an die Beziehungskunde in der Mittelstufe. Es kann keine direkte Erkenntnis vermittelt werden, sondern der Wert des Unterrichts hängt davon ab, ob sich alle Teilnehmenden frei fühlen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und ihre eigenen Haltungen zu bilden. Eine Norm, was Anthroposophie bedeutet, gibt es ebenso wenig wie eine „normale“ sexuelle Beziehung.

 

Ein wichtiges Anliegen innerhalb des Unterrichts über Anthroposophie ist für mich die Frage, wie eine Atmosphäre geschaffen werden kann, in welcher Offenheit, kritische Stimmen und eine forschende Haltung möglich sind, eine Atmosphäre, die sowohl offen ist, aber auch kritische Standpunkte zulässt. Das ist gar nicht so einfach, wie es vielleicht scheint. Sobald ich über anthroposophische Themen spreche, beispielsweise über den Ätherleib, und versuche, theoretische und angewandte Perspektiven davon zu vermitteln, breitet sich in der Klasse eine Art stillschweigende Akzeptanz zum Vorhandensein eines Ätherleibes aus. Gemäß der Ideen des französischen Denkers Michel Foucault ist klar, dass etwas so einfaches wie ein Gespräch oder eine Reflexion über ein Konzept einen Einfluss auf die Teilnehmenden hat. Ich diskutiere das mit den Studenten und fordere sie auf, vorsichtig zu sein. Ich möchte zu einem Verstehen der Anthroposophie beitragen, nicht zur Verbreitung eines, wie ich es nenne, „anthroposophischen Begriffsrealismus“. Es wird erwartet, dass es von den Dingen, welche Steiner in seinen Vorträgen beschreibt, automatisch eine Parallele im Leben der Studierenden gebe.

 

Ideen sollten aber als Ideen behandelt werden. Es hängt dann von jedem Einzelnen ab, wie die Ideen mit dem eigenen Denken, der persönlichen Erfahrung und dem täglichen Leben verbunden werden.

 

Die Absicht der Seminare ist es, mit den Grundlagen und Konzepten Steiners auf eine verständliche Art mit den Studierenden zu arbeiten, ohne dass der oder die Einzelne das Ganze oder Teile der Gedankenwelt von Steiner blind akzeptiert. Meiner Meinung nach können wir mithilfe eines ausgeprägt kritisch orientierten Unterrichts tief in die anthroposophischen Beschreibungen des Menschen und des Kosmos dringen. 

 

Grundlagen? 

Was verstehen wir unter anthroposophischen Grundlagen? Steiners Arbeiten umfassen zahlreiche Themen von Religion und Kunst bis zur Wissenschaft. Ein Schlagwortkatalog aus dem Jahr 1998 umfasst 2500 Seiten. (i) Wer kann so viel Information aufnehmen? Wer hat den Mut, einzelne Teile aus einer solch überwältigenden Menge Material zu präsentieren? Glücklicherweise, möchte man sagen, hat Steiner gleichwohl die meisten seiner Darstellungen mit einer handvoll Hauptkonzepten verbunden. Vereinfachend kann man sagen, dass Steiner grosse Teile der Anthroposophie aus zwei Perspektiven dargestellt hat.

Die eine Perspektive dreht sich um das Denken – Fühlen – Wollen. Steiner verwendet diese konzeptionelle Dreiergruppe, um sowohl Themen wie den menschlichen physischen Körper als auch psychologische und geistige Phänomene darzustellen. Bei der Gründung der ersten Waldorfschule 1919 gab es nur diese drei – Denken, Fühlen und Wollen – , die in Steiners Vorträgen zu Ausgangspunkten für die zentralen pädagogischen und menschlichen Aspekte der Waldorfpädagogik wurden. (ii)

 

