Das Größte, was man vorbereiten kann in dem Kinde, das ist, daß es im rechten Momente des Lebens durch das Verstehen seiner selbst zu dem Erleben der Freiheit kommt.

 

Rudolf Steiner (1861-1925)

Unterricht > Gartenbau
Gärtnern, Umwelt, Pflanzen, Sinneserfahrungen, Tiere, Landwirtschaft
Von: Peter Lange, Januar 2015,

Pädagogischer Gartenbau - Argumente dafür, dagegen und wie man es trotzdem machen kann


Ob als Produzentin oder Konsument, wir alle sind verbunden mit dem Anbau von essbaren Pflanzen, ohne sie können wir nicht leben. Humorvoll und praxisnah zeigt Peter Lange wie wichtig ein Schulgarten für Kinder und den gesamten Schulorganismus ist. Seine Liste von Argumenten ist eine Ermutigung für alle, die bereits einen Schulgarten pflegen aber auch für jene, die von einem solchen träumen.

15 Punkte, die für einen Schulgarten sprechen:



•  Das ganze Leben der Menschen in aller Welt hängt mit der Pflege der Erde, dem Anbauen von Kulturpflanzen sowie der Haltung von Haustieren zusammen. Davon soll jeder Mensch etwas verstehen.


•  Mit einem Garten zieht wirkliches Leben in die Schule ein. Der Garten hat mit allen Dingen des Lebens zu tun. Er ist ein Ort der Schönheit. Menschen brauchen das.


•  Im Garten entstehen Beziehungen zu Erde, Pflanzen, Tieren und Menschen. Nur wenn Beziehungen bestehen, kann etwas verstanden und geliebt werden.


•  Kopf, Herz und Hand werden im Garten gefordert. Heute ist der Kopf sehr gross. Der Garten fördert die Erziehung und Harmonisierung aller drei  Bereiche.


•  Die Kinder und Jugendlichen brauchen vielfältige Sinneserfahrungen und direktes, unmittelbares Erleben von Sonne, Regen, Wärme, Kälte, Duft, Geschmack, Anfassen, Streicheln, Schönheit, Abbau, Verwandlung, Wachstum und Absterben.


•  Die Arbeit im Garten ist grossartig, um sich mit dem Leben zu verbinden. Darin liegen noch viele unausgeschöpfte Möglichkeiten.


•  Die Auseinandersetzung mit dem Garten entwickelt Fähigkeiten. Persönliche Qualitäten, welche im Berufsleben wichtig sind, können hier erworben und geübt werden. 


•  Soziales Handeln lernt man nicht aus Büchern. Anlegen und Pflegen eines Gartens als gemeinschaftliche Aufgabe ist gelebte Sozialkompetenz. Der Schulgarten wird so vom "Biotop" zum"Soziotop".


•  Was ist die Arbeit der anderen Menschen wert? Das kann durch eigenes Tun erfahren werden. Die Kinder erleben, was es an Kenntnissen, Material und Aufwand braucht um auch nur einen Salat zu ziehen. 


•  Der Schulgarten "erdet" die im Unterricht erkannten ökologischen, naturwissenschaftlichen und kulturellen Zusammenhänge. Er ist Fächer übergreifend und verbindend.


•  Der Garten regt zum Handeln an in einer Welt, in der man sehr viel "behandelt" wird. Viele kleine Handlungen führen zu grossen Ergebnissen. 


•  Der Garten ist ein Raum der Schönheit, des Ausgleichs, der Erholung, des Tuns und des Nichtstuns, der Nützlichkeit, des Spiels, des Geniessens. All dies brauchen wir auch.


•  Die Jugendlichen werden durch die Sache selber belehrt. Kaum ein Unterrichtsfach vermittelt in so direkter Weise die Auswirkungen von Tun oder Nichttun. Die Schüler sind "Beteiligte" und "Mitverantwortliche".


