Wer erziehen will, muss selber erzogen sein. Wer auf die Jugend wirken will, muss selber jung bleiben und unablässig an sich selber arbeiten.

 

Simon Gfeller, Schweizer Pädagoge und Mundartschriftsteller (1868 - 1943)

Frühe Kindheit
Kleinkind, Bewegungsentwicklung, Gesundheit, Kleinkindpflege, Pädiatrie
Von: Claudia Grah-Wittich, Oktober 2013,

Der pädagogische Impuls Emmi Piklers und die Waldorfpädagogik


Dieser Beitrag gibt einen Überblick über das Leben und Wirken Emmi Piklers, einer Pionierin der Pädiatrie. Die Autorin vergleicht Pikler und Steiners Ansatz der Kinderbeobachtung- und erziehung und streicht deren Gemeinsamkeiten heraus.

Der Impuls Emmi Piklers

 

Emmi Pikler wurde 1902 in Wien geboren und starb 1984 in Budapest. Sie studierte Medizin in Wien und erhielt ihre pädiatrische Fachausbildung bei Freiherr Clemens von Pirquet. Er prägte als Lehrer ihre spätere Lebensaufgabe, da er den Ansatz vertrat, dass es medizinisch in erster Linie darauf ankomme, das Kind gesund zu erhalten und „sich nicht auf das Erkennen und Heilen von Krankheiten zu beschränken. Nicht die Krankheit war die Hauptsache, sondern das Kind.“ (l) So beschäftigte sich Pirquet intensiv mit Erziehungsfragen.

Zur Ausbildung in der „Pirquet-Klink“ gehörte selbstverständlich ein Praktikum in der Pflege und Säuglingsernährung. Durch ihren weiteren Lehrer, dem Kinderchirurgen Hans Salzer, lernt sie wie ganz anders eine Untersuchung verläuft, wenn der Arzt sich freundlich den kleinen Patienten zuwendete und Kontakt mit ihnen aufbaut. Beide Impulse, die Erziehung zum Gesunden und die Prävention im Sinne von Pirquet sowie die empathische Haltung Salzers dem Kind gegenüber, prägten Emmi Pikler späteren eigenen Ansatz.

Bedeutsam auf ihrem fachlichen Weg war auch ihr eigener Mann, der als Mathematiker und Pädagoge ihre entwicklungsphysiologischen Überlegungen teilte. Beide entschieden bei der Geburt ihres ersten Kindes, alles zu tun, um ihrem Kind eine gesunde Entwicklung zu ermöglichen. Es war ihnen wichtig, die eigene Entwicklung des Kindes zu respektieren und mit Geduld zu begleiten und seine freie Bewegungsentfaltung nicht einzuschränken.

Ab 1935 war Emmi Pikler in Ungarn als Kinderärztin anerkannt und tätig. Sie hielt Vorträge über Pflege und Erziehung von Säuglingen und Kleinkindern und arbeitete zehn Jahre als Familienärztin in eigener Praxis. Nach dem Krieg kümmerte sie sich innerhalb einer ungarischen Organisation um verlassene und unterernährte Kinder .Sie gründete 1946 aus diesen Erfahrungen das Säuglingsheim Lóczy.

Durch sorgfältige Anleitung der Pflegerinnen und durch die Achtsamkeit in der Gestaltung der Umgebung gelang es ihr, den Kindern eine geborgene Atmosphäre zu schaffen, die ihnen ein Heranwachsen ohne die üblichen Verwahrlosungserscheinung und Hospitalismus ermöglichte.

Unermüdlich erforschte und beobachte Emmi Pikler in der Praxis die Kinder und entwickelte aus diesen Beobachtungen am Kinde einen differenzierten eigenen Ansatz für eine selbständige Bewegungsentwicklung des Kindes. Der pädagogische Impuls Emmi Piklers bezieht sich hauptsächlich auf

1. die Pflege des Kindes. Hier geht es um das „Zusammensein“ von Erwachsenen und Kindern, für das die Erwachsenen Sorge zu tragen haben, dass es hier zu einem guten Einvernehmen kommt. Innere Ruhe und hohe Präsenz bei aller Pflege gehört zum Selbstverständnis der Pikler-Pädagogik. Alle Handlungen geschehen in einvernehmlichen Kontakt mit dem Kind und sorgen für eine sichere Bindung.

2. Ein weiterer entscheidender Punkt ist es, dem Grundbedürfnis jedes Kindes, alles selber tun und ausprobieren zu wollen, bewusst Raum zu geben. Die freie Bewegungsentwicklung und damit freie Entfaltung nach individuellen Zeitrhythmen war das Ziel Emmi Piklers.