Der andere große Konzeptkomplex in Steiners Arbeit basiert auf einer Vierteilung der Phänomene, am besten bekannt als die sogenannten Naturreiche und die vier Elemente. Steiner ordnete Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen zu einer vierteiligen Konzeptstruktur. Sie alle haben einen physischen Körper und können als physisch wahrnehmbare Phänomene beobachtet und eingestuft werden. Pflanzen, Tiere und Menschen haben ein inneres Leben, das Steiner Ätherleib nennt. Tiere und Menschen nutzen ihre Sinne und ihre Möglichkeiten, sich auf intelligente Weise zu bewegen. Sie kommunizieren mit ihrer Umwelt. Nach Steiner sind die grundlegenden Fähigkeiten des Innenlebens, wie Tasten, Bewegung, Wachheit und Kommunikation, Eigenschaften eines Astralleibes. Zusätzlich hat der Mensch die Fähigkeit zur Reflexion, Selbstreflexion und Zurückhaltung. Steiner assoziiert diese Eigenschaften mit dem sogenannten Ich. Diese vier – das Physische, Ätherische, Astrale und das Ich – sind anthroposophische Begriffe, die sehr oft in Steiners Beschreibungen auftauchen. In der Waldorfpädagogik gelten sie als Schlüsselbegriffe.

 

Ideen und Dialog

Die Drei- und die Viergliederung sind also grundlegende Denkmodelle der Anthroposophie und diese sind, meiner Meinung nach, sehr geeignet für den Unterricht in Anthroposophie. Die Studierenden erhalten die Möglichkeit, sich mit für die Waldorfpädagogik wesentlichen Inhalten auseinanderzusetzen; zugleich lernen sie Konzepte kennen, die sie anhand von anderen Sachgebieten innerhalb Steiners Werk vertiefen können. Dieser Prozess ist ähnlich wie das Lernen einer Fremdsprache.

 

Einers der grössten Probleme für jene, die die Anthroposophie verstehen möchten, ist, dass sie teils in einer Art Vakuum, betreffend Kommunikation und Wissensaustausch, existiert hat. Steiner betonte, was an seinem anthroposophischen Projekt einzigartig war und wahrte eine kritische Distanz zu vielen, wenn nicht sogar den meisten seiner Zeitgenossen. Die Waldorfpädagogik zum Beispiel hat sehr viel gemeinsam mit der damaligen Reformpädagogik, aber Steiner hob kaum Gemeinsamkeiten oder Bezüge hervor. Im Gegenteil, er kommentierte zeitgenössische reformpädagogische Experimente kritisch. Für ein zeitgemäßes Verstehen der Anthroposophie ist meiner Meinung nach eine Art Wiederherstellungsprozess notwendig. Es ist nicht nur eine Frage des Brückenbauens. Vielleicht ist das Bild „sich öffnender Dämme“ eine bessere Metapher. Wo immer ich tief in die Philosophie, Pädagogik, Soziologie, Psychologie oder die Wissenschaftstheorie eintauche, finde ich Berührungs- und Begegnungsmomente mit der Anthroposophie. Es ist schwierig, das eigene Land wirklich zu kennen, bevor man nicht im Ausland war. Meiner Meinung nach ist die Anthroposophie besser zu verstehen und zu erörtern, wenn man sich vergleichend mit ihr befasst. Daher stelle ich das Studium der Grundlagen Steiners generell in Bezug zu anderen Denkern, die ähnliche Themen aufgegriffen haben.

 

Die Idee, dass Pädagogik auf dem Denken, Fühlen und Wollen basiert, ist keinesfalls neu bei Steiner. Schon in Platons Schriften finden wir Keime dieser pädagogischen Idee. Comenius, der oft als „Vater“ der modernen Pädagogik genannt wird, hebt hervor, dass Lernen in diesen drei Bereichen stattfinden muss. Am bekanntesten ist vielleicht der Schweizer Bildungspionier Johann Heinrich Pestalozzi, dessen pädagogisches Handeln auf dem Gleichgewicht von „Kopf – Herz – Hand“ beruht. Auch John Dewey – aktuell noch immer von Bedeutung – hat darüber reflektiert. Heute gibt es zahllose pädagogische Theorien, die Emotionen und praktisches Tun zusätzlich zu den kognitiv – intellektuellen Aktivitäten betonen. (iii)

 

Es liegt intuitiv und pädagogisch offensichtlich auf der Hand, dass kognitives Lernen und emotionale Beteiligung zusammengehören und Lernen nur dann zum Ereignis wird, wenn Schülerinnen und Schüler auch ganz konkret Erfahrungen sammeln können. Ein dreiteiliges Bildungskonzept ermöglicht eine ganzheitliche Entwicklung. Denken, Fühlen und Wollen beziehen sich auf Tätigkeiten. Die Verben „denken“, „fühlen“ und „handeln“ sagen etwas darüber aus, was Kinder und Jugendliche im Kindergarten und in der Schule tun. Wenn diese Tätigkeiten in eine pädagogische und entwicklungspsychologische Perspektive gestellt werden, dann sind waldorfpädagogische Reflexion und Entwicklung in vollem Gange.