•  Angewandte Beziehungspflege als Alltagskultur. Dies ist eine gute Möglichkeit, nachhaltige Wirkungen von gesellschaftlicher Bedeutung zu erzielen.


•  Und was sagt Rudolf Steiner dazu: "...Menschen, die in der Schule einmal diesen Gartenbau - Unterricht durchgemacht haben, werden Entscheidungen treffen können, ob eine Methode oder irgend eine Massnahme in der Landwirtschaft richtig oder falsch ist, nicht weil sie es gelernt haben, sondern aus der Sicherheit des Gefühls heraus. Auch die moralischen Kräfte werden mit so einem Unterricht geübt. In der sozialen Haltung des Erwachsenen erst wird die Auswirkung solchen Unterrichts liegen.” (www.schulgarten.ch/texte/angaben.htm)



19 Punkte, welche die Einrichtung eines Schulgartens schwierig machen



•  Die veralteten Vorstellungen vom "Arbeitsschulgarten" und der "Willenserziehung": Die Kinder sollen endlich lernen zu arbeiten!


•  Die pädagogischen Möglichkeiten des Gartenbauunterrichtes sind nicht bekannt.


•  Die Lehrerausbildung vernachlässigt diesen Bereich.


•  Gartenbau ist kein Prüfungsfach und für das Abitur nicht wichtig. Weglassen oder höchstens in der Unterstufe anbieten. (Anm. d. Red: Es gibt einige staatliche Schulen in Grossbritannien, an denen Gartenbau oder Landwirtschaft als Prüfungsfach für GCSE gewählt werden kann.)


•  Die "Hauptfächer" haben sowieso zu wenig Unterrichtsstunden.


•  Die Kinder haben schon genug Schule. Zusätzliche Stunden gehen der Freizeit ab.


•  Wer gibt zugunsten des Gartenbauunterrichtes von seinen Stunden ab?


•  "Wir haben es doch schon immer so gemacht!" Bestehende Strukturen können neue Ideen verunmöglichen.


•  Die Einrichtung eines Schulgartens stört die Ordnung um das Schulhaus.


•  Es braucht eine Gartenbaulehrkraft, welche die Verantwortung für den Garten übernimmt und diesen pflegt. Mit den Schülern alleine geht das nicht.


•  Der Garten ist wetter- und jahreszeitabhängig und hat seine Eigengesetzlichkeit. Diese steht oft im Konflikt mit den normalen Schulabläufen. Das Gartenjahr ist nicht gleich wie das Schuljahr. Die Stundenplaner sind gefordert, Lösungen zu finden.


•  Er verlangt Einsatz und Pflege ausserhalb der Schulzeit (Wochenende, Ferien, Winter) und ist schwierig mit den üblichen Stundenplan- und Pensennormen zu erfassen.


•  Die Schüler machen Gänge und Schulzimmer nach der Gartenarbeit schmutzig. Das erfordert mehr Putzaufwand.


•  Es ist überhaupt schwierig, die Jugendlichen im Freien zu unterrichten. Das schafft nur noch nur noch mehr Probleme.


•  Zusätzliche Kosten für Material, Gebäude, Einrichtungen und Gehälter.


•  Es findet sich kein geeignetes Land für den Schulgarten.


•  Auf dem für einen Schulgarten geeigneten Gelände soll früher oder später gebaut werden.


•  Umständliche Bewilligungsverfahren und – wege durch Behörden, Schulleitung und Konferenzen.


•  Und was sagt Rudolf Steiner dazu?  Kein Wort!

 

19 Mutmacher, damit Du trotzdem einen Schulgarten machen kannst


•   Jeder Garten ist einzigartig. Das hängt von der Grösse, der Lage, dem Klima und den Möglichkeiten des Lehrers ab. Es gibt keine zwei gleichen Schulgärten!


•   Der Garten soll so gross sein, dass immer genug Arbeit vorhanden ist. Schüler merken sehr schnell, ob ihre Arbeit nötig und sinnvoll ist. Wenn Du weniger Land hast, brauchst du mehr Phantasie.


