Wer erziehen will, muss selber erzogen sein. Wer auf die Jugend wirken will, muss selber jung bleiben und unablässig an sich selber arbeiten.

 

Simon Gfeller, Schweizer Pädagoge und Mundartschriftsteller (1868 - 1943)

Selbstverwaltung
Eltern, Konflikte, Elternabend, Erziehungspartnerschaft, Zusammenarbeit, aktives Zuhören
Von: Karin Smith, Juni 2014,

Mehr als Kuchenbacken


Was verstehen wir unter dem oft verwendeten Begriff „Elternarbeit“? Denken wir an den freiwilligen Einsatz der Eltern am Basar und beim Putzen? Oder geht es um ein „Bearbeiten“ der Eltern am Elternabend? Sollen die Lehrkräfte den Eltern Nachhilfeunterricht in Erziehung und Pädagogik geben? Wie können sich Eltern in die Gestaltung der Zukunft der Schule aktiv einbringen, was können Lehrerinnen und Lehrer dazu beitragen und welche Punkte sind dabei wichtig?

 

Die Waldorfschule wurde aus einem Sozialimpuls heraus gegründet; dieser Sozialimpuls lebt im dynamischen Dreieck von Lehrkräften, Kindern und Eltern. Bestimmte Tätigkeiten haben sich im Lauf der Jahre als „typische Elternaufgaben“ etabliert, aber stimmen diese Tätigkeiten noch mit der heutigen sozialen Situation überein? Das Engagement der Eltern für die Schule muss den jeweiligen Gegebenheiten angepasst werden. Eine dozierende Lehrperson am Elternabend, das Reduzieren der sogenannten „Elternarbeit“ auf Kuchen backen oder die Annahme, dass Mütter ihre Tage zuhause verbringen, sind längst veraltete Denkmuster.

Eltern sind selbst Berufsleute, sie sind Kunsthandwerker oder Manager, sie sind Ärztinnen oder Gärtnerinnen; eine Vielfalt von Berufen und Fähigkeiten ist durch die Eltern an den Schulen vertreten. Aufgrund der demographischen Entwicklung gibt es auch viele Grosseltern, die sich gerne sinnvoll in die Schule einbringen wollen. Dieses Potential soll an den Schulen willkommen sein. Eltern und Grosseltern wollen nicht einfach „mitarbeiten“, sie wollen mitwirken, mitgestalten und Verantwortung zugesprochen bekommen. Darum muss heute ein der Zeitsituation entsprechendes Elternengagement auf partnerschaftlicher Ebene erfolgen.

 

Hindernisse erkennen

Oft nehmen wir den anderen Menschen in einer bestimmten Rolle wahr, wir sehen „die Lehrkraft“, die „Mutter“, den „Vater“ vor uns und wir sprechen und agieren auch selbst aus unserer Rolle heraus. Dadurch entstehen auf allen Seiten Ängste und Gräben. Lehrpersonen befürchten, von den Eltern als inkompetent angesehen zu werden und verstecken sich darum hinter der Maske der allwissenden Experten. Sie wirken auf die Eltern belehrend, sogar wenn die Eltern bereits länger mit der Schule verbunden sind als die Lehrkraft selbst. Lehrkräfte vergessen manchmal, dass die Eltern die Entwicklung des Kindes von Geburt an miterlebt haben und das Kind auf vielfältigere Weise kennen als die Lehrkraft selbst.

Eltern andererseits zeigen bisweilen wenig Bewusstsein für die Klasse als Ganzes. Ihre Kernfragen lauten: Geht es meinem Kind gut? Wird ihm ausreichend Aufmerksamkeit geschenkt? Werden seine besonderen Bedürfnisse beachtet? Sie erwarten, dass die Schule der bestmögliche Lernort für ihr Kind ist, denn sie haben diese Schule gewählt. Dafür nehmen sie finanzielle Konsequenzen und zeitlichen Mehraufwand in Kauf.

Möglicherweise ahnt Steiner etwas von diesem Konflikt, wenn er am Elternabend der Schule in Stuttgart vom 22.6.1923 sagt: „Uns muss es vor allen Dingen auf Gesinnung ankommen. Wir können nicht viel halten von Anweisungen im einzelnen, dass die Lehrer sich so oder so zu den Eltern verhalten sollen und umgekehrt. Wir können uns von solchen Einzelanweisungen nicht sonderlich viel versprechen, aber sehr viel davon, wenn die Lehrerschaft und Elternschaft sich gegenüberstehen in der richtigen Gesinnung.“1

Es kommt also auf die richtige Gesinnung – oder innere Haltung – an. Dies gilt für die direkte Begegnung von Eltern und Lehrperson in der es um das einzelne Kind geht, aber auch für das Engagement Aller im Schulganzen.