 

In Waldorfkindergärten und -schulen bauen das Denken und die Konzeptbildung auf emotionaler Erfahrung auf, die wiederum auf dem einfachen Prinzip „Lernen durch Handeln“ fußt. Die Einbeziehung des Denkens, Fühlens und Tuns bedeutet, dass das Lernen eng mit dem Aufbau von Identität und Ethik verbunden ist. Die Schülerinnen und Schüler werden somit emotional und aktiv auf ihre Gedanken vorbereitet. Aufgrund dieser intuitiven pädagogischen Seite der Idee von Denken, Fühlen und Wollen sowie aufgrund der Arbeiten anderer Pädagogen zeigen sich der einmalige Charakter der Anthroposophie und zugleich ihre „Normalität“. Es ist in vielerlei Hinsicht faszinierend, wie leicht zugänglich und verständlich dieses dreiteilige Konzept der Waldorfpädagogik erscheint. Einerseits erscheint ein Teil der Anthroposophie als gängiges pädagogisches Wissen.

 

Andererseits führen einige von Steiners Reflexionen über das Denken, Fühlen und Wollen in unbekanntes Terrain. Diejenigen, die die „Allgemeine Menschenkunde“ gelesen oder versucht haben, sie zu lesen, wissen, worüber ich spreche. Nach einer vergleichenden Studie über die Idee des Denken, Fühlen und Wollens können ausgewählte Aspekte dieses Vortragszyklus zur Diskussion und Reflexion eingeführt werden.

 

In meinem Artikel „Pedagogical Aspects of Slowness. Aristotelian and Platonic Elements within Knowledge of Man” (iv) erörtere ich vergleichend einige von Steiners Ausführungen über das Denken, Fühlen und Wollen. Diesen Artikel lesen meine Studentinnen und Studenten zusätzlich zu einigen Ausschnitten aus Steiners Originaltexten. Manchmal schreiben die Studierenden Zusammenfassungen und führen die Diskussionen, manchmal mache ich das selbst.

 

Komplex und vierteilig

Zu Steiners Vierteilung der Natur und des Menschen haben viele Studierende einen weniger intuitiven Zugang als zu den Ideen von Denken, Fühlen und Wollen. Schon die Begriffe „ätherisch“ und „astral“ führen zu Kopfschütteln. Auch die alte Idee, dass die Natur hierarchisch aufgebaut sei, mit den Mineralien zuunterst und dem Menschen zuoberst, wird nicht akzeptiert. Zahlreiche Studierende machen geltend, dass Tiere auch kommunizieren und ihre eigene Art des Denkens haben.

 

Während des Seminars nehmen wir uns Zeit, die Idee der Vierteilung der Menschen und der Welt zu studieren und zu reflektieren. Dies ist eine sehr alte Idee, die zu den frühen Indischen Upanishaden, zu Aristoteles und Platon im antiken Griechenland bis hin in unsere heutige Zeit verfolgt werden kann. Die Idee blühte im Mittelalter und der Renaissance auf und wird immer noch durch bestimmte Denker auch außerhalb der Anthroposophie aufrechterhalten. Ich habe ein Handbuch geschrieben, welches historische Darstellungen dieser Idee mit kurzen Auszügen aus den Originaltexten dokumentiert. (v)

 

 

Eine Kopie aus dem Buch Liber de Intellectu (Paris, 1510) des französischen Autors, Philosophen und Theologen Charles de Bouvelles (1471-1553). Das Bild zeigt die Teilung der Naturreiche in vier Ebenen: est (sein, existieren), vivit (leben), sentit (spüren, fühlen, erleben) und intelligit (verstehen). Auf der linken Seite des Bildes sieht man die Ebenen der Mineralien bis hin zum Menschen, während die rechte Seite zeigt, wie der Mensch hinabsteigt, wenn er tödlichen Sünden wie Lust (luxuria), Fressucht (gula) oder Faulheit (acedia) unterliegt.