3. Zum Konzept Emmi Piklers gehört die vorbereitete Gestaltung der Umgebung, einer für das Kind Geborgenheit ausstrahlende Atmosphäre, in der freie Spiel und die Pflege altersentsprechend geschehen können.

Emmi Piklers pädagogischen Erkenntnissen liegt eine Fülle von Wahrnehmungen zu Grunde. Sie beobachtet die Vielfalt in der Entwicklung und die Variationen und grenzt sich ab von allen Programmen und Normen für die Kleinkindentwicklung. Aus ihren Forschungen geht durch konkretes Beobachten hervor, wie sich die Kindern – lässt der Erwachsenen ihnen nur den nötigen freien Raum – den ihnen innewohnenden Gesetzen entsprechend entwickeln. Notwendig sind das Präsentsein der Erwachsenen und die gute Beziehung zu den Kindern. Dies wird unterstützt durch die Sprache, mit der die Erzieherinnen den Kindern Resonanz geben und sprachlich begleiten was sie tun. Nicht Erklärungen, Fragen oder Belehrungen sind dabei Inhalte des Sprechens, sondern brennen, was die Hände tun.

Emmi Piklers Forschungsergebnisse und die Waldorfpädagogik

Setzen wir die Erkenntnisse und Beobachtungen Emmi Piklers in ein Verhältnis zur Menschenkunde aus anthroposophischer Erkenntnis, so kann Folgendes festgestellt werden:

- Die Untersuchungen zur selbständigen Bewegungsentwicklung bei Kindern durch Emmi Pikler sind aus der genauen Beobachtung der Kinder abgeleitet und ergänzen so die durch die Geisteswissenschaft erweiterte Menschenkunde;

- in beiden Betrachtungsweisen gibt es für das Kind und seine Entwicklung kein von außen gesetztes Programm oder Norm. Vielmehr kommt es auf die im Kinde liegende und sich im Verhältnis zu seiner konkret gestalteten Umwelt entfaltenden Gesetzmäßigkeiten an.

- Beide Ansätze legen größten Wert auf die Gestaltung der Umwelt der Kinder als wichtigen Bezugspunkt der kindlichen Entwicklung. Rudolf Steiner betont ebenso ­– wie Emmi Pikler es anregt –: „Nur die richtige physische Umgebung wirkt auf das Kind so, dass seine physischen Organe sich in die richtige Formen prägen.“ (2)

- Für beide Betrachtungsweisen spielen die Erwachsenen als Vorbild für das kleine Kind eine entscheidende Rolle, an dem sich die kindliche Entwicklung orientieren und seine Nachahmungsfähigkeiten entwickeln kann.

- Beide Sichtweisen halten den Freiraum im Spiel für entscheidend und regen an, dass Erzieherinnen dabei nicht helfen und nicht eingreifen. Pikler setzt sich für eine freie Bewegungsentfaltung als Basis der Persönlichkeitsentwicklung ein. Rudolf Steiner hebt die Bedeutung der freien Bewegungsentwicklung hervor als Voraussetzung für die sich daran anschließend Sprach- und Denkentwicklung und die Entwicklung des Selbstbewusstseins.

Emmi Pikler haben wir es zu verdanken, dass sie aus ihren Untersuchungen und Erkenntnissen eine Schule für Kleinkind- oder Elementarpädagogik aufgebaut hat, die heute von aufgeschlossenen pädagogischen Kreisen mit großem Interesse wahrgenommen und aufgenommen wird. Die Beobachtungen, Erkenntnisse und viele praktische Ansätze sind in den Büchern Emmi Piklers niedergelegt und werden heute von der Pikler Gesellschaft in Berlin und von ihrer Tochter Anna Tardos in Budapest unter schwierigsten wirtschaftlichen Verhältnissen fortgesetzt und weiterentwickelt. Dort finden auch Einführungen und Weiterbildungen statt.



1 Emmi Pikler: Laßt mir Zeit – die selbständige Bewegungsentwicklung des Kindes bis zum freien Gehen, München 1988.

2 Rudolf Steiner, Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft, Dornach 1969



Claudia Grah-Wittich, geb. 1957, verheiratet mit Justus Wittich, drei erwachsene Kinder

Studium der Philosophie und Kunstgeschichte M.A., Dipl. Sozialarbeitern,

tätig in der Frühforderung und Elternberatung am „hof“ in Niederursel/Frankfurt,


Fachreferentin für frühe Kindheit, Krippenberatung, Dozentin an verschiedenen Ausbildungsstätten, Vorträge und Seminare im In und Ausland


 


Mitverantwortlich für die Weiterbildung: „Eltern beraten - Kinder Neu sehen lernen“ Neubeginn: November 2014




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