 

Qualitäten wahrnehmen

Eltern und Lehrkräfte sind Trägerinnen und Träger bestimmter Qualitäten. Die Schule ist der tägliche Arbeitsort der Lehrerinnen und Lehrer, durch ihre Tätigkeit entstehen Verlässlichkeit und Konstanz. Deshalb werden sie unter Umständen aber auch als eine geschlossene, verschworene Gemeinschaft wahrgenommen. Sie vollziehen eine Gratwanderung, denn sie müssen eine Gemeinschaft bilden, die gleichzeitig stabil aber auch durchlässig ist.

Eltern sind genauso ein zentraler und unverzichtbarer Teil der Schule. Ohne Eltern gäbe es die Schule nicht. Natürlich bewegen sich eher an der Schulperipherie, sie kommen seltener in das Gebäude und mit zunehmendem Alter der Kinder erfahren sie immer weniger über den Unterricht. Durch die räumliche Distanz zur Schule und zu anderen Familien werden sie womöglich als fragmentiert und fern wahrgenommen. Im besten Fall unterstützen sie aber die Schule ideell und nicht nur finanziell. Dieses unsichtbare Engagement ist für die Lehrkräfte lebensnotwendig.

 

Fragen helfen weiter

In vielen Schulen hat es sich als hilfreich erwiesen, mit einer Reihe von Fragen die Situation der Elternbeteiligung an der Schule in einen Prozess zu führen.

In welcher Phase der Schulentwicklung stehen wir?

Was ist für die momentane Schulsituation notwendig?

Welche Visionen leben bei Eltern und Lehrkräften?

In der Pionierphase einer Schule können wir noch auf die Energie und Begeisterung zählen, die allen Anfängen innewohnen. Nach ein paar Jahren stellt sich aber eine gewisse Ernüchterung und Müdigkeit ein. Auch sind Arbeitsgruppen und Prozesse nach einigen Jahren fest etabliert. Dies mag eine willkommene Ruhe in das Chaos der Gründerjahre bringen, gleichzeitig aber vermisst man die Energie der Pioniergeneration. Welche Fähigkeiten, welche Zusammenarbeitsformen sind nun gefragt?

Wer soll in welchen Gremien mitwirken und bei Entscheidungen mitbeteiligt sein? Wenn beispielsweise innovative Ideen für die Oberstufe im Raum stehen oder ein neuer Spielplatz geplant werden soll, muss untersucht werden, ob und in welchem Rahmen Eltern in die Planung und Ausführung eines solchen Vorhabens einbezogen werden.

Welche Eltern sollen in welchem Rahmen bei der Einstellung neuer Lehrkräfte mitbestimmen? Sollen sie beim Erstellen von Kriterien für Neuanstellungen auch mitwirken?

Wie gestalten wir offene Situationen, in denen sowohl das Individuelle, die Situation des einzelnen Kindes, der Eltern und Lehrkräfte, als auch die Gemeinschaft gleichermassen Beachtung finden ohne gegeneinander ausgespielt zu werden?

 

Nähe, wohl oder übel?

Der Wille zum Mitwirken in einer Schule ist immer auch ein Entscheid zur Zusammenarbeit mit anderen. Dies hat aber seine Tücken: Der Elternabend besteht aus Menschen, die einander nicht selbst gewählt haben. Es ist gut möglich, dass die Ansichten der einen, den anderen nicht gefallen, dass Lebensanschauungen aufeinanderprallen, dass Erziehungsstile kollidieren.

Da sitzen in „meiner“ Projektgruppe, im Elternabend oder im Arbeitskreis vielleicht Menschen, die mir absonderlich scheinen. Und mein Kind geht mit dem Kind von „denen“ zur Schule! Schon sieht die besorgte Mutter die gefürchtete Einladung zur Geburtstagsparty im MacDonald's und den scheußlich iPod im Kinderzimmer auftauchen.