 

Zwei interessante zeitgenössische Denker, die sich mit der Idee, die Wirklichkeit in unterschiedliche Ebenen zu teilen, befasst haben, sind Michael Polanyi (vi) und Norbert Wiley (vii). Polanyi postuliert die Existenz einer kreativen Spannung zwischen verschiedenen Ebenen, sowohl in der menschlichen Konstitution als auch in der Welt, beispielsweise zwischen der Biologie und dem Geist. Anstatt alles auf materielle Prozesse zu reduzieren oder zu argumentieren, dass alles Biologie oder Psychologie oder Sprache etc. ist, heben diese beiden Autoren hervor, welche Vorteile eine vielschichtige Sichtweise auf den Menschen hat. Wie Steiner plädieren sie dafür, den Menschen als eine komplexe Organisation zu sehen, als ein biologisches, aber auch als ein geistiges, sprachlich reflektierendes soziales Wesen. Es gibt reichlich Argumente gegen eine solche Vierteilung. Während Denkern, die teilweise Steiners Idee teilen, Raum eingeräumt wird, ist es natürlich wichtig, auch gegenläufige und alternative Gedanken zu präsentieren.

 

Die Idee einer hierarchischen Teilung der Natur in unvollkommene Mineralien, Pflanzen und Tiere bis zum Menschen als Krone der Schöpfung wurde mit einer hierarchischen Rangordnung und verschiedenen Arten diskriminierender Ideologien in Verbindung gebracht. Etliche Autoren haben die Kontroversen solcher Gedanken diskutiert, und vor allem gab es in den letzten Jahren ein großes Interesse an der Eigenschaftsbeschreibung von Tieren. (viii) Steiner drückt sich oft im Jargon von klassischen Wertesystemen und hierarchischen Ideen aus, wenn er die Beziehung zwischen Tieren und Menschen beschreibt. Es gibt aber auch wichtige Ausnahmen in seinen Arbeiten. Für meinen Unterricht habe ich einige dieser Beispiele ausgewählt. Das Bild aus dem 15.Jh. zeigt den Menschen im Besitz aller vier Qualitäten oder Ebenen, während die Tiere und Pflanzen weniger haben. An mehreren Stellen antwortet Steiner auf eine solche mangelhafte Beschreibung der Mineralien, Pflanzen und Tiere. Er betont, dass alles, was auf der Erde existiert, alle vier Qualitäten besitze, sie seien nur unterschiedlich zusammengesetzt: “Die Vierheit existiert in allen Erdenwesen” (ix). So betont er eine Gleichstellung der verschiedenen “Bürger” unseres Planeten.

 

Ein weiteres Beispiel für eine Denkweise, die sowohl einen klaren Widerspruch als auch eine interessante Interpretation in Bezug auf Steiner herstellt, ist Michael Foucaults Arbeit. Während Steiner zu einem großen Teil mit dem Ich als Ausdruck für die Fähigkeit zu Sprechen, Denken und freien Handeln beschäftigt war, erforschte Foucault die verschiedenen Machtmechanismen und Strukturen, welche das menschliche Subjekt beeinflussen, und zwar oft auf solch subtile Art und Weise, dass die Person glaubt, nach ihrem eigenen Willen und frei zu handeln. Foucault hat beispielsweise darauf hingewiesen, wie Wissen und Sprache die Menschen diszipliniert und strukturiert. Interessanterweise stellt sich heraus, dass viele von Steiners Aussagen über das Ich in diesem Punkt gar nicht so arg im Widerspruch zu Foucaults Analyse sind. In Steiners Konzept liegen im Ich Qualitäten sowohl des Gebens als auch des Nehmens, die Fähigkeit sowohl die Umwelt zu beeinflussen als auch von der Umwelt beeinflusst zu sein. Am Ende seines Lebens, als sich Foucault mit der „Beschäftigung des Ich mit dem Ich“ auseinandersetzte, hatte sein Denken vieles gemeinsam mit Steiners Gedanken über Ethik und die menschliche Entwicklung.