•   Die Kinder und Jugendlichen sollen mit der Erde, den Pflanzen und den Tieren des Gartens in Berührung kommen. Dies soll mit Händen und Füssen, mit Seele und Geist, mit allen Sinnen geschehen. Das ist das Wichtigste.


•   Der Schulgarten ist das grösste Klassenzimmer, es ist aber nach oben und allen Seiten offen. Das hat Folgen, die Du beachten musst.


•   Du brauchst Räume, die Schutz vor Hitze, Kälte und Regen bieten, weil du bei jedem Wetter etwas arbeiten möchtest.


•   Ausserdem musst du einfaches Werkzeug haben, einen Raum, um es aufzubewahren, sowie einen Platz für Stiefel, Schürzen und Kleider.


•   Je nach dem, wo Du bist, braucht es auch ein Gewächshaus oder Frühbeetkästen für die Pflanzenanzucht und natürlich auch Wasser.


•   Eigentlich braucht es für einen Schulgarten gar nicht viel.


•   Der Schulgarten ist ein pädagogischer Raum wie ein Klassenzimmer. Es ist deine Aufgabe, diesen zu gestalten. Die Hecke um den Garten sind die Wände, die Beete die Arbeitstische und zugleich Unterrichtsmaterial, die Wege geben die Struktur.


•   Es ist nicht einfach, im Freien zu unterrichten. Die Schüler brauchen einen Rahmen, sie müssen wissen wo was ist, was sie dürfen und was nicht. Je besser Dir das gelingt, desto weniger disziplinarische Probleme hast Du.


•   Der Schulgarten darf nicht langweilig sein. Es soll viel Interessantes zu finden und zu entdecken sein. Und er muss schön sein. Die Natur hilft dir sehr gerne dabei - Du musst ihr aber sagen, was du willst!


•   Der Schulgarten kann eine Mischung aus englischem Garten (die Natur wirken lassen, aber gestalten) und Barockgarten (alles ist nach klarer Ordnung gepflegt und geschnitten) sein. Was er nicht sein darf: ungepflegt.


•   Die Kinder kommen einige Jahre in den Garten. Sie entwickeln Gewohnheiten und nehmen das Bild des Gartens für ihr ganzes Leben mit. Es lohnt sich, dieses Bild so gut wie möglich werden zu lassen. Es ist Teil unserer Verantwortung.


•   Was du auch wissen musst: Mit Kleinlichkeit und Pingeligkeit verdirbst du den Kindern die Freude am Gärtnern.


•   Als Lehrer musst du drei Dinge mitbringen und stets daran arbeiten: 1. Die Kinder gerne haben und sie auf dem Entwicklungsweg begleiten wollen. 2. Du musst dein Fach beherrschen. 3. Du musst eine riesengrosse Begeisterung für deine Arbeit haben.


•   Es gibt viele Gartenbaulehrer mit grossartigen Erfahrungen. Sprich mit ihnen oder besuche sie. Es lohnt sich!


•   Du findest auch gute Literatur mit Grundlagen und methodischer Hilfe. Schau einmal auf www.schulgarten.ch vorbei!


•   Aufgepasst: Als Gartenbaulehrer wird der Gärtner in Dir ziemlich leiden! Die Schüler machen es nie ganz so, wie es gärtnerisch richtig ist. Und die Ferien liegen definitiv am falschen Ort. Und dann die Stundenausfälle... und das Wetter... Spätestens jetzt erfährst Du, dass Du in erster Linie eine pädagogische Aufgabe hast. Finde dich damit ab. Aber resigniere nicht!


•   Und was sagt Rudolf Steiner dazu: "Werden Sie Tänzer!"




Peter Lange, Gartenbaulehrer an der Rudolf Steiner Schule Zürcher Oberland in der Schweiz, Dozent für Pädagogischen Gartenbau AfAP

 

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