Und da sitze ich dann mit Menschen, deren Äusserungen ich als ungefragte Einmischung oder Besserwisserei wahrnehme, die für mein Empfinden zu forsch, zu zurückhaltend, zu egozentrisch, zu modern oder zu intellektuell sind. Das ärgert mich, denn ich wünsche mir eine offene Atmosphäre damit Neues, Zukünftiges für die Schule entstehen kann. Was hilft mir nun weiter?

 

Das Zuhören lernen

Die grundlegendste Fähigkeit, die wir brauchen, ist die Fähigkeit des Zuhörens. Wir meinen, das Zuhören diene dazu, etwas zu meinem Nutzen zu erfahren, was der andere bereits weiss. Die Philosophin Natalie Knapp2 macht aber darauf aufmerksam, dass „das grössere Potential des Zuhörens darin besteht, etwas zu erfahren, was der andere auch noch nicht weiss.“ Empathisches Zuhören ermöglicht es meinem Gegenüber, sich über seine Gedanken klar zu werden. Eine Schülerin drückte es einmal so aus: „Erst wenn ich spreche, merke ich, was ich denke.“

Die wichtigste Aufgabe an einem Elternabend oder in einer Arbeitsgruppe besteht demnach darin, den Gedanken des Gegenübers Raum zu geben. Dies schafft die Grundlage für weitere Beiträge, Ideen, Visionen. Somit entsteht ein dynamischer Prozess des gemeinsamen Nachdenkens welcher, laut Knapp, „die Intelligenz von Gruppen weckt.“ Erst dann wird auch zukunftsgerichtetes Handeln möglich. Wir alle sind aber Kinder einer immer individualistischer werdenden Kultur. Empathisches Zuhören, gemeinsames Nachdenken und verbindendes Handeln fällt uns schwer. Es bedeutet, die eigene Meinung, das eigene Anliegen und die allgegenwärtige Besserwisserei zurückzuhalten.

Elternengagement hat viele Aspekte; nur ein Teil davon ist hier angesprochen. Manchmal wandern die Beteiligten darin wie in einer lieblichen Hügellandschaft, manchmal aber auch wie in einem Dschungel oder einem Minenfeld. Empathisches Zuhören ist Kompass und Wanderstab für alle.




Mit herzlichem Dank an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Arbeitsgruppe „Schule ganzheitlich denken – die Mitarbeit der Eltern in der Schule heute“ mit Florian Osswald und Claire Wyss. Gesamtschweizerische LehrerInnen WeiterbildungsTage 2014.



Karin Smith setzt sich seit 2003 in der Doppelrolle von Schulmutter und Lehrerin mit Elternengagement auseinander. Manchmal scheint ihr, sie höre die Worte des alten Songs von Joni Mitchell „Both Sides Now.“

 

 

Weiterführende Literatur

Böckstiegel, E. und M. (2012) Miteinander arbeiten statt übereinander reden. Selbstverwaltung als Chance für Eltern.

www.erziehungskunst.de [24.1.2014]

 

Carstensen, J. (2010) Ohne Eltern geht es nicht.

www.erziehungskunst.de [24.1.2014]

 

Dietz, K.M. (2002) Eltern und Lehrer an der Waldorfschule. Heidelberg: MENON Verlag.

 

Leinenweber, B.(2013) An einem Strang ziehen. Elternarbeit im Waldorfkindergarten.

www.erziehungskunst.de [24.1.2014]

 

Hilfspersonal, Zahleltern oder echte Partner? Dieser Beitrag von Bruno Vanoni steht hier für Sie bereit.

 

Flynn, V., Olmstead S. and Pewtherer, J. Young Schools Guide: Parent Partnership. p. 32 and 33.

www.waldorfresearchinstitute.org [24.1.2014]

 

Mäkinen, E. (2008) Developing Parent-Teacher Practices in Steiner Waldorf Schools. MA Thesis. Rudolf Steiner University College, Norway. International Masters Degree Programme.

 

Novom, M. Survey of Waldorf School Parents: Volunteerism, Communication, Social Interaction

www.waldorfresearchinstitute.org [24.1.2014]

Lesen Sie den Forschungsbericht in englischer Sprache hier.

 

 

1Steiner, R. (1980) Elternabend, 22.6. 1923. GA 298

2 Knapp, N. (2013) Kompass Neues Denken. Wie wir uns in einer unübersichtlichen Welt orientieren können. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt



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