 

Der Ätherleib: Sichtbar und unsichtbar 

Es kann nun scheinen, dass der Unterricht in Anthroposophie zu einem grossen Teil philosophisch ausgerichtet ist und weniger Gewicht auf die Pädagogik und die Berufspraxis gelegt wird. Ich finde es aber unerlässlich, ein Gleichgewicht herzustellen. Welchen Platz die pädagogische Reflexion und das Gespräch über den Schulunterricht hat, möchte ich an einem Beispiel erläutern. Es geht hier um den Versuch, mich mit den Studierenden Steiners Konzept des Ätherleibes zu nähern. Nachdem wir einige Originaltexte von Steiner gelesen haben, wird klar, dass sein Verständnis des Lebens (das Ätherische) mit Zeitprozessen zu tun hat, die sich selbst rhythmisch ausdrücken. Gemäß Steiner ist der Ätherleib der Träger von “Gewohnheit, Charakter, Bewusstsein und Erinnerung” (x). Allein diese Schlagworte eröffnen eine Reihe von Themen mit konkreter pädagogischer Relevanz. Wie kann eine Schule beispielsweise dazu beitragen, gute Gewohnheiten zu entwickeln? Wie kann auf eine lebensbejahende und rhythmische Weise unterrichtet werden? Die enge Verbindung zwischen ätherischen und künstlerischen Tätigkeiten wird zu einem Thema. Auch die Gedanken Steiners über die sieben Lebensprozesse sind ein geeigneter Ausgangspunkt für Gespräche über die Entwicklung einer lebensbejahenden, abwechslungsreichen und “nährenden” Pädagogik.

 

Zusätzlich haben wir vergleichend gearbeitet. Wir entdeckten, dass das Thema “Gewohnheiten” das meist diskutierte pädagogische Thema aller Zeiten ist . Auf der einen Seite stehen Platon, Augustin, Luther und Bourdieu, um nur Einige zu nennen, die Gewohnheiten als ein Hindernis sehen, als eine Einschränkung der menschlichen Freiheit und, nach Luther, sogar als Ort der Erbsünde. Auf der anderen Seite haben pädagogisch wichtige Denker wie Aristoteles, Dewey und Deleuze gezeigt, dass Gewohnheiten wichtig für die menschliche Entwicklung sind. Oft ist die Entstehung von guten Gewohnheiten mit pädagogischen Idealen verbunden, mit der Entwicklung von selbstbestimmten Individuen, welche nach ethischen Grundsätzen leben (xi). In diesem Zusammenhang lesen die Studierenden Auszüge eines meiner Artikel, in dem die praktisch-pädagogische Relevanz von Gewohnheiten in Zusammenhang mit Kunst und künstlerischem Unterricht diskutiert wird. Hier treffen sich Ideen von Steiner mit ähnlichen Gedanken bei Dewey und Bourdieu.

 

Ich weiss nicht, wie viele Seminarstunden wir benötigen, um uns im Anthroposophieunterricht mit dem Thema Leben (dem Ätherleib) auseinanderzusetzen. Zusätzlich zu Steiners Gedanken schauen wir auf unsere eigene Lebenserfahrung und auf pädagogische Theorien im Allgemeinen. So laden die Seminare die Teilnehmenden ein, ihr eigenes Verständnis und einen eigenen Zugang zu Denkmodellen, wie etwa dem Ätherleib, zu erarbeiten. Der Ätherleib ist sowohl unsichtbar als auch, zum grössten Teil, ein verkanntes Konzept. Gewohnheiten, Charakter, Gedächtnis, Kunst und Rhythmus haben eine offenkundige Verbindung mit dem sichtbaren Schulalltag, aber auch mit einem pädagogischem Gedankengut, welches über die Waldorfschule hinaus geht. Zusätzlich kann ein Konzept wie der Ätherleib zu Gefühlen und Reflexionen führen, die grosse Lebensfragen und Geheimnisse berühren. Wir staunen über die Welt, wir denken über das eigenen Leben nach und erkennen neue Perspektiven und Möglichkeiten für den Unterricht.

 

Für mich ist Anthroposophie wie ein Garten, sogar ein geheimnisvoller Garten. Es geht nicht darum, was darin wächst, denn der wahre Wert liegt darin, was in diesem Garten mit den Menschen, welche darin arbeiten und leben, passiert. Der Garten ist ein Ort der Begegnung, in dem Vielfalt und Gegensätzliches nicht nur geduldet wird, sondern als Lebensgrundlage willkommen ist. In einem Garten wachsen von Jahr zu Jahr unterschiedliche und neue Pflanzen, sowohl Blumen als auch Unkraut. Der Garten als Metapher passt zu den oben ausgeführten Gedanken. Er symbolisiert eine lebendige Welt, einen teils sichtbaren und teils unsichtbaren Mikrokosmos. In der mittelalterlichen Literatur wurden Gärten oft als Bild eines Initiantionsortes verwendet. Gleichzeitig ist der Garten ein Stück Natur, in dem der Löwenzahn stark, gelb und lachend steht.


 

Arve Mathisen is Dozent und Programmdirektor am RSCU Masters Programm, Rudolf Steiner University College in Oslo, Norwegen

 

Aus dem Englischen von Katharina Stemann

 

i Steiner R., Mötteli, E. (1998) Register zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe. Rudolf Steiner Verlag. Dornach

ii Dies wird vorallem im Vortragszyklus “Die allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik” ausgeführt. Er gilt als der Klassiker der Waldorfbewegung. Man kann aber auch sagen, dass er wegen seines komplexen und teilweise rätselhaften Inhaltes an die Grenzen der Verständlichkeit stösst.

iii Ein zeitgenössisches Buch, welche das Zusammenspiel von Denken, Fühlen und Wollen untersucht, ist die Publikation der Philisophen Ellis und Newton: Ellis, R. und Newton, N. (2010) How the mind uses the brain: to move the body and imagine the universe. Open Court. Chicago. Das Buch ist eine Grundlagenstudie, welche verschiedene Paralellen mit Steiners Sicht von Mensch und Bild

ung aufweist.

iv Dieser Artikel kann unter www.arvema.com/tekster/Slowness_LivingEducation3_2007.pdf heruntergeladen werden.

v Interessierte können das Handbuch hier herunterladen: http://dl.dropbox.com/u/383934/Kompendium_de_fire_2010.pdf

vi Polaniy, M. (2009) The tacit dimension. The University of Chicago Press. Chicago vii Wiley, N. (1994) The semiotic self. University of Chicago Press. Chicago. Kapitel 6, 7 und 8

viii Calarco, M. (2008) Zoographies: the question of the animal from Heidegger to Derrida. Columbia University Press. NY

Derrida, J. und Mallet, M. (2008) The animal that therefore I am. Fordham University Press. NY

Lurz, R. (2009) The Philosophy of animal minds. CUP. Cambridge

Gould, S. (1977) Ontogeny and phylogeny. Belknap Press of Harvard University Press. Cambridge. Mass.

ix Steiner, R. (2001) Bewusstsein – Leben – Form. Rudolf Steiner Verlag. Dornach. GA 89. S. 293

x Steiner, R. (1983) Die Erkenntnis des Übersinnlichen in unserer Zeit und deren Bedeutung für das heutige Leben. Rudolf Steiner Verlag. Dornach. GA 55. S. 123

xi Eine inspirierende Einführung in die Geschichte des Konzepts der Gewohnheiten findet sich in: Carlisle, C. (2006) Creatures of habit: The problem and the practice of liberation. Continental Philosophy Review 38, 19-39.



Nach oben

YEP Young Eurythmy Performance
Sam 08.09.2018 - Son 31.03.2019
  www.yep-eurythmie.de Liebe Kollegen, bitte machen sie die Schüler Ihrer oberen Oberstufe...
English Week 2018
Son 11.11.2018 - Fre 16.11.2018
For more information write to: Doris Schlott, englishweek(at)t-online.de Information &...
11th Internationalen Fortbildungswoche
Fre 12.04.2019 - Don 18.04.2019
Themenschwerpunkt: Klasse...
East African Conference
Son 14.04.2019 - Don 18.04.2019
Kontaktperson: Victor Mwai, vicmwai(at)gmail.com     Sobald wir von den...
Waldorf 100 Welterziehertagung
Mon 15.04.2019 - Fre 19.04.2019
  Die  „International Association of Steiner/Waldorf Early Childhood Education“...

  

Jetzt spenden

  

 

Mit freundlicher Unterstützung von